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David Wagner begrüßt den Vorstoß des Bundesgesundheitsministers.

David Wagner

„Das Geschenk, weiterleben zu dürfen“

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Der Schriftsteller David Wagner im Gespräch über seine Lebertransplantation und den Entwurf zum neuen Organspendegesetz.

Herr Wagner, Sie haben 2013 den Roman „Leben“ geschrieben und den Preis der Leipziger Buchmesse dafür erhalten. Wenn Sie mir erlauben, dass ich ihn einen Krankenhausroman nenne, dann fällt auf, dass es zwar viele Arzt- und Krankenhaus-Serien gibt, der Schauplatz in der Literatur aber eher selten gewählt wird. Stimmt der Eindruck?
Das Krankenhaus ist ein Ort, der sich besonders gut dafür eignet, um Geschichten zu erzählen. Ich bezeichne das Krankenhaus deshalb auch als Geschichtenhaus. Als Ort des Erzählens hat mich das schon immer fasziniert. Der Patient muss dem Arzt immer wieder seine Geschichte erzählen, und der Arzt macht daraus dessen Krankengeschichte. Und in einem Mehrbettzimmer erzählen sich die Patienten gegenseitig ihre Geschichten. Insofern freut es mich, dass Sie die Bezeichnung Krankenhausroman gewählt haben, weil das Buch für mich mehr ist als ein Roman über eine Krankheit. Mir ging es um den Topos Krankenhaus. Und das Gute ist: Solange Patienten ihre Geschichten erzählen, sind sie noch nicht tot.

„Leben“ handelt von einer Lebertransplantation, die unverkennbar Ihre eigene ist. Finden Sie es lästig, seither immer wieder einmal als Experte zum Thema Organspende befragt zu werden?
Nein, überhaupt nicht. Es ist mir ein Anliegen, darüber zu sprechen. Ich habe den Roman ja auch geschrieben, um mir selbst diese gewaltige Geschichte zu erklären. Ein Mensch, der eigentlich sterben muss, wird durch das Geschenk, die Gabe eines Verstorbenen, gerettet und darf weiterleben. Dass das überhaupt möglich ist, versetzt mich immer noch ins Staunen. Das wollte und das musste ich erzählen.

Was macht das mit einen Menschen, wenn er das Organ eines anderen in sich trägt?
Da ist natürlich das Gefühl einer großen Dankbarkeit. Aber wo bringe ich dieses Gefühl hin? Es handelt sich um eine große asymmetrische Gabe. Man kann Danke sagen, aber wem?

Sie haben keine Informationen über den Spender?
Das Prinzip bei Spenden mit Eurotransplant ist ja, dass es anonyme Spenden sind. Das hat auch seinen Sinn, weil sich andernfalls seltsame Abhängigkeiten ergeben könnten. Für einen Schriftsteller ist das natürlich eine tolle Vorlage.

Weil Sie selbst derjenige sind, der diesen leeren Raum ausfüllen darf?
Ja, ich kenne das Geschlecht des Spenders nicht, ich weiß nicht einmal sein Alter. Das Geschlecht des Spenders könnte ich in meiner Krankenakte finden, aber ich habe auf die Information verzichtet – ich wünsche mir natürlich, dass es eine Frau war. Darüber hinaus habe ich ganz einfach das Bedürfnis, zu informieren. Bei Lesungen habe ich die Erfahrung gemacht, dass es allenfalls ein diffuses Wissen über Organtransplantation gibt, außerdem existieren viele Ängste. Es gibt in unserer Kultur nun einmal eine große Scheu, an den eigenen Tod zu denken. Ich habe mein Buch deshalb auch als Angebot verstanden, das Gespräch darüber zu normalisieren.

Stellt der Begriff der Organspende nicht einen Euphemismus dar? Müsste nicht eher von einer Organentnahme die Rede sein?
Nein. Der technische Begriff für Organentnahme lautet Explantation. Aber vor dem medizinischen Vorgang steht die Entscheidung, diese zu erlauben. Es ist eine Spende, und sie geschieht freiwillig. In besonderen Fällen können, wenn es keine Informationen über eine Willensentscheidung gibt, auch die Angehörigen darüber befinden.

Was halten Sie von dem Vorstoß von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Karl Lauterbach, die Widerspruchslösung gesetzlich zu verankern?
Ich stehe dem sehr positiv gegenüber, und ich habe bis vor zwei Jahren nicht zu hoffen gewagt, dass wir diese Diskussion führen könnten. Die Deutschen sind nun einmal sehr angstbesetzt und es überkommt sie schnell das Gefühl, ihnen werde etwas weggenommen. Und natürlich ist die Debatte durch die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert auf besondere Weise belastet.

Was ist das Besondere an der Widerspruchslösung?
Sie geht von dem Grundsatz aus, dass jeder sowohl Organspender als auch -empfänger sein kann. Es sei denn, er erklärt ausdrücklich, dass er das nicht will. Es bleibt eine freiwillige Entscheidung. Es gibt Länder in Europa, Spanien und Österreich werden häufig genannt, in denen die Bereitschaft, Organe zu spenden, sehr hoch ist. Ich halte es auch für eine Frage der Gerechtigkeit, dass alle dazu aufgefordert werden, sich Gedanken darüber zu machen.

Woran liegt es, dass über 80 Prozent der Deutschen die Organspende befürworten, sie sich aber schwer tun, einen Spenderausweis zu tragen?
Obwohl man meint, dass darüber bereits alles gesagt ist, denke ich, dass noch nicht genug darüber gesprochen worden ist. Es gibt nach wie vor eine enorme Abwehr, über den eigenen Tod nachzudenken. Ich sage ja nicht, dass alle Organspender sein sollen. Aber jeder sollte sich mit der Frage auseinandergesetzt haben. Das sollte man von einem erwachsenen Bürger doch verlangen können.

Das aber setzt einen mündigen Bürger voraus, an dem man in anderen politischen Entscheidungsprozessen zuletzt auch schon einmal verzweifeln konnte. Ist das Motiv der Verdrängung möglicherweise nicht hinreichend bedacht worden?
Ja, das kann sein. Aber dann gilt es, die Verdrängung zu durchbrechen. Diejenigen, die vorgeben, die Frage nicht entscheiden zu können, dürfen ja auch wählen gehen.

Können Sie die ethischen Bedenken nachvollziehen, denen zufolge die Widerspruchsregelung als Zwangsspende angesehen wird?
Interessant ist in dem Zusammenhang, dass sich der Deutsche Ethikrat 2007 für die Widerspruchsregelung ausgesprochen hat. Das legt nahe, dass die ethischen Einwände sorgfältig abgewogen wurden und dass sie mit Blick auf die Widerspruchsregelung nicht gravierend ins Gewicht fielen. Es geht um eine Entscheidung, mehr wird nicht verlangt. Einen Zwang kann ich da nicht erkennen.

Die Grünen-Politikerin Annalena Baerböck sagte kürzlich in einem TV-Interview, selbstverständlich habe sie einen Spenderausweis, trage ihn aber gerade nicht bei sich. Ist diese Widersprüchlichkeit nicht die Realität?
Wenn der Ernstfall eintritt, gibt es in den meisten Fällen ja auch Angehörige, die über die mögliche Existenz eines Spenderausweises wissen. Es kann auch neu entschieden werden. Als Betroffener, der sehr viel Glück hatte, bin ich natürlich befangen. Ich bin für die Widerspruchslösung, aber ich bin bereits dankbar für die bloße Diskussion.

Haben Sie sich mit den Fragen auseinandergesetzt, bevor eine Transplantation für Sie relevant wurde.
Ja. Ich litt an einer chronischen Leberkrankheit, die über Jahre dafür gesorgt hat, dass meine Leberleistung abnahm. Ich war sehr früh damit konfrontiert, dass ich entweder nicht sehr alt werde oder etwas Rettendes passieren muss. Eine mögliche Transplantation stand dann über Jahre im Raum. Ich habe nicht darauf gewartet, und ich habe mich auch nicht darauf gefreut. Ich habe es sehr lange, fast zu lange, aufgeschoben.

Was hat das mit Ihnen gemacht?
Ich habe es natürlich so gut verdrängt, wie es ging. Ich wollte und wollte gleichzeitig nicht. Es bedeutete ja für mich auch einen Abschied von meinem alten Leben. In biochemischer Hinsicht ist die Leber ein Organ, das das Gehirn sehr beeinflusst, sie steuert Stimmungen und Wahrnehmungen. Ich hatte Angst, danach nicht mehr derjenige zu sein, der ich vorher war.

Und? Wie ist es ausgegangen?
Tja. (lacht) Ich bin schon ein anderer geworden. Ich bin einfach so viel gesünder als vorher. Ich bin wacher, leistungsfähiger.

Verfolgen Sie gesundheitspolitische Debatten seither mit besonderer Aufmerksamkeit?
Die Entwicklung der Diskussion verfolge ich selbstverständlich mit großem Engagement. Ich habe Respekt vor Jens Spahn, dass er den Umgang mit dem Thema ganz neu belebt hat. Man merkt, dass es ein Bundesgesundheitsministerium gibt. Das ist doch auch schon was. Es ist leider so, dass die negativen Berichte über Krankenhäuser sehr viel attraktiver zu sein scheinen als positive Nachrichten. Stichwort: Pflegekatastrophe und Notstandsgebiet Krankenhaus. Dabei könnte man doch so viele gute Geschichten erzählen. Tatsächlich haben wir eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Und man darf auch nicht vergessen, dass wir in einer Solidargemeinschaft leben, die das Prinzip der Organspende unterhält. In anderen Ländern kann oft nur derjenige ein neues Organ bekommen, der es sich auch leisten kann.

Interview: Harry Nutt

Zur Person

David Wagner wurde 1971 in Andernach am Rhein geboren und lebt – unterbrochen von Aufenthalten in Rom, Barcelona und Mexiko-Stadt – als freier Schriftsteller in Berlin. Sein erster Roman „Meine nachtblaue Hose“ über eine Kindheit im Rheinland erschien im Jahr 2000. Neben weiteren Romanen und Erzählungen erhielt David Wagner für seinen Roman „Leben“ 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse.

Sein neuer Roman „Der vergessene Riese“ erscheint in diesem Herbst im Rowohlt Verlag.


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