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Szene aus dem Libanesischen Film "The One Man Village".

Dokumentarfilm "The One Man Village"

Es geht nicht um Schuld

Simon El Habre, Regisseur und Neffe des herzzerreißend gutwilligen Semaan El Habre, hat sich entschieden, für seinen seelenvollen Dokumentarfilm "The One Man Village" auf Geschichtswissen zu verzichten. Von Heike Kühn

Von Heike Kühn

Einmal liest Semaan El Habre vor, wann Mrs. Hanouni geboren wurde, heiratete, Kinder bekam und welche von ihren Nachkömmlingen nicht mehr leben. Nur, dass es sich bei dieser zärtlichen Aufzählung um den Stammbaum seiner Kühe handelt. Einst lebten 13 Menschen in dem Haus in den libanesischen Bergen. Sie waren Christen und bebauten ein fruchtbares Land. Nach dem Bürgerkrieg sind die Überlebenden mit 44 anderen Familien aus dem Dorf Ain el-Halazoun fortgezogen. Wer schoss auf wen und warum? Warum kommt die Verwandtschaft des Mannes mit den melancholischen Augen und dem grau gewordenen Schnauzbart nur noch, um überwachsene Wassergräben zu öffnen, im Sommer die Bäume abzuernten und zu Ostern auf traditionelle Weise Eier miteinander zu teilen?

Simon El Habre, Regisseur und Neffe des herzzerreißend gutwilligen Semaan El Habre, hat sich entschieden, für seinen seelenvollen Dokumentarfilm "The One Man Village" auf Geschichtswissen zu verzichten. Man kann nachlesen, dass im libanesischen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 Christen und Drusen aufeinander schossen. Aber man muss sehen, wie der über fünfzigjährige Semaan sich entschlossen hat, seinen Frieden mit einer verwüsteten Landschaft zu machen, in der ihm Vater und Mutter ermordet wurden. Ruhig sei es, sagt der Mann, der sich mit liebevollen Scherzen um alles kümmert, was bedürftig ist: Hühner, Katzen, Hunde, Pferde, Zurückgelassene.

Es fehlt an einem Badezimmer, sonst könnte er vielleicht heiraten. Seine große Liebe ist ihm in den Wirren des Bürgerkrieges verloren gegangen. Vom Krieg erzählen seine gelegentlichen Besucher mit Lücken, die offene Wunden sind. Es geht nicht um Beweise, nicht einmal um Schuld. Früher, sagt ein Alter, habe man gemeinsam von einem Teller gegessen - so wie Jesus und seine Jünger. Was heute ist? Der ganze Film schwingt im Rhythmus der in unvollendeten Sätzen steckengebliebenen Trauer.

Ein hoher Ton geht von diesen Auslassungen aus, als sei er nur für die Ohren der Toten bestimmt. Nur Semaan scheint mit diesem Ton leben zu können. Allein? Nein, sagt er, das sei er nicht im Dorf, wo Mutter und Vater begraben liegen. Und wer ihm zusieht, der fühlt sich seltsam getröstet.

The One Man Village, Regie: Simon El Habre, Libanon 2008,86 Minuten.

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