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Der britische Filmregisseur Ken Loach wird mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.

„I, Daniel Blake“

Das ist der Gewinner der Goldenen Palme

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Mit Ken Loachs „I, Daniel Blake“ gewinnt ein Meisterwerk des politischen Films in Cannes die Goldene Palme. Kritikerfavoritin Maren Ade ging leer aus.

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In Cannes dominiert seit einigen Jahren das Erwartbare vor dem Überraschenden. Das wäre für jedes große Kunstereignis ein Problem, doch das größte und wichtigste Ereignis der Filmwelt kann sich diesen Stillstand besonders wenig erlauben. Auch wenn Maren Ades „Toni Erdmann“ nicht gewonnen hat: Aller Jubel, den er hier entfachte, entzündete sich an der Frische ihres Erzählens. Es war der bei weitem originellste Film des Wettbewerbs und vermutlich auch des ganzen Festivals. Große Namen enttäuschten reihenweise, nicht freilich der 79-jährige Ken Loach. Der wuchs, offensichtlich aus Wut über die sozialen Missstände in seiner Heimat, über sich hinaus mit dem Drama „I, Daniel Blake“. Es ist ein makelloser Film, nicht der originellste aber in einem klassischen Sinn vermutlich auch der beste.

Loach und sein langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty zeichnen minutiös auf, wie eine verantwortungslose Sozialpolitik auch die Tüchtigsten in einer Gesellschaft vollkommen zerbrechen kann.

„Es gibt zwei Arten von Film“, sagte Loach bei der Preisverleihung, „die eine weckt die Imagination, die andere zeigt uns die Welt so, wie sie ist. Unsere Welt befindet sich in größter Gefahr.“ Der sogenannte Neoliberalismus habe Millionen von Menschen und ganze Länder wie Spanien und Griechenland in Armut getrieben. „Aber eine traditionelle Aufgabe des Kinos besteht darin, die Menschen gegenüber den Mächtigen zu vertreten. Eine andere Welt ist nötig und sie ist möglich.“

Doch „I, Daniel Blake“ ist nicht nur eine Mahnung an das verhängnisvolle Erbe von Tony Blair und Gerhard Schröder. Alle Tragik bricht sich an der positiven Haltung seiner Hauptfigur, eines 59-jährigen arbeitslosen Schreiners aus Nordengland. Nichts kann diese Figur in ihren moralischen Werten erschüttern, Loach zeigt sich hier als Nachfahre von Chaplin und dem Neoralisten Vittorio De Sica.

Und noch ein zweiter Altmeister beglückte in Cannes: der 87-jährige Chilene Alexandro Jodorowsky. „Poesie Sin Fin“, „Endless Poetry“ nannte er die autobiographische Coming-of-Age-Geschichte seiner selbst, die noch origineller gelungen war als ihr Vorgänger, „La danza de la realidad“ von 2013.

Jodorowksy, der mit André Breton, Jean Cocteau und Marcel Marceau arbeitete, bevor er Kultfilme wie „El Topo“ drehte, wurde Ken Loach wohl widersprechen: Man kann auch mit den Mitteln des Imaginativen von der Wirklichkeit erzählte. Mit einfachen Papierkulissen, die er in die Originalschauplätze seines Lebens stellt, verhandelt er Geschichte und Gegenwart in einem. „Ich hatte das Budget überhaupt nicht zusammen, und habe einfach losgedreht“, erzählte er in Cannes. „Wäre das Geld ausgegangen, ich hätte den Film einfach vor der Kamera zu Ende erzählt.“ Sein Meisterwerk lief in der in diesem Jahr schwächeren Parallel-Sektion „Quinzaine des Réalisateurs“. Dort gewann er keinen Blumentopf, das verbindet ihn mit Maren Ade. Es ist das Schicksal der originellsten Filmpoeten dieses Jahrgangs.

Wenn es Festivaldirektor Thierry Frémaux ernst wäre mit der Förderung des jungen Kinos, würde er sich eine Jury einladen, die es versteht. Präsident war in diesem Jahr George Miller, der große Genrezauberer von „Mad Max“ und dem „Schweinchen Babe“. Kein Wunder, wenn er mit Maren Ade nichts anfangen kann.
Lieber prämierte seine Jury Andrea Arnold. deren herablassender Blick auf die amerikanische Unterschicht in „American Honey“ über Genrevorbilder nicht hinausging. Der „Spezialpreis der Jury“, sonst Innovationen in der Filmkunst vorbehalten, ist völlig unverständlich. Auch der geteilte Regiepreis belohnte mit dem Rumänen Cristian Mungiú („Graduation“) und dem Franzosen Olivier Assayas („Personal Schopper“) eher den handwerklichen Durchschnitt. Ein Festival, das auch bei der Jurybesetzung kaum nach vorne blickt, ist ein Festival von gestern. Auch wenn man mit dem deutschen Beitrag ausnahmsweise einen guten Riecher hatte.

Mit Sean Penns „The Last Face“, einer Elendsschnulze über Ärzte in Krisengebieten, hatte der Wettbewerb seinen Tiefpunkt erreicht. Zu Gunsten von etwas Medienpräsenz hatte man bei diesem Missgriff den eigenen Qualitätsanspruch zurückgestellt. Dagegen lies sich dem iranischen Beitrag „Forushande“ (The Salesman) lediglich vorwerfen, dass sein Regisseur und Autor Asghar Farhadi schon Besseres gedreht hat. Dennoch hätte man eine Stecknadel fallen hören können während der Vorführung dieses minutiös konstruierten Dramas, so pointiert war es geschrieben und gespielt. Das Darstellerpaar aus Farhadis „Alles über Ellly“, Taraneh Alidosti und Shahab Hosseini, begegnet uns darin als Ensemblemitglieder eines Off-Theaters. Das Stück, das sie spielen, scheint nebensächlich, und doch wird Arthur Millers Kritik am amerikanischen Traum in „Der Tod des Handlungsreisenden“ zum moralischen Gradmesser der eigentlichen Geschichte: Nach einem leichten Erdbeben muss das Paar ihre Wohnung wechseln, wo sie der Lebenswandel der unbekannten Vormieterin einholt. Offensichtlich arbeitete diese dort als Prostituierte. Durch ein Versehen lässt die neue Bewohnerin einen der früheren Freier in die Wohnung, der sie in der Dusche überrascht. Da dieses Ereignis nicht gezeigt wird, bleibt ihre Darstellung unwiderlegt, eine Vergewaltigung habe nicht stattgefunden. Die Polizei will sie nicht involvieren, so nimmt der Ehemann selbst die Ermittlungen auf. Schließlich stellt er den Mann, doch der Wahrheitsfindung steht ein Gefühl der eigenen Entehrtheit entgegen, das sonst aus seinem Weltbild verschwunden schien. Shahab Hosseini wurde für seine makellose Interpretation der Hauptrolle geehrt, doch es war keine Rolle, die Außergewöhnliches hätte freisetzen können. Farhadi erhielt den Drehbuchpreis. Doch sein Spiel mit der Auslassung wirkt ein wenig wie Malen nach Zahlen: Es bleibt kaum ein Restchen mehr übrig für die Imagination.

Auch das ist ein Vorteil von Maren Ades Art des Filmemachens. Zwar arbeitet auch sie hoch präzise, doch sie tappt nicht in die Fallen der Pedanterie. Zu einem Ereignis wird ihre Kunst eben nicht dadurch, dass sie beim Drehen perfekt ausmalte, was sie mit Bleistift vorgezeichnet hätte. Die Frische ihrer Inszenierung ist nur dadurch zu erklären, dass sie sich selbst noch überraschen lässt. Und auch wenn sie nun leer ausging: Was wäre dieses Festival gewesen ohne „Toni Erdmann“?

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