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In Ehren ergraute Rastamänner.

„Inna de Yard“

Gartenmusik

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Peter Webbers Dokumentarfilm „Inna de Yard“ erzählt die verschlungene Erfolgsgeschichte von Reggae-Pionieren.

Im selben Jahr, als Alexander Kluge in seinem berühmten Filmtitel die Artisten in der Zirkuskuppel für ratlos erklärte, verabschiedeten sich 1966 die Beatles wie zur Bestätigung ausgerechnet im Münchner Zirkus-Krone-Bau von ihren deutschen Zuschauern. Wenige bemerkten wohl, dass zur gleichen Zeit im fernen Jamaica ein neuer Sound namens Rocksteady geboren wurde. Der Sänger Ken Boothe veröffentlichte 1966 seine ersten Solo-Aufnahmen, 1968 erschien sein Album „Mr. Rocksteady“, mit dem sich der 18-Jährige selbstbewusst zum König des neuen Hype ernannte. Heute ist Kenneth George Boothe 71 Jahre alt, und tourt gerade durch Europa mit einigen Altersgenossen in der All Star Band „Inna de Yard“. Vergangene Woche zum Beispiel in Köln, wo er sich in einem weißen Anzug erst vorsichtig ans Mikrofon tastete – und dann mit diesen frühen Songs das kleine „Gloria“ förmlich zum Schmelzen brachte.

Inna de Yard

F 2018. Dokumentarfilm. Regie: Peter Webber 98 Min.

„Let the Water Dry“ heißt eine dieser zeitlos-einfachen Balladen, die nur durch den galoppierenden Rocksteady-Rhythmus, aus dem sich später der Reggae entwickelte, im Pathos gebrochen werden. Wer das nicht von einer Bühne herab erlebt, der verpasst etwas. Aber die nächstbeste Alternative ist natürlich immer ein Musikfilm.

„Inna de Yard“ dokumentiert die Arbeit an dem denkwürdigen Revival nach dem Vorbild eines der größten Senioren-Comebacks überhaupt, dem „Buena Vista Social Club“. Natürlich ist der Vergleich ungerecht. Weder hat man es mit einer derartigen Musik-archäologischen Großtat zu tun, noch steht ein Produzent vom Range eines Ry Cooder dahinter. Und leider sitzt auch kein Wim Wenders auf dem Regiestuhl. Doch das Zusammenspiel von Boothe und seinen zu Mitstreitern gewordenen Konkurrenten Winston McAnuff, Kiddus I und Cedric Myton mit akustischer Begleitband ist betörend. Wie in einem Garten empfinden sie ihre Harmonie, „Inna de Yard“ („in the yard“).

Regisseur Peter Webber („Das Mädchen mit dem Perlenohrring“) muss man nicht erklären, wie man musikalischen Wohlklang in schöne Bilder übersetzt, und das ist leider sein Problem. Noch bevor die Kamera bezeugen könnte, wie die ergrauten Rastamänner einander beschnuppert haben, erlebt man ihre Songs in perfekt inszenierten Musikvideos. Gerne hätte man länger verfolgt, wie das alles zusammenrückt.

Dass zur Professionalität oft eine gewisse Glätte gehört, erlebt man auch bei ihren bewundernswerten Live-Auftritten. Doch das Dokumentarische tritt im Film leider immer wieder zurück hinter dem Inszenierten und das Natürliche hinter dem digital Geschönten. Einige Bilder aber sind auch zu pittoresk, um sie auszulassen.

Cedric Myton zum Beispiel, der mit dem Song „Row Fisherman“ Erfolge feierte, begibt sich heute selbst mit einem nicht sehr vertrauenerweckenden Kahn auf Fischfang. In ihren Geschichten erzählen die Musiker von den langen Krisenzeiten ihrer Karriere. Myton zum Beispiel reüssierte mit seinem unverkennbaren Falsett-Gesang in den späten Sechzigern, doch dann verkrachte er sich mit dem legendären Produzenten Lee „Scratch“ Perry. Als sich die Plattenfirma Island größere Aufmerksamkeit durch Bob Marley versprach, wurde ein fertiges Album von Cedric Myton und seiner Band The Congas auf Eis gelegt. Und das nicht etwa deshalb, weil man es für zu schwach, sondern weil man es für zu stark hielt. Erst viele Jahre später wurde die LP von Bewunderern Mytons erfolgreich veröffentlicht.

Lee Perry setzte sich dann selbst noch einmal an die Regler und gab diesem Klassiker des Reggae seinen letzten Schliff. Doch welche Karriere hätte Myton gehabt, wenn das Album zeitnah erschienen wäre? Und liegt nicht auch in einem so glanzvollen Hype wie dem von Inna de Yard auch ein bisschen zu viel Politur?

Man könnte ganze Musikerdramen aus diesen Geschichten schreiben, für diesen Augenblick aber ist man mit diesem Dokumentarfilm schon sehr gut bedient. Oder besser noch, mit den nächsten Konzerten von Inna de Yard Ende des Monats in Belgien.

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