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Geborgte Zeit

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Von: Daniel Kothenschulte

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Kate Winslet und Josh Brolin in "Labor Day".
Kate Winslet und Josh Brolin in "Labor Day". © dpa

Jason Reitmans feinsinniges Melodram „Labor Day“ wird in der US-Kritik für seine Verbindung von Sex und Gewalt gescholten - zu Unrecht.

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Der Regisseur Paul Morrissey erzählte uns einmal, wie er mit Andy Warhol in den frühen 70er Jahren eine Galavorstellung für den Hollywoodstar Miriam Hopkins besuchte. Auf dem Programm stand ein Wiedersehen mit dem seinerzeit von der Kritik geschmähten Filmdrama „The Story of Temple Drake“, in dem sie die Hauptrolle spielte. Die lange Herrschaft des strengen Zensurcodes hatte die Verfilmung von William Faulkners Skandalroman „Die Freistatt“ in Vergessenheit fallen lassen. Heute gilt der Film von Stephen Roberts als Geheimtipp, doch nach der Wiederaufführung herrschte eisiges Schweigen, das erst eine lange Entschuldigungsrede des Stars brechen konnte. Das Tabu, an das ihre Filmrolle rührte, hatte nichts von seiner Macht verloren: Sie spielt ein Entführungsopfer, das sich in seinen Peiniger verliebt.

Ein doppeltes Psychogramm

In Jason Reitmans Literaturverfilmung „Labor Day“ verschafft sich Josh Brolin als entflohener Sträfling Zutritt zum Wagen einer alleinstehenden Mutter, die von Kate Winslet verkörpert wird. Der verletzte, bedrohlich auftretende Mann duldet keine Widerrede, als er die Frau zu ihrem Besten an einen Küchenstuhl fesselt. So könne ihr später niemand anlasten, einem Verbrecher Zuflucht gewährt zu haben.

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In der Ambivalenz der fürsorglichen Belagerung beginnt eine leidenschaftliche Liebesaffäre, die während der folgenden vier Tage des „labor day weekend“ weit über die sexuelle Affäre hinaus geht: Der handwerklich begabte Mann macht sich unverzichtbar und gewinnt auch das Vertrauen des 13-Jährigen, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Beinahe mehr Raum als die eigentliche Liebesgeschichte nimmt das doppelte Psychogramm der depressiven Mutter und ihres zurückhaltenden Sohns ein, auf den die Belastung sichtlich abgefärbt hat. Die Diskretion der Darstellung ist vor allem ein Verdienst von Kate Winslet, einer der besten dramatischen Schauspielerinnen ihrer Generation.

Glück und Tragik treten stets gemeinsam auf in Reitmans Inszenierung, die sich keine Illusionen macht über die Vorhersehbarkeit der Geschichte. Wir kennen das Kino gut genug, um zu wissen, dass diese Art „geborgter Zeit“ niemals lang zu dauern pflegt. Weniger Klarheit gibt die Geschichte dagegen über andere Fragen, etwa wer die Polizei auf die Spur des Kriminellen führen wird. Hier bleibt alles in der Schwebe, was den Film in einer besonderen Balance zwischen Erwartbarem und Unvorhersehbarem hält.

Wenig vorhersehbar erschien wohl auch die überwiegend vernichtende Kritik, auf die Reitmans Film in den USA traf, als er Ende des vergangenen Jahres gerade noch rechtzeitig startete, um sich – vergeblich – für die Oscar-Nominierungen zu bewerben. „Keinen Film, sondern den Einband eines Pulp-Romans“, nannte etwa der angesehene „Time“-Kritiker Richard Corliss das Drama.

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Auch wenn es lediglich angedeutete Sexszenen gibt, erschien bereits die Thematik vielen Kritikern Geschmacksverirrung genug, den von Reitman aufgebotenen Feinheiten in der Inszenierung mit besonderer Skepsis zu begegnen. Dabei trifft der Stoff derzeit auf eine Welle von latent sadomasochistischen Liebesgeschichten, die vom Welterfolg „Fifty Shades of Grey“ angeführt wurde. Die Verbindung von Gewalt- und Sexdarstellung ist auch in Deutschland selbst in geschriebener Form strafbar, wenn die Grenze zur Pornographie überschritten ist. Davon kann hier natürlich keine Rede sein, aber das Tabu, an dem gerade auch Lars von Triers Zweiteiler „Nymphomaniac“ vorsichtig kratzt, schwingt in der Kritik an diesem Film deutlich mit.

Vielleicht ist der Stoff nach der Romanvorlage von Joyce Maynard ja wirklich trivial, aber zeigte sich die Kunst Hollywoods nicht schon immer darin, gerade dem Formelhaften zu einer in keinem anderen Medium möglichen Überhöhung zu verhelfen? Wer es heute in Hollywood wirklich schwer haben will, muss eigentlich nur klassisches Kino machen.

All die bewundernswerten Szenen

Jason Reitmans bitter-romantisches Melodram ist so frei von äußerlichem Effekt, so konzentriert auf seine Figuren, so sorgfältig in seiner historischen Ausstattung, dass es die ungerechteste aller Reaktionen förmlich heraus zu fordern scheint: Einen solchen Film habe es doch schon oft gegeben. Sehr bewusst orientiert sich Reitman an Vorbildern wie Douglas Sirk, Vincente Minnelli und Terrence Malick, ohne ihre Stile zu kopieren.

Man muss nur die vielen bewundernswerten Szenen studieren, die der Regisseur in Supermärkten und Geschäften spielen lässt: Unwillkürlich denkt man an Vincente Minnellis Eroberung dieses neutralen Spielorts des modernen Lebens für die zentrale Liebesszene seines Melodrams „Das Erbe des Blutes“ von 1961.

Für Reitman ist der Supermarkt auch eine ideale Möglichkeit zur Zeitreise: Minutiös hat er die Produkte der Spielzeit um 1982 rekonstruiert, auch wenn die Kleinstadtatmosphäre und die braun-rötlichen Farben eher an Technicolor-Klassiker der Fünfziger Jahre denken lassen.

Dass Reitmann bisher vor allem für Komödien wie „Juno“ und „Up in the Air“ bekannt ist, dient seinen amerikanischen Kritikern als weitere Begründung der Enttäuschung. Dabei waren spezialisierte Komödienregisseure oft besonders erfindungsreich im Melodrama, ob Billy Wilder, Woody Allen oder Pedro Almodóvar. Jason Reitmans „Labor Day“ verdient da wirklich eine zweite Chance.

Labor Day. Regie: Jason Reitman. USA 2013. 111 Minuten.

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