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Gleichzeitigkeit von Haltung und Zerbrochenheit: die Zweigs im Exil.

Neu im Kino: „Vor der Morgenröte“

Gefangenschaft im Paradies

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Die Regisseurin Maria Schrader setzt in ihrer Stefan-Zweig.Filmbiografie "Vor der Morgenröte" Flüchtigen ein Denkmal.

Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“ Ein Faksimile von Stefan Zweigs Abschiedsbrief ist leicht im Internet zu finden, die israelische Nationalbibliothek stellte es vor vier Jahren, zum 70. Todestag, online. Am 22. Februar 1942 nahm sich der Schriftsteller gemeinsam mit seiner Frau Lotte im brasilianischen Exil das Leben, ein Blick auf diese letzte Handschrift des Mannes, der selbst ein berühmter Autographensammler war, treibt einem leicht die Tränen in die Augen.

Es ist die Gleichzeitigkeit von Haltung und Zerbrochenheit, dieses Weiterleben und doch nicht Weiterkönnen, das dieses Dokument über das individuelle Schicksal hinaus zu einem Monument des Flüchtlingsdaseins schlechthin gemacht hat. Kann man dieses nur scheinbar widersprüchliche Gefühl in einen ganzen Film verwandeln? Filmemacherin Maria Schrader und ihr Mitautor und Lebensgefährte Jan Schomburg haben dies geschafft und zwar so überzeugend, dass der Brief, wenn er am Ende im Sterbezimmer verlesen wird, nur wie der logische Ausklang wirkt: Tieftraurig und doch so selbstverständlich, wie sich eben ein Schlussakkord aus dem harmonischen Verlauf eines Musikstücks ergibt.

Noch einmal dankt Stefan Zweig in seinem letzten Brief dem Land, das ihn so freundlich aufgenommen hat, während das Herz des Heimatlosen längst zerbrochen ist, dankt Brasilien, „das mir und meiner Arbeit so gut und gastlich Rast gegeben.“

Schrader findet in ihrem Film betörende Bilder aus dem brüchigen Paradies in der Stadt Petrópolis, der früheren Sommerresidenz des brasilianischen Kaiserhauses. Eine imposante Szene spielt im mannshohen Grün einer Zuckerrohr-Plantage. Doch niemand lebt freiwillig in einem Paradies, einem Wort, das uns nie ohne die Beiworte „Vertreibung“ oder „Tod“ begegnet.

Maria Schrader hat sich bereits in ihrem Erstling „Liebesleben“ als Meisterin der Ensembleführung erwiesen, nun erkennt man ihren eigenen Stil darin. „Vor der Morgenröte“ besteht aus wenigen langen, wie in sich abgeschlossene Kurzfilme ausgespielten Einzelszenen. Der große österreichische Kameramann Wolfgang Thaler, der einige der besten Filme von Ulrich Seidl und Michael Glawogger fotografiert hat, kann dokumentarische Realität unmerklich in Kunst verwandeln. Im Scope-Format gestaltet er Wirklichkeits-Tableaux, die Schrader wie Theaterbühnen bespielen kann. Diese Bilder erinnern in ihrer detailverliebten Schärfe an die modernen Panoramen des Künstlers Jeff Wall, doch ihre Großzügigkeit macht die Einsamkeit des Protagonisten nur noch bewusster.

Die frühe Szene seiner Teilnahme am Pen-Kongress von Buenos Aires, 1936 war das, führt Zweig ein als Diplomaten wider Willen. Längst ist der Österreicher als Jude ein Verfolgter, doch er besteht auf der Trennung von Kunst und Politik. Als radikaler Pazifist scheut der Exilant noch während des Zweiten Weltkriegs die Parteinahme. Später sieht er sich von den vielen Hilfsgesuchen der politisch Verfolgten überfordert und hilft doch, wem er kann.

Seit fünf Jahren ist dieser Film Maria Schraders in Arbeit, doch es gehörte nicht viel dazu, die Aktualität eines solchen Zweig-Satzes vorherzusehen: „Ein halber Kontinent will auf einen anderen flüchten, wenn er könnte.“

Doch dies ist kein Statement-Film wie in so viele Biopics, die nur nach passenden Schauplätzen suchen, um große Worte zu verfilmen. Selten hat man auf so selbstverständliche Art so gute Dialoge gehört in einem deutschen Film, wobei sich der Verdacht aufdrängt, dass es noch einen dritten, ungenannten Drehbuchautor geben könnte. Mit Josef Hader spielt ein Wortkünstler eigener Kategorie die Hauptrolle.

Der Österreicher ist ein Vertreter eines literarischen Kabaretts, wie es in Deutschland mit Hanns-Dieter Hüsch ihren letzten großen Vertreter hatte: Lustiges und Bitterernstes kommen da in einem Atemzug daher. Die Rolle Stefan Zweigs füllt Hader mit einer Leichtigkeit, einer höchst lebendigen Melancholie, wie sie auch für so viele Zweig-Werke typisch ist. Aenne Schwarz ist seine zweite Frau Lotte.

Erst vor einiger Zeit hat Wes Anderson mit seinem Film „Grand Budapest Hotel“ eine ganz eigene Hommage an den Autor geschaffen. Die Reiselust des Bonvivants und das Zwangs-Unterwegssein des Exilanten trafen sich an diesem imaginären Ort von vergangenem Luxus. Die schönste Zweig-Verfilmung ist freilich Max Ophüls’ Hollywoodfilm „Briefe einer Unbekannten“ von 1948, und Maria Schrader hat den Mut, es mit diesem unvergleichlichen Meister filmischer Eleganz aufzunehmen.

Die Schlusszene ihres Films ist eines Max Ophüls würdig: Da betreten Freunde und Bekannte das Sterbezimmer des Paares, das wir, nur sekundenlang, im Spiegelbild einer geöffneten Schranktür erblicken. Eine eigene Filmgeschichte ließe sich schreiben über die tausend Arten, den Tod zu zeigen. Maria Schrader gelingt es mit dem Leben.

Vor der Morgenröte. Deutschland 2016. Regie: Maria Schrader. 106 Min.

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