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Anne Will im Studio ihrer Talkshow.
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Anne Will im Studio ihrer Talkshow.

Anne Will, ARD

Gefahr in der Duschkabine

Anne Will schickte das Thema Innere Sicherheit durch drei Runden, die routiniert durchdiskutiert wurden. Wichtig ist es, klar. Aber macht der Staat alles richtig?

Von Cornelia Geißler

Zu früh ging diese Talkshow zu Ende. Eine Frage blieb so sichtbar offen, dass es bedauerlich war. Hätte Thomas Roth von den Tagesthemen nicht sagen können: Ach, Anne Will, ich geb dir noch fünf Minuten? Wir sind daran gewöhnt, dass die Gäste auf den Studiosesseln gegen Ende zu großer Form auflaufen und noch unbedingt ein paar Thesen unterbringen wollen. Doch diesmal steckte Wolfgang Bosbach Papiere wieder ein, mit denen er auf Juli Zeh antworten wollte. Dass sie mit diesem Argument gegen die Vorratsdatenspeicherung kommen würde, hätte er erwartet, sagte er mit Verve. Er habe die Studien einmal mitgebracht. Auf den Din-A4-Blättern aus seinem Sakko waren nicht mehr als seine gelben Textmarker-Striche zu sehen. 

Thema der Sendung, die zum vorausgegangenen Fernsehfilm „Unterm Radar“ passte, war der islamistische Terror, genauer: Die Frage, ob und wie der Rechtsstaat in der Lage ist, seine Bürger vor Terrorangriffen zu schützen. Drei Schlüsselworte kreisten durch die Runde. Das erste war die Überwachung. Peter Neumann, der als Terrorismusforscher in London lebt, erzählte, wo in seiner Stadt überall Kameras postiert sind, zum Beispiel in jeder U-Bahn. Die Briten hätten sich daran gewöhnt und würden sich sicherer fühlen. Juli Zeh, die gerade erst im „Literarisches Quartett“ gelernt hatte, dass man am meisten Aufmerksamkeit erhält, wenn man anderen ins Wort fällt, ließ nicht locker, ihn nach den konkreten Erfolgen zu fragen. Sie wollte sie sich nicht mit einem „Gefühl“ abspeisen lassen. Und tatsächlich, nur um drei Prozent höher sei die Aufklärungsquote seit der intensivierten Überwachung.

Der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach findet Kameras im Prinzip gut, aber so viele wie in London möchte er in deutschen Städten nicht haben.  Wie erfolgreich Überwachung sein kann, wurde dann mit einem kleinen Film gezeigt, der das Aufspüren der terroristischen Sauerland-Gruppe zusammenfasste. Aber als Juli Zeh ihn auf die Qualität der Kamerabilder von deutschen Bahnhöfen  ansprach – „Da kann man gerade sehen, das ist nicht Frau Merkel und nicht mein Mann“-, da musste er auch lachen.

Anne Will stellte dann eine seltsame Frage: Heiligt der Zweck die Mittel? Kein aufgeklärter Mensch würde da noch mit Ja antworten.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die für die FDP nicht nur lange im Bundestag saß, sondern auch  zwei Mal Bundesjustizministerin war, verlor sich beim Thema Überwachung wie auch beim nächsten Stichwort „Rechtsstaat“ in Beschreibungen dessen, was alles versucht und diskutiert worden sei in der Politik und was man eigentlich müsste und könnte. Juli Zeh sprang ihr interpretierend zur Seite. Frau Leutheusser-Schnarrenberger und sie seien gar nicht gegen den Rechtsstaat, sie wünschten sich nur dringend, dass er seine Möglichkeiten nutze und die entsprechenden Organe mit ausreichenden finanziellen und technischen Mitteln ausstatte, anstatt immer neu Gesetzesänderungen zu diskutieren. Selbstbewusst solle der Staat auftreten.

Zeh hat sich in den letzten Jahren als Überwachungskritikerin profiliert, tritt mit ihrem juristischen Wissen und der analytischen Sprache glaubwürdig auf. Bei Anne Will allerdings griff sie zu albernen Beispielen, als sie die Terrorgefahr in Deutschland relativieren wollte. In der Duschkabine und im Straßenverkehr drohe einem eher der Tod, erst durch die Grippe!

Der dritte Schwerpunkt hieß also „Vorratsdatenspeicherung“. Am Freitag soll das überarbeitete Gesetz zum Thema verabschiedet werden. Und Juli Zeh wollte erklären, wie wenig sinnvoll das sei, eben weil ja die bisherigen Regelungen ausreichten. Es gebe nämlich Studien, die den Sinn des Datensammelns widerlegen. Genau das habe er erwartet, sagte Wolfgang Bosbach also, deshalb habe er diese Studien mitgebracht. Gibt es eigentlich noch Talkshows ohne ihn? Griechenland, Islamismus, Flüchtlinge – zu allem kann er schlüssig eine CDU-Meinung vortragen. In den vergangenen zwei Jahren war Bosbach der meisteingeladene Talkshow-Gast, es sieht ganz so aus, als wollten ARD und ZDF ihm diesen Spitzenplatz wieder gönnen. Mit seinem Cliffhanger, die Papiere auszupacken, aber nicht vorzustellen, hat er sich den Platz in der nächsten Runde garantiert.

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