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Toni (Marie Bäumer) ist total ausgebrannt und sitzt im Therapiezimmer, im Hintergrund Sarah (Melanie Straub).

„Brief an mein Leben“, ZDF

Gesund werden und weitermachen

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„Brief an mein Leben“: Das ZDF zeigt einen so überzeugenden wie unterhaltsamen Film über ein Burn-out.

Die Frau im Film, weit überdurchschnittlich erfolgreich, fleißig und engagiert, heillos überlastet, total ausgebrannt, kann das Wort „Burn-out“ nicht leiden. Es habe so eine „Lifestyle-Anmutung“ und gehöre heute „zum erfolgreichen Berufsleben wie das Eigenheim zur Vorbildfamilie“. Man sieht, wie die Frau aber nicht mehr kann, sich durch einen Vortrag stammelt, einen Termin vergisst, eine Bedienung anraunzt, mit dem Gepäck nicht fertig wird, mit dem Fuß umknickt. Das Umknicken des Fußes, keine große Sache, ist genial, wie jeder bestätigen wird, der auch manchmal nicht weiß, wie er es hinbekommen soll und darum früher aufsteht, später ins Bett geht und keine bessere Antwort auf die Ausgelaugtheit hat, als sich noch mehr Mühe zu geben.

Gratwanderung

„Brief an mein Leben“, geschrieben von Laila Stieler, inszeniert von Urs Egger, ist ein großartiges Beispiel für die Gratwanderung zwischen routinierter Belehrung über ein längst durchdiskutiertes Problem und einem überzeugenden Film. Dass es in diesem Fall auf einen überzeugenden Film hinläuft, liegt gewiss auch an der Hauptdarstellerin, Marie Bäumer, die ihr irritierend herbes Gesicht im Verlauf der Handlung auf eine Art öffnen kann, als wäre es ein Visier und dahinter ein vergnügter Mensch. Und einer, der einfach nicht mehr aufhören kann zu weinen. Es liegt aber auch an der klugen Herangehensweise von Stieler und Egger, die nicht auf Vollständigkeit bestehen, und schon gar nicht auf einem vollständigen Zuendeerklären von allem, was hier angetippt wird. Stattdessen bietet „Brief an mein Leben“ eine wie hingetupfte, mehr individuelle als exemplarische Szenenfolge.

Die Frau begibt sich am Anfang freiwillig in eine Klinik. Der dortige Alltag, der ihr furchtbar auf die Nerven geht – „wenn ihr wollt, könnt ihr euch jetzt umarmen“ –, steht im Zentrum und wird mit einem wertfreien, kühlen Humor erzählt, der Spielraum in der Beurteilung lässt. In Rückblenden ist zu erfahren, dass die Mutter an Leukämie gestorben ist, die bereits völlig überforderte Tochter wollte auch hier unbedingt alles richtig machen. Sie hat sich außerdem in eine sympathische Frau verliebt, die ist wie sie, aber entspannter. Christina Hecke spielt sie hinreißend beiläufig. Die Besetzung: überhaupt opulent, unter anderem mit Hanns Zischler als Klinikleiter, Antoine Monot Jr. als Patient oder Jutta Wachowiak als Mutter.

Nach Miriam Meckels Buch

„Brief an mein Leben“ basiert lose auf dem 2010 herausgekommenen gleichnamigen Buch der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel (deren Lebensgefährtin Fernsehmoderatorin Anne Will ist). Meckel, Jahrgang 1967, deren Karriere wirklich rasende Züge trägt und deren Buch über ihren Zusammenbruch konsequenter-, aber auch verrückterweise ebenfalls immens erfolgreich war, ist heute Chefredakteurin der „Wirtschaftswoche“. So zeigt auch der Film eine Frau, die nicht ihr Leben ändern will, ein Leben, das sie ja mag, mit einer Arbeit, die ihr Spaß macht, sondern die – vielleicht klinge das etwas naiv, sagt sie – wieder gesund werden will. „So krank bin ich doch nicht“, sagt sie einmal. Lügt sie sich in die Tasche? Nicht mehr als andere.

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