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Die Wirklichkeit ist nicht so leicht zu bewältigen wie der Kampf im Computerspiel: Ben steht unter Druck.
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Die Wirklichkeit ist nicht so leicht zu bewältigen wie der Kampf im Computerspiel: Ben steht unter Druck.

"Ben X" im Kino

Ein Gekreuzigter reicht

Filmisch scharf geschossen: Das phänomenale Regiedebüt des Flamen Nic Balthazar.

Von HEIKE KÜHN

Sieh mir in die Augen", sagt Bens alleinerziehende Mutter jeden Tag aufs Neue, aber Blickkontakt zu halten, selbst mit der einzigen Person, die ihn nie aufgegeben hat, fällt dem schlaksigen Siebzehnjährigen schwer. Weil er weiß, dass er nicht funktioniert, dass sein Mund anstelle eines Lächelns den Schatten eines unverstandenen Gefühls produziert, geht Ben beständig mit sich zu Rate. Seine inneren Monologe, scharfsinnig und verloren zugleich, tragen ihn durch eine feindliche Umwelt.

Eine "leichte" Form des Autismus behindert Bens Reaktionsfähigkeit. Der hypersensible und hochbegabte Junge ist nicht verschlossen, sondern paradoxerweise zu offen für Einflüsse aller Art. Seine Wahrnehmung implodiert förmlich, weil jedes noch so winzige Detail die Größe eines Universums annimmt. Die anderen, die sich für normal halten, tun sein Lächeln als debiles Grinsen ab und seine Unfähigkeit, ihnen aus dem Weg zu gehen, als Lernbehinderung. Ben weiß es besser.

Elegant eingeflochtene Rückblenden beschreiben in Nic Balthazars phänomenalem Regiedebüt "Ben X" den Leidensweg einer empathischen Seele, die von ratlosen Ärzten an arrogante Psychiater weitergereicht wird. Nur in der Parallelwelt des Online-Computerspiels "Archlord", in dem er auf höchstem Niveau Monster besiegt, ist Ben in der Lage, seine Widersacher und damit indirekt auch sich selbst zu beherrschen. Im wirklichen Leben wird er von allgegenwärtigen Quälgeistern gedemütigt. Während seine Peiniger Originalität in einem furchterregenden Uniformismus suchen, der nur Gewinner und Verlierer kennt, fällt Ben aus dem Rahmen: Seine buchstäblich spielerische Version von Realität öffnet auf Türen, Gesichtern und Wänden (Computer-)Fenster in die Welt der Supermänner und Heilerinnen.

Der Flame Nic Balthazar ist ein Multitalent, das viele Kunstarten meistert. Der Filmkritiker schrieb ein Buch über einen Jugendlichen, der von gnadenlosen Mitschülern in den Tod getrieben wurde, arbeitete das Buch in ein erfolgreiches Theaterstück um und verfilmte es. Ironie und Wut, aber auch der Wunsch, die (Film-)Welt zu verändern und einen Ausweg aus der kranken Gesellschaft der Mobber und Stalker zu finden, befeuern sein listenreiches Debüt. Balthazar spielt mit gängigen Mustern von Gesellschaftskritik und medialer Selbstreflexion, wie man sie aus anderen Filmen über die Opfer einer wahnhaft faschistoiden "Normalität" kennt. Was beginnt wie das Drama eines zum Selbstmord Verurteilten, entwickelt sich zu einer cinephilen Rache, in der nicht zurückgeschlagen, sondern filmisch scharf geschossen wird: Die Video-Bilder von den Untaten seiner Folterer sind hinreißend schlagfertig.

Bevor Ben (Greg Timmermans) aus seinem geliebten Onlinespiel, in dem man umkommen und doch in einem neuen Spiel aufleben kann, Lehren zieht, muss sich der Betrachter jedoch auf Szenen von realer Grausamkeit gefasst machen. Zwei Mitschüler setzen alles daran, den hilflosen Ben als Idioten zu entblößen. Ernüchternder ist nur noch die grölende Zustimmung einer Klasse von Mitläufern, die Bens Demütigung mit Handy-Kameras festhält und zur Ausweitung seiner Schande ins Internet stellt.

Zumindest im surrealen Reich der Dämonen und Drachen hat Ben eine Mitstreiterin. In "Archlord" ist Scarlite Bens Heilerin. Das Mädchen, das sich hinter diesem Phantasie-Namen verbirgt, in der Realität zu treffen, schlägt fehl. Als medialer Geist, nur für ihn (und den Kinogänger) sichtbar, rät Scarlite Ben jedoch, sich nicht in den Tod treiben zu lassen: Ein Gekreuzigter reicht.

Bens Auferstehung ist eine fulminante Abrechnung mit Betroffenheit heuchelnden Mitschülern und den Fernsehkameras, die sich nur für spektakuläre Todesfälle interessieren. Erst musste jemand sterben, sagt Bens Mutter vor einem TV-Kamera-Team einmal kryptisch.

Ethische Mahnung und ästhetische Provokation können atemberaubend unterhaltsam sein, das beweist dieser Film, der obendrein die Auseinandersetzung mit der Passion Christi wagt. Die Sündenböcke von heute müssen nicht sterben, solange es streitbare Bilder gibt, die sie mit gezogener Kamera verteidigen.

Ben X, Regie: Nic Balthazar, Belgien / Niederlande 2007, 93 min.

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