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„Gefährliche Wahrheit“ (ZDF): Berichterstatter, Boten und Brandstifter

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Von: Harald Keller

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Gefährliche Wahrheit
Die Journalistin Maren Gehrke (Lisa Maria Potthoff) und ihr Kollege Hans Buttke (Uwe Preuss) recherchieren die Hintergründe des Brandes in einer Sozialbausiedlung. © Christiane Pausch/ZDF

Mit „Gefährliche Wahrheit“ offeriert das ZDF eine Kriminalgeschichte vor dem Hintergrund des Zeitungssterbens.

Frankfurt am Main - Wer am Montagabend in den Fernsehprogrammen nach Krimiunterhaltung sucht, wird mit der ZDF-Arte-Koproduktion „Gefährliche Wahrheit“ unter Genregesichtspunkten ganz passabel bedient. Die Autorinnen Frauke Hunfeld und Silke Zertz aber hatten wohl etwas mehr im Sinn als einen reinen Krimiplot. Hier wird erzählerisch zugespitzt, was der journalistischen Publizistik schon geraume Zeit zu schaffen macht.

Maren Gehrke (Lisa Maria Potthoff) arbeitet als Chefreporterin für den „Tageskurier“, eine inhabergeführte Lokalzeitung und damit ein Relikt in der Medienlandschaft. Auch hier ist der Wandel der Branche nicht aufzuhalten, und er hat ein Gesicht: das der jungen Internetredakteurin Sarah Karimi (Almila Bagriacik), die bei ihrer Arbeit auf suchmaschinentaugliche Reizworte setzt, vor Spekulationen und Unterstellungen nicht zurückschreckt.

Die Unterschiede in der handwerklichen Ethik treten verschärft zutage, als über den Brand in einer Sozialbausiedlung berichtet wird. Maren Gehrke und der Fotograf Hans Buttke (Uwe Preuss) sind zur Berichterstattung angerückt. Ein verzweifelter Vater (Sahin Eryilmaz) stürzt aus dem Gebäude, die Tochter im Arm. Gehrke kann sie wiederbeleben. Der vierzehnjährige Sohn des Mannes kommt in den Flammen um.

„Gefährliche Wahrheit“ (ZDF): Ein groß angelegter Coup?

Gehrke erfährt, dass die Trägerin des Projekts, die Immobiliengesellschaft WiDuBai, den Brandschutz sträflich vernachlässigt hat. Es gab keine Rauchmelder, keine Feuerlöscher. Derweil bedient die Kollegin Karimi in der Redaktion die sozialen Netzwerke, spricht, ein infames Wortspiel, von einem „sozialen Brennpunkt“, zieht Verbindungen zu angeblichen Schießereien, spekuliert über einen möglichen Anschlag, für den es keinerlei Hinweise gibt. Zur Rede gestellt, erklärt sie trocken: „‚Anschlag’ klickt. Das ist der Job.“

Gehrke und die Redaktionsleiterin Paula Oberländer-Schaffrath, genannt Posch (Ulrike Kriener), sehen das etwas anders. „Wir glauben erst mal gar nichts. Das ist unser Beruf.“

Die Polizei ermittelt. Ein technischer Fehler, Fahrlässigkeit, auch Brandstiftung kommen in Betracht. Maren Gehrke wird von einem Informanten (Nyamandi Adrian) angesprochen, der ihr Beweise für einen Immobilienskandal offeriert. Aber er möchte bezahlt werden, denn die Veröffentlichung bringe ihn in Lebensgefahr. Deshalb will er die Stadt verlassen.

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Im Rahmen der Kriminalgeschichte greifen die Autorinnen diverse Erscheinungen des Lokalzeitungsmetiers auf. Da fliegt ein brisanter Text schon mal aus dem Blatt, weil kurzfristig eine lukrative Anzeige hereingekommen ist. Layout geht vor Inhalt, das – vermeintlich – verlockende Stichwort vor Faktentreue. Die gesetzlich geforderte Sorgfaltspflicht? Nur noch eine Lachnummer. Der Bedeutungsverlust der Lokalpresse ist in Zahlen messbar und wirkt sich auch auf den fiktiven „Tageskurier“ aus, dessen Verleger Richard Freydank (Hanns Zischler) einräumt, dass er die Zeichen der Zeit zu spät erkannt hat. Seinem Unternehmen droht die Insolvenz, der Region der Verlust der Tageszeitung. Freydank sucht nach einem Investor, um sein Lebenswerk zu retten.

Sichtbar werden auch die seit langem kommunikationswissenschaftlich erfassten Schwächen der Lokalzeitungen. Sie sind oft verschränkt mit örtlichen Vereinen, Unternehmen, Institutionen, auch mit der Lokalpolitik, daher häufig eher Sprachrohr als kritische Berichterstatter.

„Gefährliche Wahrheit“ (ZDF)Rolle und Darsteller:in
Maren GehrkeLisa Maria Potthoff
Paula Oberländer-SchaffrathUlrike Kriener
Hans ButtkeUwe Preuss
Benno FrickChristoph Letkowski
Sarah KarimiAlmila Bagriacik
Richard FreydankHanss Zischler

Frauke Hunfeld und Silke Zertz erzählen davon, zugespitzt, aber nicht wirklichkeitsfern. Journalistin und Lokalpolitikerin sind per Du, der Inhaber der WiDuBai ist Hauptsponsor des Fußballclubs und Unterstützer des Bürgermeisterkandidaten. Es braucht schon Chuzpe, um gegen die Bundesgenossen in den städtischen Zirkeln anzutreten.

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Maren Gehrke, selbst auch nicht frei von Fehltritten, wird zur kritischen Stimme erhoben: „Es ist unser Job, zu recherchieren. Aber dafür fehlt uns die Zeit und das Geld. Stattdessen verkaufen wir alles Mögliche. Vom Weinpaket zum Schraubenzieherset. Wir haben einen Ticketshop, einen Reiseführer, ein Reiseportal …“ Richtig beobachtet, aber an einigen Stellen klingt dergleichen arg aufgesagt, mehr an das Publikum gerichtet als an den jeweiligen Dialogpartner.

Hunfeld, Zertz und Regisseur Jens Wischnewski wählen selbst boulevardeske Mittel, das bedeutet: personalisieren, emotionalisieren, simplifizieren. Was keineswegs schlecht sein muss, vielmehr abhängig ist vom individuellen Stand der beruflichen Ethik und des handwerklichen Vermögens.

Zur Sendung

„Gefährliche Wahrheit, Montag, 25. April 2022, 20:15 Uhr, ZDF und in der ZDF-Mediathek.

Eine Schwäche des Films liegt in der Typenbesetzung. Viele Szenen mit Lisa Maria Potthoff ließen sich nahtlos in eine Episode ihrer Reihe „Sarah Kohr“, einige Auftritte von Ulrike Kriener in „Kommissarin Lucas“ einfügen. Ausgesprochen typisch für den deutschen Fernsehfilm. Es wird zu wenig ‚gegen den Strich’ besetzt, zu sehr aufs Vertraute gebaut. Ein paar mehr Überraschungsmomente würden Filmen wie diesem guttun. (Harald Keller)

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