Filmfestival Cannes Cronenberg

Geborgter Ruhm

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Star-Power hat auch seine Schattenseiten. Und mancher Großmeister schwächelt. Meisterliches und Obskures von Bennett Miller, David Cronenberg und den Dardennes beim 67. Filmfestival in Cannes.

Wo sich Filmstars tummeln, da gibt es umso mehr „reflected glory“, so Hollywoods Euphemismus für den begehrten Ruhm aus zweiter Hand: „Ich kenne da jemanden, der kennt…“. Ein schönes Beispiel für geborgten Ruhm ist aber auch der Filmtitel „The Disappearance of Eleanor Rigby“. Regie-Debütant Ned Benson bedient sich frech der Bekanntheit des Beatles-Songs, den man im Film noch nicht mal hört. Geschweige denn, dass er dessen Sorge um all die einsamen Menschen teile, where do they all come from?

Der Glückspilz im Regiestuhl ist mit einigen Hollywood-Berühmtheiten bekannt, die ihm dabei halfen, aus einem geschwätzigen Drehbuch ein denkbar oberflächliches Liebesmelodram zu zaubern. Jessica Chastain und James McAvoy sangen dennoch bei der Premiere im Nebenwettbewerb „Un Certain Régard“ ein Loblied auf sein Genie. In Rückblenden erzählt Benson von der Wiederannäherung eines Paares, das (aus nicht näher erklärten Gründen) sein Kind verloren hat. Dass der Regisseur dabei gleich mehrfach Claude Lelouchs Liebesfilmklassiker „Ein Mann und eine Frau“ zitiert, ist fast schon ein Fall von geklautem Ruhm – und könnte sich an Ort und Stelle rächen: Lelouch ist ein treuer Cannes-Besucher und wurde erst am Vortag in der Premiere von Jessica Hausners Liebesdrama „Amour Fou“ gesichtet, einer kunstvollen Auseinandersetzung mit dem Selbstmord Heinrich von Kleists. All die schlechten Filme – wo kommen sie dieses Jahr nur alle her?

Wenig erfreuen konnte im Wettbewerb auch der 71-jährige David Cronenberg. Seine tiefschwarze Traumfabrik-Satire „Maps to the Stars“, ist benannt nach den kleinen Faltplänen, die man in Hollywood an jeder Ecke kaufen kann: So kann man die Nobeladressen wenigstens von außen betrachten. Gern würde man sagen, der Kanadier blicke in seinem Film etwas tiefer hinter die Kulissen. Doch auch in seinem Fall machen echte Hollywoodgrößen das Papier von Bruce Wagners Drehbuch nicht lebendig.

Wie unschuldig sie blickt

Die von Mia Wasikowska gespielte Agatha kommt mit einer Star Map in der Hand scheinbar als Zaungast nach Hollywood. Eine Twitter-Bekanntschaft mit Star-Wars-Ikone Carrie Fisher (sie spielt sich selbst in einem Kurzauftritt) verschafft ihr einen coolen Aushilfsjob bei einer alternden Diva (Julianne Moore). Tatsächlich aber ist sie selbst ein Kind von Tinseltown und die Schwester eines arroganten Teenie-Stars (Evan Bird). Den Mord an der  Mutter hat das unschuldig blickende Ding auf dem Gewissen. Doch alles, was dem großen intellektuellen Erneuerer des phantastischen Kinos („Videodrome“) zur seiner Eskapade ins Territorium eines David Lynch einfällt, sind augenzwinkernde, aber nicht mal lustige Verweise auf Genreklassiker wie „Sixth Sense“ und „Carrie – das Satans jüngste Tochter“.

Hollywood kann einem fast leidtun: Immer wieder wird es von Festivals auf die Zugkraft seiner Stars reduziert. Die Eröffnung mit „Grace of Monaco“ hat es schmerzlich bewiesen. Das Verdienst, die Ehre des amerikanischen Films mit den Mitteln der Kunst zu retten, gebührt dem 47-jährigen Regisseur Bennett Miller. Nach dem vorzüglichen Baseball-Drama „Moneyball“ blickt er mit seinem Wettbewerbsbeitrag „Foxcatcher“ abermals hinter die Kulissen des amerikanischen Profisports. Nach einer wahren Begebenheit geht es um den Multimillionär John du Pont, der als Patron der olympischen Ringkampfmannschaft vom Philanthropen zum Mörder wurde. Getragen von einem überragenden Steve Carell, bekannt aus der amerikanischen Version der TV-Serie „The Office“, und Channing Tatum und Mark Ruffalo in den Rollen der nicht zu beneidenden Ringer, entfaltet sich ein stilles, aber tief verstörendes Gesellschaftsdrama.

Er hielt sich für den Dalai Lama

Miller widerstand der Versuchung, alle schillernden Facetten des Mannes auszuspielen, der sich später im Gefängnis für den Dalai Lama hielt. Wenige Andeutungen reichen ihm aus, um das Gewaltpotential und den gefährlichen Patriotismus des Mäzens weit über das Thema hinaus wirken zu lassen. „Foxcatcher“ nannte du Pont jenen Kader starker Männer, die er wie ein römischer Feldherr um sich scharte. Das klingt ein wenig nach „The Deer Hunter“, Michael Ciminos bitterem Panorama aus der Zeit des Vietnamkriegs, an den dieser Film in seiner beklemmenden Konzentration erinnert.

Selbst die für ihren feinen Realismus bekannten Belgier Jean-Pierre und Luc Dardenne, als zweifache Cannes-Gewinner in einer Favoritenrolle, wissen inzwischen Star-Potential zu schätzen. Marion Cotillard spielt in ihrem neuesten Sozialdrama „Deux jours, une nuit“ die Angestellte einer kleinen Solarfirma, der eine betriebsbedingte Kündigung droht. Die Mitarbeiter müssen in einer Abstimmung entscheiden, ob sie ihre Stelle retten wollen, dafür aber auf den erwarteten Bonus verzichten. Ein Wochenende bleibt ihr Zeit, jeden einzelnen Kollegen aufzusuchen. In den Augen der Übelmeinenden hat sie sich längst überflüssig gemacht, als sie wegen eine Depressionserkrankung fehlte – und man auch ohne sie über die Runden kam.

Doch das Herz erweicht

Für die Filmemacher ist diese Konstruktion einerseits Gelegenheit zu struktureller Strenge – immer wieder wendet sich die Frau mit gleichen Worten an ihre Kollegen. Andererseits erlauben sie sich eine sonst in ihrem Werk unbekannte Aufdringlichkeit in der Dramatisierung. Immer wieder wird die Frau im resignierten Gehen dramatisch zurückgerufen, weil sie doch ein Herz erweicht hat. In einer geradezu Hollywood-haften Zuspitzung wird sie knapp vor dem Suizid gerettet und – findet trotz Depression gleich wieder auf die Beine.

Man kann es Marion Cotillard nicht vorwerfen, dass sie diesen Film an sich zu reißen scheint wie Julia Roberts einst ihre Oscarrolle „Erin Brockovich“. Nicht ihre „Star Power“ lässt diesen Film bei all seinen guten Absichten scheitern, sondern die stets sichtbare Konstruiertheit. Es ist die erste echte Enttäuschung im Werk dieser großen Filmemacher.

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