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Ukraine-Krieg bei „Markus Lanz“: Hitler-Vergleiche und ein dünnhäutiger Martin Schulz

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Von: Christian Horn

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Bei „Markus Lanz“ (ZDF) redet sich der frühere SPD-Chef Martin Schulz in Fahrt.
Bei „Markus Lanz“ (ZDF) redet sich der frühere SPD-Chef Martin Schulz in Fahrt. (Screnshot) © ZDF

Martin Schulz redet sich im ZDF in Rage. Sein Clinch mit Markus Lanz und Robin Alexander beschert der Talkrunde einen gewissen Unterhaltungswert.

Immer wieder blendet die Regie auf Martin Schulz. Der frühere SPD-Chef kocht innerlich, brütet, fasst sich angesäuert an den Kragen. Der Grund: Moderator Markus Lanz (ZDF) und sein „Wingman“ Robin Alexander von der Welt nehmen den Mann zangenförmig in die Mangel – nach Fehlern bohrend, die Schulz und die SPD in der Vergangenheit bezüglich des Umgangs mit Wladimir Putin und Russland begangen haben. Schon im telefonischen Vorgespräch mit einem Lanz-Redakteur hat es gerumpelt, wie der ZDF-Gastgeber anmerkt. Schulz habe abgelehnt, über eigene Fehler zu sprechen. Dieser bezeichnet das Zitat als „aus dem Zusammenhang gerissen“ und wirkt doch dünnhäutig, als der Journalist Alexander ihn beispielsweise auf seine im Wahlkampf 2017 geäußerte Ablehnung des 2-Prozent-Rüstungsziels der Nato anspricht.

Martin Schulz redet sich in Fahrt, fängt stur immer wieder Sätze an, bei denen er unterbrochen wird, verteidigt seine damalige Haltung und bezeichnet die 2 Prozent als „gegriffene Zahl“. Aber: „Ich gebe gerne zu, dass ich die Lage damals nicht richtig eingeschätzt habe,“ räumt der Herausgeforderte schließlich ein, nicht ohne Alexanders teils besserwisserische Sticheleien als „Unverfrorenheit“ und „Frechheit“ abzukanzeln. Ohnehin sei es ab Guttenberg vor allem die CDU gewesen, die die „Bundeswehr zum Sparschwein gemacht“ habe. Der Clinch um die 2 Prozent und der säuerliche Schulz bescherten der Lanz-Sendung im ZDF einen gewissen Unterhaltungswert – der Erkenntnisgewinn lag indes anderswo.

Markus Lanz (ZDF) zum Ukraine-Krieg: „Krieg ist Logistik und Emotion“

Auch am 27. Tag nach dem russischen Angriff auf die Ukraine bestimmt der Krieg die post-pandemische Medien- und Politlandschaft. Mit der Militär-Soziologin Florence Gaub, die zur Eröffnung das Wort erhielt, befragte Markus Lanz eine kompetente Erklärerin der militärischen und geopolitischen Situation. Mit klaren Analysen bescherte Gaub der Sendung den größten Informationsmehrwert.

Beim Blick auf die großflächig zerstörte Hafenstadt Mariupol mahnt Florence Gaub, sich nicht von der Wucht der Bilder überwältigen zu lassen, weil dies den Blick auf die Strategie dahinter verwischt. „Jede Stadt hat ihren militärischen Wert“, sagt Gaub, und nach der zerschellten Hoffnung auf einen schnellen Sieg könne Putin in Mariupol nun „am ehesten etwas erreichen“.

Gäste bei Markus Lanz (ZDF, 22.03.2022)Rolle
Martin Schulzfrüherer SPD-Chef
Katja KippingBerliner Sozialsenatorin und ehemalige Linken-Vorsitzende
Florence GaubSicherheitsexpertin
Robin Alexanderstellvertretender Chefredakteur der Zeitung Welt

„Da läuft ganz sicher nichts nach Plan,“ ordnet Florence Gaub den russischen Vormarsch ein. Die Expertin vom Institut der Europäischen Union für Sicherheitsstudien (EUISS) erläutert die „Stachelschwein-Strategie“ der Ukraine, die den Vormarsch der Russen „schmerzhaft“ gestalte. „Krieg ist Logistik und Emotion“, erörtert Gaub. Auch die Rede vom Dritten Weltkrieg und dem Einsatz atomarer Waffen sei Teil der russischen Militärstrategie: „Nicht die Bombe ist die Waffe, sondern die Angst vor der Bombe ist die Waffe,“ analysiert Gaub. Letztlich dürfe man sich nicht so sehr „in die Angst hineinmanipulieren lassen“. Was den Kriegsausgang angeht, stehe es „Spitz auf Knopf“.

Markus Lanz (ZDF) zum Ukraine-Krieg: Martin Schulz will „keine Noten über den Bundeskanzler vergeben“

Zwischendurch berichtet die Berliner Sozialsenatorin Katja Kipping bei Markus Lanz im ZDF von der Situation mit ukrainischen Geflüchteten in Berlin. Eher allgemein beschreibt die Ex-Vorsitzende der Linken die Aufnahme zehntausender Menschen als „Mammutaufgabe“ und emotionale Herausforderung, wobei in der Praxis zum Beispiel Quarantäne-Regelungen für Haustiere (wegen Tollwut, nicht Covid) auch mal unbürokratisch gehandhabt werden müssten. Der Politik-Journalist Alexander findet es „erstaunlich“, dass die deutschlandweite Verteilung der Gelichteten nach der Erfahrung von 2015 zunächst nicht organisiert wurde. Und stimmt mit Katja Kipping darüber ein, dass der SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz das Thema Geflüchtete – so wie andere kontroverse Themen – „extrem scheut“.

Martin Schulz findet die Kritik am SPD-Kanzler „etwas überzogen“. Zum kleinen Zankapfel im ZDF avanciert die vielfach kritisierte Bundestagssitzung, in der nach einem emotionalen Appell des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bruchlos zur Tagesordnung übergegangen wurde. „Man hätte vielleicht eine Pause machen müssen“, meint Schulz, bei allem Verständnis für Selenskyjs Appelle müsse man aber Verständnis für Regierungschefs aufbringen, die eine „gefährliche Eskalation dieses Konflikts“ vermeiden wollen. Robin Alexander echauffiert sich trotzdem: Das Verhalten sei „wahnsinnig peinlich“ gewesen und „wirklich nicht in Ordnung“, ein regelrechtes „Eigentor“.

Markus Lanz (ZDF) zum Ukraine-Krieg: Moderator wagt den sonst verpönten Hitler-Vergleich

„Wir leben in einer Zeit, in der wir ständig mit Dilemmata konfrontiert sind,“ fasst Katja Kipping die Realpolitik der Gegenwart zusammen. Auf ihren Standpunkt zu Waffenlieferungen hin befragt verweist die Linken-Politikerin auf die „neue Dimension der Unberechenbarkeit“ bei Putin. Bei allem „warmherzigen Mitfühlen“ müsse man einen kühlen Kopf bewahren – und mögliche Konsequenzen bedenken.

Zur Sendung

„Markus Lanz“ vom 22. März 2022 in der ZDF-Mediathek

Die sachliche Analyse ist vor allem der Militär-Soziologin Florence Gaub gelungen. Auch wenn, das sollte klar sein, der ZDF-Talk eine westliche Perspektive einnimmt. Wenn der Moderator Lanz vom „heldenhaften Kampf der Ukraine“ spricht oder in Putin-Reden Parallelen zu Hitlers „Mein Kampf“ ausfindig macht („Nationalverräter“), wahrt das nicht unbedingt den erwünschten „kühlen Kopf“, sondern stellt eine bestimmte Sichtweise dar, bei der sonst verpönte Hitler-Vergleiche plötzlich salonfähig sind. Auch Martin Schulz legt noch einmal dar, dass er Putin bei einem Treffen als „sehr aggressiv“ wahrgenommen hat. Und weiß zu berichten: „Der Kerl ist so alt wie ich und reitet auf irgendeinem Gaul mit nacktem Oberkörper durch die Tundra.“ Wie gesagt: Der Erkenntnisgewinn lag anderswo. (Christian Horn)

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