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Beckmanns Sportschule live aus Malente.

„Beckmanns Sportschule“, ARD

Der Geist von Malente

Reinhold Beckmann empfängt in der legendären holsteinischen Sportschule Malente verdiente Fußballgrößen, um mit ihnen über alte Zeiten zu plaudern.

Von Tilmann P. Gangloff

Nach mitreißenden Partien können Fußballenthusiasten vor lauter Anspannung und Aufregung ohnehin nicht einschlafen; da ist eine Talkshow genau das Richtige, um wieder runterzukommen. Im ZDF erledigt das nach Länderspiel- oder Champions-League-Abenden Markus Lanz, im „Ersten“ plaudert Alexander Bommes mit Gästen im „Sportschau-Club“. Aber Bommes ist mitsamt seinem Beisitzer Arnd Zeigler in Paris, und daher nutzt Reinhold Beckmann während der Europameisterschaft die Gunst der Stunde und präsentiert ein neues Format: „Beckmanns Sportschule“.

Das Konzept ist schlicht, aber ergreifend, zumindest für Fußballnostalgiker, denn Beckmann lädt seine Gäste in die Sportschule Malente. Dort haben schon ganze Kickergenerationen nach dem gleichnamigen Geist gesucht, der einst Beckenbauer & Co. zum WM-Sieg 1974 geführt hat. Im Grunde ist „Beckmanns Sportschule“ eine Talkshow mit anderen Mitteln: Der Moderator empfängt verdiente Fußballgrößen in der holsteinischen Herberge, um mit ihnen ein bisschen über den zurückliegenden EM-Spieltag zu sprechen und ansonsten vor allem in Erinnerungen zu schwelgen; so war das zumindest zum Auftakt. Die deutsche Nationalmannschaft hatte nicht zuletzt mit Bastian Schweinsteigers furiosem Comeback im Turnierfußball gerade erst wieder ein weiteres Kapitel zur eigenen Legende beigetragen, aber das Spiel war rasch abgehakt. Dank Thomas Berthold, Weltmeister von 1990, regelmäßiger Besucher beim Fußballstammtisch „Doppelpass“ (Sport1) und unter all den meinungsfreudigen Ex-Kickern so etwas wie der Grantler vom Dienst, kam ohnehin keine Freude über den 2:0-Sieg auf. Gast Nummer zwei war der stets verbindliche Horst Hrubesch. Der frühere Stürmer, für den der Begriff „Kopfballungeheuer“ erfunden worden ist, lässt schon deshalb nichts auf die Nationalmannschaft kommen, weil die meisten aktuellen Weltmeister vor ein paar Jahren mit ihm als Trainer U21-Europameister geworden sind.

Zum Disput zwischen den beiden Gästen kam es aber gar nicht erst, weil auch Beckmann nach dem legendären „Geist von Malente“ suchte. Der Rest der EM spielte ebenfalls keine Rolle, obwohl die bisherigen Partien und nicht zuletzt die traurigen Ereignisse rund um das Spiel England gegen Russland wahrlich Diskussionsstoff genug geboten hätten. Stattdessen streifte der Gastgeber lieber durch die Räumlichkeiten, die den Charme eines Landschulheims verströmen. Dort traf er unter anderem Uwe Seeler, der ein bisschen von den alten Zeiten schwärmte. Gemeinsam mit Berthold suchte Beckmann auch die Küche auf, wo die gute Seele des Hauses gerade Schnittchen schmierte und erzählen durfte, wie sie dem Kicker einst im eigenen Badezimmer ein Erkältungsbad zubereitet hat; ein Erlebnis, das für den früheren Abwehrspieler offenbar weitaus weniger einschneidend war als für die Hausdame.

Originell ist immerhin die Idee mit Tim Wiese als Türsteher. Der Ex-Torwart von Werder Bremen hat als angehender Wrestler mittlerweile die richtige Figur für den Job und sorgt für amüsante Zwischenspiele, indem er Schaulustige rigoros abwimmelt („Hier wird’n ‚Tatort’ gedreht“). Witzig sind auch einige der Einspieler, vor allem, wenn sie von Tom Theunissen stammen. Der Autor hat das ARD-Publikum viele Jahre lang mit seinen Fußballsatiren erfreut („Die den Adler tragen“) und ist zuletzt gemeinsam mit Olli Dittrich für die grandiose Doku-Parodie „Schorsch Aigner – Der Mann, der Franz Beckenbauer war“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden; übrigens ein Film von Beckmanns Produktionsfirma „Beckground“, die auch „Beckmanns Sportschule“ herstellt. Eigens aufbleiben muss man für die Sendung trotzdem nicht, aber sie ist perfekt geeignet, um sich nach einem langen Fußballtag sanft in die Nacht verabschieden zu lassen. Heute Abend empfängt Beckmann den stets unterhaltsamen Ex-Trainer Hans Meyer sowie den zumindest früher stets unter Strom stehenden Christoph Daum. 

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