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Zum vorletzten Mal stellt er sich dem Bären: Dieter Kosslick gestern in Berlin.

Berlinale

Mit gebremstem Humor

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Dieter Kosslick stellt das Programm der 68. Berlinale vor und spricht dabei nicht nur über Filme.

Zum Schluss wurde es dann doch noch amüsant, obwohl Dieter Kosslick sich ausdrücklich vorgenommen hatte, bei der Präsentation des diesjährigen Berlinaleprogramms auf seine beliebten – und von manchem auch gefürchteten – Scherze zu verzichten. Auf die zaghafte Frage, mit welchen Gefühlen er denn in seine vorletzte Berlinale gehe, sagte der Festivaldirektor: „Mit guten Gefühlen.“ Es gebe keinen großen Unterschied zu den vergangenen Jahren. Um dann nachzuschieben: „Der Humor wird etwas reduziert. Das merken Sie ja jetzt schon. Die Spaßbremsen mochten das nicht.“

Die Spaßbremsen, dazu zählt Dieter Kosslick vor allem jene achtzig Filmemacher, die sich vor zwei Monaten mit einer Petition an die Öffentlichkeit gewandt hatten, in denen sie eine künstlerische und organisatorische Neuorientierung der Berliner Filmfestspiele forderten. Die wird es nun auch geben, im Juni soll ein Direktor oder eine Direktorin benannt werden, die das Festival ab dem Jahr 2020 leitet. „Für mich ist die Sache durch“, sagt Kosslick und es war ihm anzumerken, dass die Verletzungen, die er in den letzten Wochen erfahren hat, tief sitzen.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass Kosslick in dieser insgesamt recht unglücklichen Debatte auch sehr viel Zuspruch erfahren hat. Nicht zuletzt aus dem Ausland. „Don’t touch the Berlinale“, brachte ein Kollege diese Position am Dienstag bei der Pressekonferenz in Berlin auf den Punkt. Hände weg von der Berlinale. 

Die 68. Filmfestspiele in Berlin finden zu einer Zeit statt, in der ein Gespräch über das Festival sich nicht in Personalfragen erschöpfen sollte. Dieter Kosslick war vor allem gekommen, das Programm vorzustellen und en passant noch ein paar Neuigkeiten zu verkünden. Der Wettbewerb mit insgesamt 19 Filmen ist endlich komplett. Als letzten Film, der sich in der Zeit vom 15. bis 24. Februar um die Goldenen und Silbernen Bären bewirbt, gab Kosslick das norwegische Drama „Utøya 22. Juli“ von Erik Poppe bekannt. 2011 waren auf der gleichnamigen Insel bei einem Attentat des Rechtsextremisten Anders Breivik 77 Menschen ums Leben gekommen. Der Film schildert diesen Tag aus der Sicht der Opfer. „Der diesjährige Wettbewerb spiegelt die Welt so, wie sie ist“, sagte Kosslick. „Und die Welt ist komplex, vielschichtig, aber auch spannend.“ 

Insgesamt konkurrieren in diesem Jahr vier deutsche Filme um die Hauptpreise. Mit Spannung erwartet wird Christian Petzolds Adaption des Romans „Transit“ von Anna Seghers, der Regisseur hat die Geschichte über Exilanten aus der NS-Zeit in das Marseille von heute verlagert. Thomas Stuber erzählt in dem Liebesdrama „In den Gängen“ von einer Beziehung zwischen zwei Menschen, die in einem Großmarkt arbeiten, „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ von Philip Gröning behandelt die dramatische Beziehung zwischen zwei Menschen. 

Zur Komplexität der Welt wie sie ist, gehört die Tatsache, dass Filme seit den Enthüllungen um Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt mit einer geschärften Aufmerksamkeit betrachtet werden. Der deutsche Wettbewerbsbeitrag „3 Tage in Quiberon“ von Emily Atef widmet sich diesem Thema auf eine ganz besondere Weise. Im Jahr 1981 hatte sich Romy Schneider während einer Entziehungskur in der Bretagne mit zwei Journalisten des Magazins „Stern“ zu einem Interview getroffen. Auch wenn diese Begegnung nicht von körperlicher Gewalt geprägt ist, werden doch Machtverhältnisse deutlich, in denen sich offenbart, welch einer psychischen Übergriffigkeit sich die Schauspielerin in dieser Situation ausgesetzt sieht. Und wie sie als labiler Mensch darauf reagiert.

Die Debatte um Missbrauch in der Filmbranche wird die Berlinale bei einer Podiumsdiskussion aufgreifen. Zudem werden unter dem Titel „Nein zu Diskriminierung“ kostenlos und anonym Beratungsangebote an Betroffene vermittelt. Darauf angesprochen, ob er die Initiative der Schauspielerin Anna Brüggemann unterstütze, die ihren Kolleginnen geraten hatte, beim Defilee auf dem Roten Teppich statt luftiger Kleider lieber eine gedeckte Garderobe zu tragen, sagte Dieter Kosslick etwas genervt: „Ich werde keine Frau zurückweisen, die flache Schuhe trägt und auch keinen Mann in High Heels.“ 

Und so war es ihm durchaus anzumerken, dass dieser Auftritt vor den Journalisten nicht als eine Lieblingsveranstaltung in seine persönliche Berlinale-Geschichte eingehen wird. Viel lieber hätte der Festivaldirektor noch ein bisschen ausführlicher von den 385 Filmen gesprochen, die in diesem Jahr zu sehen sein werden. Aber die Zeiten sind gerade nicht so. 

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