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Heute ein Paar, weil er an diesem Tag nicht im World Trade Center war.

„Die Habenichtse“

Geborgtes Glück

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Florian Hoffmeisters „Die Habenichtse“ nach dem Roman von Katharina Hacker ist ein kluger Film über die Sinnsuche eines Paares nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Knappe fünf Jahre nach der Tragödie fanden sich die Ereignisse vom 11. September 2001 als Hintergrund eines Beziehungsromans wieder. In Katharina Hackers „Die Habenichtse“ verändert das Datum nicht nur die Welt, sondern in trotziger Banalität auch das Privatleben zweier Menschen auf dem Sprungbrett ihrer Leben. Ein getrenntes Paar begegnet sich ein zweites Mal, weil ein junger, aufstrebender Anwalt an diesem tragischen Tag sein Glück beim Schopfe packen möchte: Um seine große Liebe ein zweites Mal zu erobern, hat er mit einem Kollegen getauscht und fliegt lieber zu einer Vernissage nach Berlin als zu einem Termin im World Trade Center. Der Plan geht auf, und den Job des Toten gibt es bald noch oben drauf. Ob aus den so gemischten Karten wohl echtes Glück entstehen kann oder doch lediglich ein Kartenhaus?

Zehn weitere Jahre liegen zwischen Buch und Film, und die zeitliche Distanz ist das große Kapital dieses kunstvollen Autorenfilms. Sein Regisseur, Florian Hoffmeister, ist ein international bekannter Kameramann, der sich hier seine vielleicht größte Herausforderung als Bildermacher gleich selber stellt: Wie blickt man zurück auf eine Zeit, die jeder, der sie erlebt hat, mit einer bildhaften Erinnerung verbindet – verbunden mit der Verunsicherung, die das eine, von Terroristen gemalte Bild damals hinterlassen hat.

Am Anfang seiner Geschichte zitiert Hoffmeister dieses Dilemma in einem Zeitungszitat: Da liegt das Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ vom Tag danach auf einem Kaffeehaustisch, dominiert von einem makaber-dekorativen Foto-Hochformat: Es ist das Bild vom Todessprung eines Opfers vor der berühmten Streifenfassade der Twin Towers. Alle Überforderung mit diesem Augenblick steckt in der Entscheidung des Bildredakteurs, der mit Kennergriff das „beste Bild“ vom Tage wählte – und unbewusst seinen Sinn für Ästhetik über das moralische Empfinden stellte. Der Film „Die Habenichtse“ führt geradewegs hinein in diesen Augenblick, an dem Sinnstiftung in Serie produziert wurde und doch der Verunsicherung nicht beizukommen war – einmal sieht man gar George W. Bush im Fernsehen den 23. Psalm aufsagen.

Neben der Zeit leben

Wie der Roman erzählt der Film von der Langlebigkeit dieser Verunsicherung, verbunden mit späteren politischen Entwicklungen. Als das Paar nach London zieht, intensiviert sich für beide noch einmal das Gefühl gleichsam neben der Zeit zu leben. Konfrontiert mit der sozialen Ungleichheit in der blühenden Wirtschaftsmetropole, erlebt die von Julia Jentsch wie gewohnt meisterlich gespielte Frau ihre Situation wie ein geraubtes Glück. In ihrem Beruf als Künstlerin und Grafikerin kann sie in London nicht reüssieren. Und ihrem mit ebensolchem Feingefühl von Sebastian Zimmler gespielten Mann geht es bei allem beruflichen Erfolg nicht besser: Seine Anwaltskanzlei ist spezialisiert auf die Restitution von Raubkunst, was das Leitmotiv des Films von Schuld und Verlust noch einmal spiegelt. Alles Gesetzte dieser Handlungselemente verliert sich freilich in der visuellen Umsetzung.

Hoffmeister hat seinen Film in erlesenem Schwarzweiß aufgenommen (die Kamera führte Robert Binnall). Mit ihren kurzen Brennweiten bringt auch die Fotografie ein Stück vom bildungsbürgerlichen Selbstverständnis jener Zeit zurück. Es ist nicht lange her, dass die Tiefdruckbeilagen von Tageszeitungen am Wochenende dazu anregten, etwas entschleunigt über Bilder und Zeiten nachzudenken. Fern von den Äußerlichkeiten einer Retro-Ästhetik nutzt Hoffmeister die Möglichkeiten der klassischen Filmsprache für das, wofür sie schon immer stand: „Die Habenichtse“ ist ein kluger, nachdenklicher Film geworden, eine schöne Seltenheit.

Die Habenichtse. Dtl/GB 2016. Regie: Florian Hoffmeister. 107 Min.

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