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Der Literaturkritiker und Dr. Watson: Fabrice Luchini und Camille Cotton.

Foenkinos-Verfilmung

„Der geheime Roman des Monsieur Pick“ im Kino: Zwei Personen suchen einen Autor

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Eine liebenswerte und überraschend sachkundige Komödie über den Literaturbetrieb: „Der geheime Roman des Monsieur Pick“.

Wo außer in Frankreich käme man auf die Idee, einen Literaturkritiker zum Helden einer Komödie zu machen? Würde es in Deutschland irgendjemanden einfallen, eine Mystery-Geschichte im Literaturbetrieb anzusiedeln? Oder wer käme auf den schönen Gedanken einer öffentlichen Bibliothek für abgelehnte Manuskripte, irgendwo in einem bretonischen Dorf, wo die Menschen schon deshalb zu Leseratten werden, weil sie sonst nicht viel zu tun haben?

Hierzulande gibt es nicht einmal ein Äquivalent zu der großen Literatur-Talkshow, in der sich jener Skandal entzündet, der Kritiker-Moderator Jean-Michel Rouche (Fabrice Luchini) seinen Job kostet. Er kann sich einfach nicht vorstellen, dass das in besagter Bibliothek aufgefundene Manuskript, das zum Bestseller avanciert ist, wirklich von einem völlig Unbekannten, einem verstorbenen Pizzabäcker stammt.

Über seine mit einem Übermaß an Arroganz vorgebrachte Skepsis verliert er Frau und Job – um sich umgehend selbst an die nötige Detektivarbeit zu machen, den wahren Autor zu finden. Ausgerechnet die Tochter des Pizzabäckers (Camille Cottin), die sich als Königin der Leseratten erweist, wird dabei zu seiner Reisegefährtin – einem weiblichen Doctor Watson, wie er bemerkt, so anerkennend wie uncharmant.

Einmal sind sie mit der Lösung scheinbar schon auf Tuchfühlung: Da begegnen sie Hanna Schygulla in der Rolle einer Exilrussin, die sich in der Romanheldin wiedererkennt: In „Die letzten Stunden einer großen Liebe“ geht es zwar um eine fiktive Liebschaft, der die letzten Gedanken des Dichters Puschkins gehören; doch der Handlungsverlauf gleicht ihrer eigenen Trennungsgeschichte aufs Haar. Doch dies ist nur eine unter vielen Fährten, die dieser Film, der selbst eine Literaturverfilmung ist, wie eine Matroschka-Puppe zum Vorschein bringt (der Roman „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ von David Foenkinos erschien auf Deutsch 2017 bei DVA).

Wäre das Zentrum der Geschichte kein Mordserfolg, sondern ein echtes Tötungsdelikt, könnte man sich bei der Vielzahl skurriler Nebenfiguren und angesichts des Hobby-Detektivs an Agatha Christie erinnert fühlen. Es ist schon faszinierend, wie selbstverständlich man in Frankreich eine Geschichte aus dem Kulturbetrieb für den Mainstream inszeniert. David Foenkinos („Nathalie küsst“) ist selbst auch Filmregisseur, diesmal überließ er die Regie Rémi Bezançon.

Den Literaturbetrieb, von dem Foenkinos erzählt, kennt er als gestandener Bestsellerautor natürlich gut. Noch immer spürt man das Authentische hinter der Karikatur. Das Interessanteste am Ganzen ist freilich die ambivalente Figur des Kritikers.

Am Anfang scheint er noch ein Klischee seines Berufsstands mit seiner verbrämten Arroganz, doch dann gewinnt er allmählich an Menschlichkeit, bis man ihn schließlich ins Herz schließt. Aber nicht, weil er deshalb etwas von seiner Scharfzüngigkeit verlöre. Er behält seine Schwächen – und beeindruckt mit echten Kritikertugenden: Intelligenz, Humor und Konsequenz. Weit mehr aufs Korn genommen ist das Verlagswesen mit seiner Unsitte, Bücher über außerkünstlerische Qualitäten zu vermarkten. Man kann sich nur zu gut vorstellen, dass die Geschichte eines Zufallsfunds einen solchen Hype auslösen könnte. Der Kunstmarkt erlebte vor einigen Jahren ein ähnliches Phänomen mit dem fotografischen Werk der Kinderfrau Vivian Maier, das erst posthum entdeckt wurde, nachdem zwei Glückspilze ihren Nachlass ersteigerten.

Die Idee eines Lesesaals für abgelehnte Manuskripte ist allerdings schon länger Realität. Man nennt ihn das Internet.

Der geheime Roman des Monsieur Pick.F 2019. Regie: Rémi Bezançon. 101 Min.

Filmkritik: Filmemacher Nicolas Pesce reduziert in seinem Relaunch einen japanischen Horrorklassiker auf den amerikanischen Normalzustand: „The Grudge“.

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