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„7000 Eichen“ in Kassel, 1982.

„Beuys“

Gebrochenes Charisma

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Andres Veiels einfühlsamer und politischer Porträtfilm konkurriert als einziger Dokumentarfilm im Wettbewerb – und lässt dabei keinen Zweifel an seinen Kinoqualitäten. Eine der wenigen Sternstunden dieser Berlinale.

Politisches Kino ist ein Markenzeichen der Berlinale spätestens seit 1970 Michael Verhoevens Anti-Vietnamkriegsfilm „O.K.“ den Wettbewerb sprengte. Nicht, dass es unbedingt ein ähnlich kontroverser Film sein müsste, aber das versprochene Debattenfutter blieb einstweilen aus.

Auch der in einer Spezialvorführung gezeigte Beitrag „Der junge Karl Marx“ sorgte kaum für Diskussionen, was ironischerweise an seinen geradezu klassischen Qualitäten liegen könnte. Ausgerechnet im Gewand eines historischen Liebesfilms fand Regisseur Raoul Peck eine elegante Spielfläche für politische Theorie. August Diehl verleiht der Titelrolle allen gebotenen intellektuellen Eifer, ohne ins Eiferische zu verfallen.

Das filmische Medium, dessen Erfindung der 1883 gestorbene Marx um zwölf Jahre verpasste, ermöglicht es Andres Veiel dagegen, einen der großen Revolutionäre der Kunst aus erster Hand zu porträtieren. Seine abendfüllende „Beuys“-Würdigung konkurriert als einziger Dokumentarfilm im offiziellen Wettbewerb – und lässt dabei keinen Zweifel an seinen Kinoqualitäten. Noch vor dem Vorspann durchdringt der Blick des Künstlers förmlich den Kinosaal bis in die letzte Reihe hinein.

Das Fundstück stammt aus dem Film „Soziale Plastik“ des Düsseldorfers Lutz Mommartz, der selbst eine Legende der damaligen Filmavantgarde war. Intuitiv erfasste Joseph Beuys da 1969 die Möglichkeiten des Kinos, menschliche Ausstrahlung zu transportieren und Sensation auch ohne Aktion zu generieren. Was sich an diese spannungsvolle Stille anschließt, das ist freilich die andere, die unüberhörbar aktionistische Seite des Schaffens von Beuys. Es ist die Idee der sozialen Plastik, die Veiel an Beuys’ Werk am meisten interessiert – mit all ihren politischen Implikationen.

Die archivarischen Hinterlassenschaften sind reich genug, Joseph Beuys weitgehend selbst sprechen zu lassen. Nur wenige Zeitzeugen unterbrechen die stringente Materialcollage – namentlich die Kritikerin und Kuratorin Caroline Tisdall, der frühe Förderer und Sammler Franz Joseph van der Grinten, Beuys-Schüler Johannes Stüttgen und der Grafiker und Aktivist Klaus Staeck. Ebenso kunstvoll wie diskret organisiert Veiel die fotografischen und filmischen Dokumente zu einem monumentalen Kontaktbogen künstlerischer und politischer Momentaufnahmen.

„Wir wissen natürlich, dass jedes Bild manipulierbar ist“: Andres Veiel über die Rolle der Kunst für eine Gesellschaft der Zukunft, seinen Film über die Versäumnisse in der Umweltpolitik und die Wechselwirkung von Dokumentation und Fiktion.

Das wirkliche Ereignis aber sind weniger die bekannten Bilder von Aktionen wie „I like America and America Likes Me“ – das war Joseph Beuys’ Aufsehen erregende öffentliche Lebensgemeinschaft mit einem Kojoten – oder der Kasseler „7000 Eichen“, vorgestellt zur dokumenta 7. Es ist eine verborgene Brüchigkeit, eine auch in der vermeintlichen Unbezwingbarkeit des unermüdlichen Argumentierers spürbare Empfindsamkeit.

Eindringlich vermittelt Sammler van der Grinten die depressive Phase des jungen, unbekannten Künstlers. Späte Nachrichtenbilder eines Parteitags der Grünen belegen, wie verletzend Joseph Beuys die Ausgrenzung durch vermeintliche Gesinnungsgenossen erleben musste. Selten hat man ein derart seriöses und zugleich menschlich einnehmendes Künstlerporträt gesehen. Andres Veiels „Beuys“ ist eine der wenigen Sternstunden dieser Berlinale.

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