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Wenn doch wenigstens ein Ehedrama daraus geworden wäre mit der wunderbaren Glenn Close und Jonathan Pryce.

"Die Frau des Nobelpreisträgers"

Die Ghostwriterin

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Björn Runges Drama "Die Frau des Nobelpreisträgers" wirft einen lediglich äußerlichen Blick auf den Literaturbetrieb.

Das alte Hollywood wusste, wie man Schriftstellerei darstellt. Das Klappern einer Schreibmaschine in einem halbdunklen, schwer verrauchten Zimmer galt als verlässliche Analogie literarischer Produktivität. Die Schreibblockade dagegen, das Verzweifeln vor dem weißen Papier, verwies auch das filmische Medium auf sein größtes Tabu, die Angst vor dem Stillstand. Niemand hat diese naive Sicht auf Kreativität so schön ad absurdum geführt wie Stanley Kubrick in „The Shining“: Da lässt das weithin vernehmliche Geklapper des von Jack Nicholson gespielten Autors nicht unbedingt auf ein Elaborat besonderer Tiefe schließen.

Hollywood hielt nicht viel von seinen Autoren, die es auf den Studiogeländen in billige Baracken steckte. „Bücher sind das Werk der Einsamkeit und die Kinder des Schweigens“, schrieb Marcel Proust, der mit der Filmindustrie freilich nichts zu tun hatte und den Tonfilm nicht mehr erleben musste. Er fügte hinzu: „Die Kinder des Schweigens dürfen nichts mit den Kindern des Geredes zu tun haben.“

Auch „Die Frau des Nobelpreisträgers“ ist, wenn man so will, ein Kind des Geredes, es ist kein Film über Literatur oder die kreativen Prozesse, die sie hervorbringt. Das kann man bedauern, denn immerhin geht es darin um ein Schriftsteller-Ehepaar im Augenblick seines größten öffentlichen Triumphs, wenigstens für den männlichen Teil: Jonathan Pryce, zuletzt in Terry Gilliams „The Man Who Killed Don Quixote“ selbst als literarische Figur zu sehen, spielt den Erfolgsautor Joe Castleman. Dass seine Frau weit größeren Anteil an seiner Arbeit hat, als offiziell bekannt, dürfen wir hier bereits verraten. Es ist keine Überraschung bei einem Film, der „Die Frau des Nobelpreisträgers“ heißt, im Original schlicht: „The Wife“. Doch das muss erst noch sehr langsam und mit vielsagenden Gedankenstrichen enthüllt werden.

Als das Telefon klingelt und jemand mit schwedischem Akzent mit gebotener Förmlichkeit zur Nobelpreisvergabe gratuliert, freut Castleman sich wie ein Kind. Gemeinsam mit seiner Frau Joan (Glenn Close) hüpft er wie neu geboren auf dem Ehebett herum. Es ist ein Moment genau wie man ihn sich vorstellt, was im Kino einerseits befriedigen kann, anderseits aber auch frustrieren. Wäre es nicht interessanter, einen Film darüber zu drehen, wie ein Angestellter der Schwedischen Akademie der Wissenschaften wochenlang vergeblich versucht, Bob Dylan ans Telefon zu kriegen und der sich vielleicht gar nicht freut? Vielleicht taugt ja ein Nobelpreis ebenso wenig als Gradmesser für literarischen Erfolg wie das Geklapper einer Schreibmaschine Kreativität ausdrückt.

Nun, in der Spielzeit des Films, im Jahre 1993, war an einen Preis für Dylan natürlich nicht zu denken. Damals bekam übrigens Toni Morrison den Preis, und auch einen Film darüber würden wir vielleicht lieber sehen als die Geschichte, die nun folgt – in einer konventionellen Rückblendenstruktur so gemächlich aufgefächert, wie man es von weniger anspruchsvollen Büchern kennt (auch dieser Film hat eine literarische Vorlage, Meg Wolitzer hat sie geschrieben).

Wir erfahren, wie sich das Paar in den fünfziger Jahren kennenlernt. Auf dem Campus des noblen Smith College – der größten und angesehensten der Lehranstalten für Frauen in den USA – bahnt sich ein asymmetrisches Liebesverhältnis an; der gestandene Lehrer würdigt das Talent der Schülerin, um es während ihrer langen Ehe auszubeuten. Hier könnte der interessante Teil des Films beginnen, die merkwürdige Umkehr von Geschlechterrollen, denn der Preis für die Ghostwriter-Tätigkeit der Frau ist ein sie umsorgender Ehemann. Ist es am Ende er, der ihr den Rücken frei hält und nicht umgekehrt?

Als ein Journalist (Christian Slater) Verdacht schöpft, droht diese für beide Ehepartner offenbar akzeptable Konstruktion ins Wanken zu geraten. Auch jetzt könnte es noch einmal interessant werden, denn man wartet natürlich darauf, dass sich der aufgestaute Frust der in ihrer literarischen Begabung unbeachteten Frau endlich entlädt. Zumal – wie sich nun ebenfalls herausstellt – der Mann nicht einmal ein treuer Gatte ist.

Der schwedische Filmemacher Björn Runge schürt diese Spannung insbesondere bei der größten Szene des kammerspielhaften Films, der Preisverleihung, und wirkt doch unentschlossen. Man versteht diese Frauenfigur bis zuletzt nicht. Selbst wenn es ihr reicht, im Verborgenen zu wirken, warum überhaupt erträgt sie den eitlen Nichtsnutz, mit dem sie da verheiratet ist? Nur, um ihm sein literarisches Unvermögen vor Augen zu führen?

Die große Schauspielkunst von Glenn Close, die mit Blicken ganze Bände sprechen kann, reicht nicht aus, die Lücken in der Konstruktion zu füllen. Der Film verliert sich in Äußerlichkeiten wie einem Flug mit der Concorde oder dem Glamour der königlichen Preisverleihung. Wenn man sich schon nicht für die Innenansicht der literarischen Arbeit interessiert, dann hätte vielleicht noch ein Ehedrama oder ein Thriller daraus werden können.

Von den Problemen dieses Films konnte schon das alte Hollywood ein Lied singen: Wenn das Drehbuch nichts taugt, ist der Film kaum noch zu retten. „Schafft den verdammten Autor her“, riefen dann die Regisseure, was nicht weiter schwierig war. Die saßen ja fleißig in ihren Studio-Baracken und klapperten auf den Maschinen.

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