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Werner Nekes in seiner Sammlung.

Nekes-Sammlung

Geteiltes Staunen

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Die Werner-Nekes-Sammlung zur Frühgeschichte des Films wird an drei Institute aufgeteilt.

Das Kino, sagt man, wurde 1895 erfunden. In Wahrheit wurden die Grundlagen der heutigen Bildmedien jahrhundertelang vorbereitet – durch Künstler und Wissenschaftler, Schausteller und Spielzeugmacher. Die weltweit bedeutendste Sammlung zur Vorgeschichte des Kinos erwuchs über vier Jahrzehnte im Haus des 2018 verstorbenen Filmemachers Werner Nekes in Mülheim/Ruhr.

Einzigartige Vielfalt

In spektakulären Ausstellungen – etwa 2002 im Kölner Museum Ludwig – lehrte sie Jung und Alt das Staunen: Neben den berühmten Seh-Maschinen vergangener Jahrhunderte, den Laternae Magicae und Wundertrommeln umfasst sie kostbare Bücher mit frühen Darstellungen optischer Phänomene, die bis in die Renaissance zurückreichen. Dazu Gemälde, Zeichnungen, Artefakte aus den verschiedensten Kulturen.

Wenn am heutigen Freitag erstmals seit Nekes’ Tod Teile der Kollektion im Schloss Köln-Porz-Wahn für die Presse präsentiert werden, endet ein jahrelanges Tauziehen um die Zukunft der einzigartigen Sammlung. Kenner und Freunde hofften stets, dass die etwa 25 000 Objekte (nach Nekes’ Zählung 40 000) an einem Ort verwahrt und ausgestellt werden könnten. Leider ist das nicht gelungen. Weil sich keine einzelne der interessierten Institutionen den von Nekes’ Witwe Ursula Richert-Nekes geforderten Kaufpreis leisten konnte, rauften sich drei deutsche Mediensammlungen zusammen: die Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität Köln, das Deutsche Filminstitut und Filmmuseum Frankfurt und das Filmmuseum Potsdam. Die Anregung dazu kam durch die Kulturstiftung der Länder, die eine Million zuschoss. Wie hoch der gesamte Kaufpreis gewesen ist, darüber hüllen sich die Erwerber in Schweigen. Höher jedenfalls als eine Million, aber doch wohl niedriger als der von der Verkäuferin anfänglich kommunizierte Wunschpreis von zwölf Millionen.

Schon zu Lebzeiten hatte sich Nekes vergeblich bemüht, ein der Öffentlichkeit zugängliches Heim für seine Sammlung zu finden. Ein in einem Mülheimer Wasserturm geplantes Museum scheiterte seinerzeit an einer Laune der Kommunalpolitik. Auch jetzt fehlte es weniger an guten Ideen für Standorte – von der Essener Zeche Zollverein bis zum Berliner Humboldtforum. Da die meisten Stücke keinen direkten Kinobezug haben, erscheint ihre Verteilung auf drei Film- und Theaterarchive kaum ideal.

Es ist unwahrscheinlich, dass diese Institute jetzt Kunsthistoriker oder Naturwissenschaftler anstellen werden, um den einzelnen Sammlungsaspekten gerecht zu werden. Tatsächlich war Nekes am Ende seines Lebens der größte Experte einer Spezialwissenschaft, die er selbst begründet hatte.

Zusammenspiel der Objekte

In fünf Jahrzehnten hatte er mit seiner Sammeltätigkeit die Grundlagen zu einem einzigartigen Zugang zur Medienwissenschaft geschaffen; welch ein Schatz für künftige Generationen. Diese Sammlung zu zerreißen, käme der Auslöschung eines Lebenswerks gleich, denn erst im Zusammenspiel fügen sie sich zu einer Weltgeschichte des Augenzaubers und erklären die Frage, die er in einem seiner Filmtitel stellte: „Was geschah wirklich zwischen den Bildern.“

Zwar heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Institute: „Bestandteil der Vereinbarung anlässlich des Sammlungserwerbs ist, dass es nicht zu einer finalen Aufteilung kommt. Ein Kooperationsvertrag sichert den drei Kaufparteien die wissenschaftliche und museale Arbeit mit allen Sammlungsteilen zu.“

Im Gespräch bestätigt die Direktorin des Frankfurter Filmmuseums, Ellen Harrington, jedoch, dass es keinen zentralen Ort geben wird, aus dem einzelne Stücke ausgeliehen werden. „Jedes Museum wird Teile von allen Aspekten beherbergen“, erklärt sie – also eine Art Nekes-Sammlung in Miniatur.

Da Nekes kein eigenes Vermögen für Ankäufe besaß, versuchte er stets Doubletten zu vermeiden und verbesserte seine Sammlung durch clevere Tauschgeschäfte. Nicht jeder konnte dabei seine Präferenzen nachvollziehen – etwa wenn er eine frühe Zeichnung der Künstlerin Eva Hesse verkaufte, um den ersten Fernseher mit Nipkow-Scheibe zu erwerben, der 1926 in England hergestellt wurde. Dieses Objekt gelangt, wie auf Anfrage zu erfahren ist, ins Frankfurter Filmmuseum ebenso wie weitere Höhepunkte – ein frühes 3-Foto aus hintereinander montierten Glasplatten des Kino-Erfinders Louis Lumière und John Dees Mathematikbuch mit Pop-Up-Tafeln von 1570.

Doch auch wenn sich die Sammlung auf drei Häuser in drei Bundesländern verteilt, zeigt Harrington sich überzeugt, dass alle Objekte der Forschung zur Verfügung stehen. Auch eine große Ausstellung ist geplant. „Wenn es nicht zu diesem gemeinschaftlichen Ankauf gekommen wäre, wären die Sachen einzeln auf dem Auktionsmarkt oder ins Ausland verkauft worden.“

Dieses Damoklesschwert machte die Verhandlungen auch für das NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft nicht einfacher. „Wir hätten uns auch eine andere Lösung gewünscht“, heißt es aus dem Ministerium. Von der Kraftanstrengung, den Kaufpreis aufzubringen, zeugt die lange Liste der weiteren Förderer.

Auch wenn die Aufteilung der Sammlung an drei Institute einem Ausverkauf an die internationale Sammler-Community fraglos vorzuziehen ist, ist sie auch ein Armutszeugnis: Gibt es denn wirklich kein Museum in Deutschland, das sich auf interdisziplinäre Forschung versteht und sich für frühe Mediengeschichte interessiert?

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