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Böhmermann im ZDF Magazin: „Das Spiel ist kostenlos, genau wie meine erste Spritze Heroin“

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Von: Max Schäfer

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Im ZDF Magazin Royale geht Jan Böhmermann den „fiesen, manipulativen Tricks“ der Gaming-Industrie auf die Spur.
Im ZDF Magazin Royale geht Jan Böhmermann den „fiesen, manipulativen Tricks“ der Gaming-Industrie auf die Spur. © ZDF

Jan Böhmermann widmet sich im ZDF Magazin Royale der Milliardenbranche Gaming und ihren manipulativen Psychotricks. Die TV-Kritik.

Gaming, also Computer- und Handyspiele aller Art, sind ein brummendes Geschäft in Deutschland. Für Jan Böhmermann und sein Team ist das Grund genug, sich dem Thema im ZDF Magazin Royale zu widmen. Wer sich schon länger mit der Spielebranche beschäftigt, weiß, dass Computerspiele in der öffentlichen Debatte einen schweren Stand haben und Gamer:innen mit Vorurteilen belastet sind: Die Killerspiel-Debatte und das Klischee des sozial isolierten Stubenhockers lassen grüßen. Auch der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk hat sich dabei nicht immer mit Ruhm bekleckert.

Wenn sich also Jan Böhmermann im ZDF mit Computerspielen beschäftigt, werden Spieler:innen besorgt aufhorchen. Besonders, wenn es um Gefahren der Spiele geht. Thema der ZDF Magazin Royale-Folge sind nämlich fiese Tricks der Unternehmen, um aus Mikrotransaktionen in den Spielen den maximalen Profit zu generieren.

ZDF Magazin Royale: Jan Böhmermann widmet sich In-Game-Käufen in Videospielen

Böhmermann macht diese Mikrotransaktionen, auch In-Game-Käufe genannt, als wichtige Umsatzquelle der Spielebranche aus. 4,2 Milliarden Euro haben die Unternehmen dadurch allein in Deutschland im Jahr 2021 eingenommen – mehr als viermal so viel wie durch den Verkauf der Spiele selbst. Wirklich neu ist das Prinzip der In-Game-Käufe und deren Bedeutung für die Entwickler:innen nicht: Wer einmal selbst ein Spiel auf dem Handy heruntergeladen hat, wird feststellen, dass diese häufig kostenlos sind, jedoch alles Mögliche in den Spielen selbst gekauft werden kann.

SendungZDF Magazin Royale
ModeratorJan Böhmermann
TitelIn-Game-Käufe – Falsche Währung, echter Dispo
Datum16. September 2022
Uhrzeit23 Uhr
Online verfügbar bis15. September 2023

Alles andere als subtil erklärt Böhmermann die Logik dahinter: „Das Spiel ist kostenlos, genau wie meine erste Spritze Heroin.“ Der Vergleich von Spielen mit Heroin ist hart, dennoch macht er allen deutlich, in welche Richtung es geht: zum Thema Sucht.

Deshalb ist es umso wichtiger, dass Petra Schmitz, Redakteurin beim Branchenmagazin Gamestar, die Methode der Spielentwickler:innen einordnet: Am Anfang gebe es eine „Belohnungsschwemme“, die mit der Zeit durch Hürden ersetzt würde, erklärt die Expertin. Die Spiele bieten dann eine schnelle Lösung – in Form von In-Game-Käufen.

Jan Böhmermanns ZDF Magazin: Glücksspiel in einer Fußball-Simulation

Nach den Handyspielen widmet sich Böhmermann einer weiteren beliebten Spielreihe: Der FIFA-Serie. Diese ist an sich schon eine Frechheit; schließlich bringt EA Sports immer wieder das gleiche Spiel zum vollen Preis heraus. Darum geht es im ZDF-Magazin aber gar nicht, sondern um den Spielmodus „FIFA Ultimate Team“ (FUT). Dabei stellen Gamer:innen eigene Fußballteams zusammen und können Päckchen, auch Lootboxen genannt, im Wert von bis zu knapp 23 Euro kaufen, um neue Spielerkarten zu erhalten.

EA Sports veröffentlicht immer wieder neue Karten. Dadurch können die Gamer:innen theoretisch unendlich oft neue Lootboxen kaufen. Die Chance auf wirklich gute Spielerkarten ist dabei jedoch gering – und kann deshalb laut einer von Böhmermann zitierten Berechnung des norwegischen Verbraucherschutzes mit durchschnittlich 13.500 Euro für eine Karte des französischen Superstars Kylian Mbappé wirklich ins Geld gehen.

ZDF Magazin: Böhmermann zeigt sich selbstkritisch, bedient aber veraltete Klischees

Abgesehen vom finanziellem Aspekt machen Lootboxen süchtig. Das ZDF Magazin zitiert einen Artikel über eine „Gamble Aware“-Studie, wonach der Kauf von Lootboxen mit Spielsucht zusammenhängt. Erwähnt werden muss an der Stelle jedoch auch, und das macht Böhmermann nicht, dass die Studie zwar eine Korrelation, aber keinen ursächlichen Zusammenhang feststellt.

ZDF Magazin Royale

„In-Game-Käufe – Falsche Währung, echter Dispo“, am Freitag, 16.09.2022, im ZDF – und in der Mediathek.

Böhmermann stellt mögliche Gefahren also tatsächlich dar. Für einige Spieler:innen entspricht das vermutlich der bekannten Schwarzmalerei von Videospielen. Die Position wird durch Böhmermann selbst vertreten, der neben seiner gewohnten Rolle als Moderator außerdem als Karikatur eines Gamers und Streamers auftritt und Gegenargumente liefert. Diese Figur ist allerdings stark überzeichnet und ist damit am Ende auch nur die Reproduktion des Klischees eines Gamers.

Böhmermann zeigt im ZDF Magazin fehlendes Problembewusstsein bei Spiele-Riesen EA auf

Dass diese kritischen Stimmen, gerade auch an einer solch prominenten Stelle im ZDF, unbedingt gehört werden müssen, beweisen Teile der Spielebranche selbst. EA Sports etwa fehlt offenbar jegliches Bewusstsein für die Gefahren, die von ihrer Strategie der Profitmaximierung ausgeht. Darauf deutet zumindest eine Aussage von Karry Hopkins, EA Vizepräsidentin für juristische Belange, von 2019 hin: „Wir denken, dass die Art und Weise, wie wir diese Art von Mechanismen implementiert haben [...], eigentlich ziemlich ethisch und spaßig ist.“

Auch viele Spieleentwickler:innen implementieren immer häufiger Glücksspielelemente in Videospielen, wo diese nicht hingehören, sagt Jan Böhmermann. Das veranlasst ihn am Ende zu einem sehr kulturpessimistischen Fazit: „Mikrotransaktionen haben Games in Glücksspiele verwandelt. Aus dem Kulturgut Videospiele sind stumpfe Daddelautomaten geworden.“

ZDF Magazin Royale: Kritischer, aber doch differenzierter Umgang mit dem Thema Gaming

Letztendlich ist Böhmermanns Pessimismus in Teilen berechtigt. Das ergibt sich auch aus dem Blick auf die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), die für die Prüfung der Spiele und eine Alterseinstufung der Spiele zuständig ist. Häufig haben Spiele mit Glücksspielelementen wie in FIFA oder mit In-Game-Käufen jedoch keine Begrenzung. Stattdessen will die USK lediglich mit Zusatzinformationen entgegensteuern.

Letztendlich darf jedoch nicht vergessen werden, dass nur ein Teil der Spielebranche auf Mikrotransaktionen setzt. Böhmermann selbst weist nicht darauf hin. Das überlässt der Moderator dem Gamer-Urgestein Erik Range, besser bekannt als Gronkh. Die ZDF Magazin-Ausgabe ist jedenfalls der Beweis, dass auch öffentlich-rechtliche Formate mit dem Thema Gaming umgehen können.

In der vorherigen Folge hat Böhmermann im ZDF Magazin kaum geglänzt, ist jedoch zu einer wichtigen Erkenntnis gekommen. (Max Schäfer)

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