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Die Dokumentation beschäftigt sich mit der Muttermilch.

"Wunder Muttermilch", Arte

Ein ganz besonderer Saft

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Die Arte-Dokumentation entpuppt sich als überraschend faszinierender und facettenreicher Film.

Auf den ersten Blick gibt es keinen ersichtlichen Grund, warum sich eine Dokumentation mit der Muttermilch beschäftigen sollte; das älteste Nahrungsmittel der Welt ist schließlich eine Selbstverständlichkeit. Tatsachlich offenbart das Thema jedoch eine Vielzahl interessanter Facetten, die weit über die zu Anfang kurz angerissenen Aspekte hinausgehen. Seit einiger Zeit beginnen Sendungen dieser Art ja gern mit einem „Best of“, das neugierig auf den Film machen soll. In diesem Fall verweist Marion Schmidt unter anderem darauf, dass mittlerweile selbst Bodybuilder auf den „Wundersaft“ als Geheimtipp schwören. Zum Glück fand die Autorin das offenbar selbst so abwegig, dass sie diesen Punkt nur kurz streift; mit der Idee, Muttermilch zu Käse zu verarbeiten, hält sie sich ebenfalls nicht lange auf. Der Rest des Films ist dafür umso interessanter, weil das thematische Spektrum von Milchbanken bis zur Krebsbekämpfung reicht. Spätestens dieser Bereich dürfte auch Zuschauer interessieren, in deren Leben Säuglinge keine Rolle mehr spielen. Vor allem in Schweden wird die Muttermilch in dieser Hinsicht schon seit Jahren erforscht. Ihre verblüffende Wirkung beim Kampf gegen die innerhalb weniger Stunden abgetöteten Tumorzellen ist bereits nachgewiesen, nun werden die notwendigen klinischen Studien durchgeführt.

Den weitaus größten Teil der im Auftrag des Saarländischen Rundfunks für Arte entstandenen Dokumentation widmet Schmidt jedoch Müttern und Babys. Auch diese Abschnitte sind spannend, weil die Autorin ausführlich auf die Geschichte des Stillens eingeht. Diese innigste Form des Kontakts zwischen zwei Menschen (vom Sex mal abgesehen) ist vorübergehend aus der Mode gekommen, sodass viele Mütter in Afrika oder Asien erst wieder davon überzeugt werden müssen. Im Gegensatz zur industriell produzierten Babynahrung schmeckt Muttermilch dauernd anders; vorausgesetzt, die Mütter essen nicht jeden Tag das gleiche. Völlig plausibel, aber dennoch interessant ist auch die Erkenntnis, dass Muttermilch in den heißen Gegenden Afrikas ganz anders zusammengesetzt ist als in unseren Breiten, weil sie dort nicht zuletzt den Durst der Säuglinge stillen muss.

Vermutlich wissen auch nicht viele Menschen, dass stillende Mütter mit ihrer überschüssigen Milch Gutes tun können. Früher waren die sogenannten Frauenmilchbanken weit verbreitet, vor allem in der DDR, heute gibt es nur noch wenige, weshalb die Nachfrage deutlich größer ist als das Angebot. Die gespendete Milch ist gerade für zu früh geborene Babys überlebenswichtig, weil nichts den kleinen Menschen so gut auf ein lebenslanges Dasein mit Bakterien vorbereitet wie Muttermilch; wer gestillt wurde, ist statistisch gesehen weniger anfällig für Erkrankungen der Atemwege oder Magen/Darm-Probleme. Die Milch muss nicht mal von der eigenen Mutter stammen. Schmidt stellt eine Frau vor, die mit ihrer Milch noch zwei weitere Babys ernährt. Da sie Muslimin ist, mussten sie und ihr Mann erst mal eine religiöse Frage klären, denn im Islam gelten Kinder, die die gleiche Muttermilch erhalten haben, als „Milchgeschwister“ und dürfen einander später nicht heiraten.

Weil die Autorin eine ganze Menge solcher Details zu erzählen hat, ist ihr Film zwangsläufig sehr wortlastig. Sprecher Hans Henrik Wöhler trägt den Kommentar zwar sehr angenehm vor, aber das ändert natürlich nichts daran, dass die Ausführungen komplex und spätestens bei den wissenschaftlichen Passagen – die Zusammensetzung der Milch ist immer noch nicht entschlüsselt – ziemlich anspruchsvoll sind. Immerhin hat Schmidt so viele Interviews geführt, dass die Gesprächspartner regelmäßig wechseln. Trotzdem besteht „Wunder Muttermilch“ größtenteils aus redenden Köpfen. Um die optische Eintönigkeit aufzulockern, gibt es sparsam animierte Zwischenspiele über das Stillen. Der Stil der Zeichnungen mag eigenwillig und etwas antiquiert wirken, aber die Bilder sind eine willkommene Abwechslung, zumal sie teilweise Vorgänge veranschaulichen, die nur schwer zu bebildern wären. Auch wenn das Thema also gerade für Männer zunächst etwas speziell anmutet: Schmidts Film entpuppt sich als zunehmend faszinierend.

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