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Jared Leto (l.) und Matthew McConaughey in "Dallas Buyers Club". Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit und wurde ebenfalls in der Oscar-Kategorie "Bester Film" nominiert.

"Dallas Buyers Club"

Gegen jede Chance

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Nach einer wahren Geschichte erzählt das Filmdrama „Dallas Buyers Club“ von dem frühen, verzweifelten Kampf gegen HIV in den 1980er Jahren.

Wer sich an die Hilflosigkeit im Umgang mit Aids in den 80er und frühen 90er Jahren erinnert, hätte es nicht für möglich gehalten, einmal einen aufbauenden Film über diese verzweifelte Zeit zu sehen. Aber so ist nun einmal das amerikanische Kino, das lieber von einem Lebensretter wie Oskar Schindler erzählt als von den nationalsozialistischen Massenmördern um ihn herum. Und das sich lieber an den Überlebenswillen eines in die Sklaverei verkauften Mannes hält als allein die Hoffnungslosigkeit seiner Leidensgenossen abzubilden.

„Dallas Buyers Club“, soviel ist sicher, wird sich bei der kommenden Oscar-Verleihung mit „Twelve Years a Slave“ die wichtigsten Preise teilen. Doch während Steve McQueens Sklavendrama zweifellos das größere Kunstwerk ist, versetzt der Kanadier Jean-Marc Vallée mit seiner Geschichte eines zur Selbsthilfe greifenden HIV-Patienten kaum weniger in Erstaunen. Es ist ein makelloser Film, der das uramerikanische Thema von unbeirrbarem Unternehmergeist mit gänzlich anderen Vorzeichen erzählt, ohne jeden Materialismus und mit erstaunlich wenig Pathos.

Das unterscheidet ihn zugleich von einem dritten Oscar-Kandidaten, Martin Scorseses ebenso brillant schillerndem wie oberflächlichem „The Wolf of Wall Street“. Gemeinsam ist beiden Filmen indes ein großer Schauspieler, dort in einer Nebenrolle, hier als Star: Matthew McConaughey.
Zwanzig Kilo nahm er ab für seine Rolle als Rodeo-Reiter Ron, der sich völlig unvermittelt einer HIV-Diagnose stellen muss. Es ist eine umwerfende Performance, auf ihre Art ebenbürtig der Verwandlung eines Robert De Niro in „Wie ein wilder Stier“. Bis zu seinen, wie der Arzt meint, letzten dreißig Tagen hat der ausgesprochen homophob sich gebärdende Texaner keinen Gedanken an diese Krankheit verschwendet.
Doch als er sich nun in die Behandlungsmethoden einliest, muss er erfahren, dass ein vielversprechendes Medikament, das noch nicht zugelassene AZT, für ihn nicht zur Verfügung steht. Kurzerhand besticht er einen Krankenpfleger, der ihm den Wirkstoff besorgt, doch sein Zustand verschlechtert sich zusehends.

Jared Leto spielt die Transsexuelle

Bei einem Versuch, sich in Mexiko Nachschub zu besorgen, rät ihm ein dortiger Arzt dringend ab. Stattdessen verschreibt er ihm zwei weit wirksamere Medikamente. Der gelernte Elektriker Ron beschließt, ein Geschäft aus seiner Entdeckung zu machen, doch Einfuhr und Verkauf nicht zugelassener Arzneimittel sind verboten.

Mit der Gründung eines nicht gewinnorientierten Käuferclubs etabliert er schließlich eine Grauzone, die nicht nur sein eigenes Leben um Jahre verlängert, sondern das Hunderter weiterer von HIV-Patienten.

Soweit die äußeren Umstände der auf einer wahren Begebenheit basierenden Handlung; die eigentliche Entwicklungsgeschichte aber ist eine andere. Sie erzählt von einer gänzlich neuen Selbstverortung eines rechten Unsympathen, eines Casanovas und Trunkenbolds. Nun muss der Mann aus einfachen Verhältnissen gestandenen Medizinern mit seiner Forschung am eigenen Leib die Stirn bieten – und dabei auch noch seine Homophobie überwinden lernen.

Jared Leto spielt die Transsexuelle Rayon, die Ron zunächst im Krankenhaus kennenlernt. In den Augen des Kinozuschauers ist es eine Hassliebe auf den ersten Blick, doch von dieser Erkenntnis ist die Filmfigur ironischerweise noch lange weit entfernt. Ebenso ahnen wir bereits bei der ersten Begegnung mit der weisungsgebundenen Krankenhausärztin Dr. Saks (Jennifer Garner), das auch die institutionelle Medizin einmal über ihren Schatten springen könnte. Das alles scheinen allzu wirkungssichere Zutaten für eine warmherzige dramatische Komödie, doch in der feinen Inszenierung verlieren sie all ihre Formelhaftigkeit. Lediglich der Vater-Sohn-Konflikt (Ron gelingt es zunächst nicht, Empathie bei seinem reichen Vater zu wecken) bleibt in der Schublade stecken, aus der er sichtlich kommt.

Manchmal braucht es einen Film wie diesen

Umso subtiler sind die Feinheiten, mit der hier eine Zeit in ihren Ressentiments aber auch in ihrer tragischen Unwissenheit porträtiert wird. So fängt die Kamera bei der Eröffnungsszene, einem Rodeo-Auftritt Rons, gleichsam am Bildrand ein Paar beim Spontan-Sex ein, einer möglicherweise noch gefährlicheren Betätigung als der in der Arena.

Manchmal braucht es einen Film wie diesen, sich gesellschaftliche Veränderungen bewusst zu machen. Was hier anhand eines Menschen erzählt wird, der über seinen homophoben Schatten springt, haben in den vergangenen Jahrzehnten weite Teile der westlichen Gesellschaft mitvollzogen, aus Ausgrenzung wurde Toleranz, und die ist nur die Vorstufe des eigentlichen Ziels, der Selbstverständlichkeit. Und hat einigen gut gemeinten Spielfilmen über Aids – wie etwa dem Drama „Philadelphia“ eben noch gefehlt.

Fast auf den Tag zwanzig Jahre ist es nun her, dass dieser Film auf der Berlinale reüssierte. Anderthalb Jahre zuvor, am 12. September 1992, war der echte Ron gestorben, sieben Jahre nach seinem ärztlich prognostizierten Lebensende. Wahrscheinlich war seine Geschichte zu unglaublich, um damals schon erzählt zu werden.

Dallas Buyers Club USA 2013 Regie: Jean-Marc Vallée. Mit Matthew McConaughey, Jennifer Garner, Jared Leto. 116 Min.

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