Froh auf einem Rad: Keren und Tarek.
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Froh auf einem Rad: Keren und Tarek.

Alles für meinen Vater"

Die Gehorsamen und die Ungehorsamen

Dror Zahavis Debüt "Alles für meinen Vater" erzählt von einem palästinensisch-israelischen Weg der Erkenntnis. Von Heike Kühn

Von HEIKE KÜHN

In seinem Buch "Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird" rät Harald Welzer von dem Begriff des Selbstmordattentäters ab. Stattdessen schlägt er vor, von "lebenden Bomben" zu sprechen. Schließlich gehe es den Attentätern nicht um die befreiende Dimension des Selbstmordes, den schon Jean Améry in "Hand an sich legen" als Menschenrecht adelte, sondern darum, möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen. Alle Spielfilme, die es bislang zum Topos der "suizid bomber" gibt - das Englische drückt sich da etwas klarer aus - konzentrieren sich auf diesen Aspekt.

Gleichviel ob bei "Paradise Now" des palästinensischen Regisseurs Hany Abu-Assad oder "The making of" des tunesischen Regisseurs Nouri Bousid, der doppeldeutig erzählt, dass die Attentäter mit der Bombe um den Bauch buchstäblich "gemachte" Männer sind - im Mittelpunkt steht stets die fehlende Freiwilligkeit dieser Todes- und Tötungsart. So sind Said und Khaled aus "Paradise Now" keineswegs leibfeindliche Fundamentalisten. Als Buben haben sie sich beschwatzen lassen. Als Erwachsene sollen sie ihr Versprechen einlösen. Damit sie es sich nicht anders überlegen, bleiben die Anwerber fürs Himmelfahrtskommando über Nacht bei ihnen.

Auch in "Alles für meinen Vater", dem Spielfilmdebüt des in Deutschland lebenden Israeli Dror Zahavi, ist es mit der Überzeugung des "Auserwählten" nicht weit her. Zahavis Film, siebenfach nominiert für den israelischen Filmpreis, betont in Übereinstimmung mit seinem palästinensischen Kollegen, dass die Selbstaufopferung der Täter oft erzwungen ist. Sein trauriger Anti-Held Tarek lebt in der abgeschotteten Westbank und will eigentlich nur in Nazareth Fußball spielen. Die Demütigungen am Checkpoint nach Nazareth bewegen seinen Vater dazu, einen Deal mit den Israelis einzugehen. Damit Tarek spielen kann, hat sein Vater Namen preisgegeben. Diesen Sündenfall soll Tarek wiedergutmachen, indem er sich auf einem belebten Markt in Tel Aviv in die Luft sprengt. Er zögert nicht und betätigt den Auslöser. Doch der Schalter ist defekt und mit ihm drehen alle psychischen Sicherungen durch.

Ausgerechnet in einem jüdischen Elektroladen versucht Tarek, den Schalter ersetzen zu lassen. Inhaber Katz, ein welterfahrener Jude aus Rumänien, vertröstet den jungen Araber auf Sonntag: Am Vorabend des Sabbats sei keine Lieferung zu bekommen. Seltsame Umstände, die im Land der unwahrscheinlichen Geschichten nicht zu weit hergeholt sind, lassen Tarek bei Katz unterkommen. Als Katz' Frau den Gashahn aufdreht, rettet er ihr das Leben. Er erfährt, dass Katz' Sohn von der eignen Armee zu Tode gebracht worden ist. Aus Gründen der "Wasserdisziplin" hat man dem jungen Mann das Trinken verwehrt.

Plötzlich erkennt der palästinensische Todesengel Parallelen zu seinem Leben und (ver)zweifelt. Der Druck, unter dem die von allen Seiten bedrohten Israelis leben, reicht in diesem ebenso kritischen wie melancholischen Film schon aus, um Lebensmüdigkeit hervorzurufen. Dazu passt auch das Mädchen Keren, das in Katz' Straße einen maroden Kiosk betreibt. Unerwartet wird ihr von Tarek Hilfe zuteil, als Jungmänner aus der benachbarten orthodoxen Gemeinde sie bedrohen und zur Rückkehr in ihre fromme Familie zwingen wollen.

Kerens Geschichte ist die eines weiteren Vaters, der in Erwartung, das Richtige zu tun, Druck ausübt und weitergibt. Die unmögliche Liebe zwischen dem Mädchen, das nicht länger gehorsam sein will, und dem Jungen, der allen Gehorsam schuldet, lässt kein Happyend zu. Doch die Vertracktheit der Positionen, Wünsche und Feindbilder ist ein subtiler Beitrag zur Kino-Verständigung. Lediglich die Musik ist unterkomplex. Absichtsvoll wie Versicherungswerbung - der Tod kommt rascher als man denkt, sorgen Sie vor - verdirbt sie die surreal gelungenen Dialoge. Vielleicht war auch hier der Druck zu groß.

Alles für meinen Vater,

Regie: Dror Zahavi, Deutschland/Israel 2008, 100 Minuten.

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