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Thierry Frémaux stellt das Festivalprogramm 2018 vor.

Filmfestspiele Cannes

Geschenkte Vormittage

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Die Kritik soll warten: Cannes streicht Vorab-Vorführungen für die Presse.

In Cannes fing die Presse ihre Würmer gerne früh am Morgen. Um 8 Uhr 30 lud das Filmfestival stets zu Pressevorführungen der Wettbewerbsfilme des jeweiligen Tages ein, einen weiteren Film gab es sogar schon am Vorabend zu sehen. Damit hat es nun ein Ende. Bei der 70. Ausgabe, die am 10. Mai beginnt, soll niemand die Filme eher sehen dürfen als die Premierengäste auf dem Roten Teppich. Insbesondere Printmedien reagierten mit einem Aufschrei. Nun wird es auch uns nicht mehr möglich sein, Ihnen wie gewohnt bereits am nächsten Tag von neuen Filmen zu berichten.

Glaubt man Festivalchef Thierry Frémaux, möchte er vor allem die Filmemacher schützen, denen eine schlechte Aufnahme bei der Kritik schon mal die Premierenstimmung verhagelt hat. Andererseits: Bei der Berlinale funktioniert das gleiche System vorgezogener Pressevorführungen stets konfliktfrei. Schließlich gehört es bei der Presse zum guten Ton, sich an Sperrfristen zu halten. So schwer es vielleicht manchmal fallen mag, gerade Enttäuschungen für sich zu behalten.

Kennt man aber das französische Festival mit seinem verzweigten System von Privilegien wird man besonders skeptisch. Wird man nicht vielleicht doch den wichtigsten französischen Medien und einigen Edelfedern, den Besitzern der „carte blanche“ ein Hintertürchen öffnen? Und wie sollte es überhaupt möglich sein, parallel zu den Premieren allen rund 4000 Journalisten die Filme zu zeigen?

Es wird ein Hauen und Stechen geben, nur eines nicht: Eine Aufwertung des Wettbewerbs, wie sich das die Direktion vielleicht wünscht. Viel wahrscheinlicher ist, dass Kritiker die ihnen geschenkten Vormittage nun bei der Stiefschwester des Festivals verbringen, der unabhängig kuratierten „Quinzaine des réalisateurs“. Dort gibt es immerhin Neues vom französischen Skandalfilmer Gaspar Noé oder dem Japaner Mamuro Hosada zu sehen. Gern hätte man die gewonnene Zeit auch in der lange angekündigten, späten Premiere des letzten Orson-Welles-Films, „The Other Side of the Wind“ verbracht.

Aber um die hat sich Cannes nun selbst gebracht, weil es den Internet-Produzenten Netflix vergrault hat. Im letzten Jahr noch mit offenen Armen empfangen, wurden dessen Filme kurzfristig aus dem Wettbewerb verbannt. Es dürfte wohl wirklich ein Neubeginn werden, aber anders als ihn sich das Festival vorgestellt hat. Es sich mit der Kritik zu verscherzen, der treuesten und größten Besuchergruppe, kann sich gerade im cinephilen Frankreich niemand leisten.

Bei der 70. Ausgabe könnte in Cannes der Wettbewerb plötzlich zur Nebensache werden. Und das wäre angesichts des schwachen letzten Jahrgangs vielleicht auch nicht einmal so schlecht.

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