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„Alone in Berlin“ nach Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“: Brendan Gleeson und Emma Thompson als Eltern, deren Sohn gefallen ist.

Berlinale

Ganz Berlin sucht einen Autor

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Im Wettbewerb: Die in falschem Aufwand begrabene Fallada-Verfilmung „Alone in Berlin“ – und das reine Glück in „Quand on a 17 ans“.

Herr Clooney, sind oder waren Sie jemals Mitglied in der Kommunistischen Partei?“ Unter den Spaßfragen, die während der unsäglichen Pressekonferenz zu „Hail, Caesar!“ jede Auseinandersetzung mit dem Film unmöglich machten, war es die entwaffnendste. Abgefeuert wurde das Comedy-Störfeuer von einem Autor der ZDF-Sendung „Aspekte“, der sich des gespielten Zorns des Stars sicher sein konnte. „Darauf werde ich selbstverständlich nicht antworten unter Verweis auf den 5. Zusatz der Amerikanischen Verfassung ... .“

Während die Coen-Brüder in ihrer Satire dem Hollywood der 50er Jahre einen kommunistischen Untergrund andichten, wo es keinen gab, tilgt ihn der Schweizer Regisseur Vincent Perez wiederum aus seinem Widerstandsdrama „Jeder stirbt für sich allein“. In nur vier Wochen schrieb Hans Fallada Ende 1946, kurz vor seinem Tod, den ersten Roman eines nicht emigrierten Schriftstellers über dieses Thema. Es dürfte Achim von Borries in seiner Drehbuchadaption deutlich mehr Zeit gekostet haben, seine komplexe Struktur und viele Handlungsstränge auszuradieren.

So ging mit der Nebenfigur der Trudel – im Roman die Verlobte des gefallenen Soldaten, dessen Tod seine Eltern in den Widerstand treibt – eine ganze Ebene der Geschichte verloren. Was bleibt, ist ein überorchestrierter typisch-deutscher Krimi um ein Ehepaar, das in Berlin mit handgeschriebenen Postkarten zum Widerstand aufruft – und einen zusehends fanatisierten Kriminalbeamten auf ihren Fersen. Dass man diese Figur weiter brutalisierte – er erschießt einen Verdächtigen, anstatt ihn wie im Roman in den Selbstmord zu treiben, verkehrt das Unterschwellige des Terrors ins Überdeutliche.

Es gibt kaum eine deutsche Filmförderung, die sich nicht beteiligt hat, und wenn man die Qualität historischer Filme über die Nazi-Zeit an der Zahl der über Altbauten gehängten Hitler-Fahnen misst, kommt „Alone in Berlin“ gleich nach „Operation Walküre“. Emma Thompson und Brendan Gleeson haben in der Rolle des Ehepaars leichtes Spiel, darin noch am überzeugendsten zu wirken: Sie sind nahezu die einzigen „native speaker“ in einem Film, in dem ein Dutzend bekannter deutscher Schauspieler ein mehr oder minder kantiges Englisch sprechen muss. Wirklich gefordert ist hier niemand.

Daniel Brühl als Polizist

Daniel Brühl kann sich als zwischen Ehrgeiz und Opportunismus zerriebener Polizist auf die Wirkungsmacht eines buschigen Schnauzbarts verlassen. Und Katharina Schüttler wäre eine bessere Gastrolle zu wünschen gewesen als jene zickige Frau Obersturmbannführer, die sich ihren dekadenten Lebensstil nicht madig machen lässt. Wie wäre es vielleicht mit der gestrichenen Trudel gewesen?

„Alone in Berlin“ – wie wahr: Es ist einsam geworden in der um ihre Nebenstränge bereinigten Geschichte, die nichts mehr von Falladas Konzept des Zeitromans erkennen lässt. Nichts ist geblieben von jener Atmosphäre allgemeiner Angst, fast versöhnlich erscheint das Psychogramm des durch den Tod des Sohnes traumatisierten Werkmeisters Quangel, der im Schreiben der Postkarten seine Seele beruhigt und zu Freiheit findet. Endlose Leinwandzeit wird auf den Akt des Schreibens wie die Suche nach dem Verfasser verwendet – und man kann sich des Eindrucks nicht verwehren, dass all dies nur geschieht, um diesen Film so aussehen zu lassen wie die letzte international erfolgreiche Literaturverfilmung über ein NS-Thema, „Der Vorleser“. Einen gewissen Widerstandsgeist zeigt immerhin der überarbeitete Komponist Alexandre Desplat: Das allgegenwärtige Hauptthema kupferte er ab aus Mozarts 23. Klavierkonzert.

Schon wieder wird diskutiert, ob man den Filmförderfonds aus Bundesmitteln stärken muss, um mit Frankreich und Italien gleichzuziehen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters zeigt dazu wenig Bereitschaft, und diese deutsch-französisch-britische Koproduktion ist das beste Beispiel dafür, wie wenig mit zu viel Geld bisweilen anzufangen ist.

Wie viel Freude macht dagegen ein so bescheiden produzierter Film wie André Téchinés französischer Wettbewerbsbeitrag „Quand on a 17 ans“. In einem südwestfranzösischen Bergdorf geraten zwei Schüler immer wieder aneinander. Dem 17-jährigen Damien gefällt es gar nicht, dass seine Eltern, die Dorfärztin und ein Offizier im Auslandseinsatz, den Adoptiveltern seines Rivalen mit maghrebinischen Wurzeln unter die Arme greifen. Als seine Mutter Tomas vorübergehend in der Familie aufnimmt, eskaliert die Beziehung – und bahnt zugleich den Weg für ein Erwachen ihrer unterdrückten Homosexualität. Dass man diese Entwicklung weit früher erahnt als die Filmfiguren, nimmt diesem zartfühlenden Film nichts von seiner Poesie.

Der 72-jährige Filmemacher hat schon oft im Erwachsenenfilm über die Jugend erzählt, aber dies ist einer seiner leichtesten Filme. Organisiert im Wechsel der Jahreszeiten hat er die Form eines Volkslieds mit wiederkehrenden Versen. Das Erwachen von Sexualität zeichnet er komplex mit allen Angstgefühlen, die so oft unter nostalgische Teppiche gekehrt werden. Als Damiens Vater in einem Nato-Einsatz getötet wird, zieht im letzten Akt ein tief-emotionaler Kontrapunkt ein in dieses ohnehin schon melancholische Chanson – und hilft dabei, das Hauptthema zu harmonisieren. Jede Figur dieses Films strahlt vor Lebendigkeit – und lässt im Vergleich die Kulissenwelt von „Alone in Berlin“ umso trostloser erscheinen.

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