TV-Kritik

Gerhard Schröder, der Machtmensch: Einblicke in das Leben des Alt-Kanzlers

  • vonHans-Jürgen Linke
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Die Arte-Dokumentation „Gerhard Schröder - Schlage die Trommel“ zeigt das Leben des SPD-Politikers aus einfachen Verhältnissen bis zum Aufstieg zur Macht und seine Aktivitäten als Alt-Kanzler.

  • Gerhard Schröder, Alt-Kanzler und Politiker der SPD, ist Thema einer neuen Dokumentation auf Arte.
  • Der Dokumentarfilmer Thorsten Körner zeigt den Werdegang von Schröder und dessen Aufstieg in der SPD und zum Kanzler.
  • Schröder wird dabei als skrupelloser Machtmensch aus einfachen Verhältnissen und untypischer Sozialdemokrat gezeichnet. Seine Rolle in der SPD und für die Zukunft der Sozialdemokratischen Partei wird dabei diskutiert.

Berlin - Haben Oskar Lafontaine, Rudolf Scharping, Frank Walter Steinmeier, Peer Steinbrück und Martin Schulz vielleicht einfach nicht laut genug getrommelt? Hatten sie Furcht? Gerhard Schröder, der letzte sozialdemokratische Bundeskanzler, liest Heines Gedicht „Doktrin“ mit eigenartig ernst gemeinter, unbekümmerter Heiterkeit: „Schlage die Trommel und fürchte dich nicht / und küsse die Marketenderin!“

Was für einen Sinn auch immer man dahinter erspähen könnte – fest steht: Seit Schröder nicht mehr ihr Vorsitzender ist, hat sich die SPD aus dem Status einer Volkspartei hinausgeschrumpft.

Arte-Doku zu Schröder und der SPD: Dieses leicht brutal unterfütterte Siegerlächeln

Torsten Körners Dokumentation über den Alt-Kanzler der SPD will nicht analysieren und diskutieren, warum das so war, analysiert und diskutiert wird ja schon in der SPD reichlich. Er will erzählen, wie alles kam. Und er präsentiert Gerhard Schröder als einen klaren Charakter: Einen Mann, der aus sehr einfachen Verhältnissen nach ziemlich weit oben kommt, was ohne ein gewisses Maß an Gier, Skrupellosigkeit und Wille zur Macht wohl nicht geklappt hätte.

Dann ist Schröder oben angekommen und will dort erst einmal bleiben, weil sich das gut anfühlt. Ein klarer Charakter. Gut, vielleicht kein besonders anmutiger im sozialdemokratischen Sinn. Vorbildliche Sozialdemokraten haben einfach nicht dieses leicht brutal unterfütterte Siegerlächeln. Sie haben eher Lafontaines korrekte Gesinnung oder, wenn sie staatstragend sein wollen, eher Steinbrücks ruppig-klugen Zynismus, Steinmeiers intellektuelle Seriosität, Schulz‘ zurückhaltende Redlichkeit.

Zur Person:

NameGerhard Schröder
Geburtsdatum07. April 1944 (76 Jahre)
EhepartnerinSo-yeon Kim
ParteiSPD

Insofern ist Schröder wohl ein eher untypischer Sozialdemokrat. Und vielleicht hat ihn gerade das zum Kanzler qualifiziert. Oskar Lafontaine würde ihm heute noch einen „Klassenverrat“ unter die Nase reiben, was Schröder herzlich wenig interessieren würde.

Die SPD und ihr Alt-Kanzler Schröder (Arte) - sein Weg zur Macht

Körners Film erzählt Schröders Weg zur Macht und zeigt ihn als Mächtigen. Zeigt ihn mit seinen Frauen, in unangenehmen und triumphalen Situationen, lässt Gegner*innen und Weggefährt*innen zu Wort kommen und bastelt aus all dem ein stimmiges, dennoch angenehm lückenhaftes Mosaik, in dem der Zuschauer eigene Ideen unterbringen kann. Zum Beispiel: Waren es die gelebten Widersprüche, die Schröder populär und handlungsfähig machten? Gibt es einen Politikerinstinkt? Konnte er als Sozialdemokrat so erfolgreich sein, weil er in Wahrheit gar keiner war und sein wollte, sondern beispielsweise eine Arbeitsmarktreform durchboxte, die man eher der CDU – ohne Arbeitnehmerflügel – zugetraut hätte als der SPD?

Man ist am Ende dieses gedankenreichen Films nicht unbedingt schlauer als vorher, aber man hat einer höchst interessanten Erfolgs-Geschichte zugeschaut und dabei auch eine zeitgeschichtliche Lektion absolviert.

Womöglich ist es einfach so, dass Schröder, wie Heinrich Heines Gedicht formuliert, gescheit und ein guter Tambour ist. Vielleicht wissen die Marketenderinnen mehr?

Gerhard Schröder – Schlage die Trommel. Eine Dokumentation über den Fußballspieler, Anwalt und Politiker Gerhard Schröder, Arte, 14. Juli, 21:45 Uhr. 

Im Netz: Arte+7

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