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Daraus müsste doch etwas zu machen sein: Tom Hanks in der Wüste, und die Zeit will nicht vergehen.
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Daraus müsste doch etwas zu machen sein: Tom Hanks in der Wüste, und die Zeit will nicht vergehen.

„Ein Hologramm für den König“

Gehen wir lieber nicht zur Hinrichtung

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Kann man sein Glück in Saudi-Arabien finden? Tom Tykwers „Ein Hologramm für den König“ fehlt die Freiheit des Absurden. Der Film bleibt über weite Strecken Illustration und verliert zusehends das Interesse an den Orten, die er bereist.

Die beiden Toms über dem Filmtitel muss ihre Liebe zum Absurden zusammengeschweißt haben. Der eine ist ein deutscher Regisseur, der in magischen Dramen wie „Winterschläfer“, „Lola rennt“ oder „Der Krieger und die Kaiserin“ sinnstiftende Zufälle wie Schicksalswürfel über seine Figuren auswirft. Der andere ist ein amerikanischer Schauspieler, der für einen Bruchteil seiner Hollywoodgagen in den Filmen des Deutschen agiert. Und dann, wieder daheim, legendäre Talkshow-Auftritte über ein surreales Land voller Volkswagen absolviert. Über seinen Fahrer „Racer X“, der es von Dresden nach Berlin in angeblich 17 Minuten schaffte, bis sich der Star dann selbst ans Steuer wagte. „Egal wie schnell man in Deutschland fährt, einer ist immer noch schneller.“ Über rätselhafte Verkehrsschilder mit spielenden Kindern vor Häusern auf blauem Grund. Und vor allem über die Schönheiten der Plattenbauten von Eisenhüttenstadt, „Iron Hut City“.

Seit Mark Twain 1878 durch Deutschland bummelte, hat kein Amerikaner leidenschaftlicher von unserem Land geschwärmt als Tom Hanks.

Wäre „Ein Hologramm für den König“ nicht der gleichnamige Roman von Dave Eggers vorausgegangen, man könnte an eine Verfilmung von Tom Hanks’ Reisegeschichten glauben. Nur mit dem Unterschied, dass die von ihm bewunderte Autobahn, „geradlinig wie eine Start- und Landebahn“, durch die Wüste Saudi-Arabiens führt.

Hier hofft seine Filmfigur Alan Clay, ein amerikanischer Geschäftsmann kurz vor dem Bankrott, auf den alles rettenden Deal. Der frühere Fahrradproduzent ist ein Mann der Old-Economy, der nicht ohne eigenes Zutun unter die Räder geraten ist und nun darum kämpft, die Studiengebühren seiner Tochter bezahlen und einen Rest seiner Würde zu retten.

Weder universelle noch spezifische Bilder

Mit einem Team von ein paar jungen Leuten ist er in den Wüstenstaat gereist, wo in der Mitte von Nirgendwo die Wirtschaftsmetropole King Abdullah Economic City entstehen soll. Hier wollen sie dem saudischen König ihre hochentwickelte IT-Technik vorführen, eine Art holographisches Skype, ähnlich jener flackernden Videobilder, über die einst in einer anderen Wüste der junge Luke Skywalker die Worte von Obi Wan Kenobi vernahm. Nur technisch zugegeben besser aufgelöst.

Der zentrale Schauplatz ist ein Zelt am Rande der riesigen Baustelle, aus der eines Tages die Stadt erwachsen soll. Hier kämpft das Team nicht nur mit drückender Hitze und wackligem WiFi, sondern wartet auf einen König, der einfach nicht kommt. Einige Probleme hat Clay auch selbst mitgebracht. Sie stammen aus dem Reservoir amerikanischer Familiendramen über männliche Krisen in der Lebensmitte. Nach einer unangenehmen Scheidung telefoniert Clay intensiv mit seiner 20-jährigen Tochter, die nun unter der Mutter zu leiden hat.

Clays lokaler Fahrer ist dagegen sein einziger Gesprächspartner vor Ort. „Driver X“ heißt diesmal Youssef, und man versteht sich prächtig. Clay gelingt es, ihn mit amerikanischen Witzen zu erheitern, und dieser versteht es im Gegenzug, ihn mit einem privaten Problem zu erschrecken: Der eifersüchtige Mann seiner Ex-Frau ist angeblich hinter ihm her.

Doch so dramatisch das Leben der beiden abseits der Arbeitsbeziehung ablaufen mag, diese selbst ist von zähflüssiger Langsamkeit geprägt. Die Länge der Fahrzeit und die Unwichtigkeit der Termine gehen eine unselige Verbindung ein. Immer später beginnt Clay, der sich auf geheimen Wegen mit dem streng verbotenen Alkohol versorgen kann, seine sinnlosen Tage. Ein plötzlich auftretendes Geschwür am Rücken wirkt wie der Anflug einer kafkaesken Verwandlung und lässt ihn eine romantische Bekanntschaft machen. Die westlich orientierte Krankenhausärztin Zahra (Sarita Choudhury) lässt ihn vor der Kulisse der absurden Lebensumstände einen neuen Lebenssinn entdecken.

Man könnte sich viele Arten vorstellen, „Ein Hologramm für den König“ zu verfilmen. Das Warten ist ein wunderbares Kinomotiv, Fassbinder und Wenders widmeten dem Stillstand ihre Meisterwerke „Warnung vor einer heiligen Nutte“ und „Der Stand der Dinge“. Das Element surrealer Entfremdung, das bei einem Überschuss an Zeit entstehen kann, hat Sofia Coppola zu ihrem herrlichen „Lost in Translation“ inspiriert.

Tom Tykwers Kino hat sich nie treiben lassen, es ist stets konstruiert. Das ist die Qualität seiner frühen Meisterwerke, die mit bescheidenen Mitteln einen kostbaren visuellen Reichtum entwickelten. Seit „Das Parfüm“ aber gehen seine Filme einen umgekehrten Weg, der Überschuss an Produktionsmitteln scheint seine Phantasie zu lähmen. Sicher, einen Film, der in einem Land spielt, in dem es keine Kinos gibt und das gerade erst – am Rande der Legalität – eine filmende Jugend hervorbringt, kann man nicht vor Ort drehen. Er verlangt nach Künstlichkeit in den Mitteln, die ja auch sein Thema ist. Doch eine Wüste kann man in jeder Wüste drehen, und die Zeit, die der Werkstoff ist für eine Geschichte des Wartens und der Selbstfindung, steht überall im Überschuss zur Verfügung.

Doch dieser Film findet weder universelle noch spezifische Bilder für sein Thema, er hangelt sich über lange Dialoge mühsam an sein irreales Ziel. Auch für die zentrale Frage, ob man in einer Diktatur deren Rechtssystem recht genau den Vorstellungen des so genannten „Islamischen Staats“ entspricht, überhaupt sein Glück finden kann, bleiben höchstens ein paar flüchtige Sätze während der langen Autofahrt. „Da drüben findet gerade eine Hinrichtung statt, wollen wir anhalten?“ – „Ach, lieber nicht“.

Hunger macht nicht kreativ, Übersättigung auch nicht

Der Dekadenz, von der dieser Film handelt, entspricht die Überschussgesellschaft einer deutschen Filmförderung, die einmal erfunden wurde, um radikale, künstlerische Filme zu machen. Und die nun lieber dazu verwendet wird, eine Idee von internationalem Art House zu produzieren, das man selbst in Hollywood ökonomischer herstellen könnte. Zum Vergleich: Steve McQueens Film „Twelve Years a Slave“ kostete (nach Schätzungen) etwa ein Drittel weniger als „Ein Hologramm für den König“. Hier aber ist es üblich, auch kommerziell ausgerichtete Großproduktionen so zu finanzieren, dass sie ohne einen einzigen Zuschauer für alle Beteiligten profitabel sind. Allein für die „producer’s fee“, die dem Produzenten ins Budget geschrieben wird, könnte man ganze Filme drehen.

Das heißt nicht, dass man nicht auch im Überschuss großartige Kunstwerke drehen kann, das klassische Hollywood hat sie hundertfach hervorgebracht. Hunger ist nie gut und macht keineswegs kreativ. Übersättigung allerdings auch nicht.

„Ein Hologramm für den König“ entwickelt einen seltsamen Minimalismus im Überschuss. Nebenfiguren wie Clays mitgereistes Team scheinen zu Statisten degradiert. Es entsteht kein Leben im Zusammenspiel. Auch wenn sich Tykwer für die uniforme Hotel- und Geschäftsarchitektur interessiert, gelingen ihm keine Bilder, die darin etwas Imaginatives freisetzen. Etwas, über das ein Tom Hanks in einer Talkshow schwärmen könnte. Der Film bleibt über weite Strecken Illustration, ja er verliert zusehends das Interesse an den Orten, die er bereist.

Viele Monate bevor „Cloud Atlas“, Hanks’ erste gemeinsame Arbeit mit Tykwer ins Kino kam, schickte ihm Hanks in der David-Letterman-Show eine poetische Deutung voraus: „Was ist ein Ozean anderes als eine Menge vieler Tropfen?“ Gerne hätte man „Ein Hologramm für den König“ auch als einen solchen Ozean bewundert, doch wir stehen nur am Pier. Dieser Film gleicht eher dem Reiseprospekt.

Ein Hologramm für den König. D 2016. Regie: Tom Tykwer. 98 Min.

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