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Valerian und Laureline, Dane DeHaan und Cara Delevigne, entspannen sich nach getaner Arbeit.

Neu im Kino: "Valerian"

Galaktisches Kino der Superlative

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Luc Besson hat den originellsten Comic-Blockbuster seit Jahren gedreht: "Valerian ? Die Stadt der tausend Planeten".

Vergangene Woche erinnerte die Veröffentlichung von Statistiken über die Dominanz männlicher Figuren in deutschen Medien an einen filmwissenschaftlichen Allgemeinplatz: Seit der Stummfilmzeit verkaufen mehrheitlich männliche Produzenten einem überwiegend weiblich bestimmten Publikum maskuline Helden. Im Gegenzug dürfen im primär an Männer adressierten Horrorkino starke Frauen oft als Letzte überleben und die Monster töten.

Der Franzose Luc Besson hat Letzteres sehr erfolgreich auf das große Actionkino angewendet und erfreut mit starken Frauen seit knapp drei Jahrzehnten beiderlei Geschlechter: Nikita, Angel-A, zuletzt Scarlett Johansson als durch Drogen optimierte Superfrau Lucy – und nicht zu vergessen Milla Jovovichs unaufhaltsame Johanna von Orléans sind Ikonen unbezwingbarer Weiblichkeit. Gern verwies der Filmemacher dabei auf Inspirationen aus der Welt der in Frankreich früh als Kunst anerkannten Comics.

Einfluss auf das Science-Fiction-Genre

Es waren die Comiczeichner und Pulp-Autoren der sechziger Jahre, die einige der ersten dieser Superfrauen schufen. Neben „Barbarella“, 1962 von Jean-Claude Forest kreiert, hatte eine weitere französische Serie, Jean-Claude Mézières’ „Valerian und Veronique“ (im Original heißt die Heldin Laureline), enormen Einfluss auf das Science-Fiction-Genre. Und auch wenn Luc Bessons Verfilmung nur den männlichen Partner ihrer Abenteuer im Titel führt, ist „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ vor allem eine weitere Ode an weibliche Dominanz.

Im 28. Jahrhundert fliegt das jugendliche Duo gewissermaßen Streife im Raumschiff einer Schutzbehörde der Menschheitsregierung. Dane DeHaan spielt Valerian mit der Unbeirrbarkeit eines etwas zu früh in den Majorsrang berufenen Jungspunds. Doch Laureline, verkörpert vom britischen Model Cara Delevigne, der Sergeant an seiner Seite, steckt ihn an Selbstbewusstsein in die Tasche. Erst recht lässt die junge Agentin die Routinen des berüchtigten Schürzenjägers ins Leere laufen. Daraus entsteht eine bezwingende Chemie, die diesen französischen Blockbuster gegenüber der US-Konkurrenz auf eine Überholspur rückt, noch bevor das Effektfeuerwerk überhaupt beginnt. 

Immer wieder wurde darüber spekuliert, ob und wie sehr sich George Lucas durch die 1967 erstmals erschienenen Geschichten zu seiner Star-Wars-Saga inspirieren ließ. Lucas selbst hat dazu stets geschwiegen, doch Besson breitet uns die Parallelen genüsslich aus: Möglich, dass Mézières, mit dem Besson schon bei „Das fünfte Element“ zusammenarbeitete, unsere virtuellen Realitäten vorweggenommen hat mit dem faszinierenden Spielort eines nur mit Spezialbrillen sichtbaren Bazars. Mit Sicherheit aber hat er das herrliche Chaos auf Lucas’ Wüstenplaneten Tatooine vorweggenommen. Wie darüber hinaus das Design des Millennium-Falken oder eines Aliens mit einem Rüssel im Gesicht. Doch alles der Reihe nach.

Es beginnt mit der Zerstörung eines wahren Paradieses. Das friedliche Volk der Pearls, deren überschlanke Körper den Bildhauern Giacometti oder Lehmbruck gefallen hätten, verliert seinen Planeten, als brennende Raumschiffe aus heiterem Himmel darauf stürzen. Wie sich spät in der Geschichte herausstellt, wurden sie zu Kollateralschäden in einem von Menschen geführten Krieg. Schließlich wird es an Laureline liegen, dem Oberbefehlshaber Arün Filitt (Clive Owen) die Stirn zu bieten, der für das Kriegsverbrechen verantwortlich ist. Und dabei noch beherzter vorzugehen als Valerian, ihr dogmatisch auftretender, unmittelbarer Vorgesetzter. 

Doch bis es dazu kommt, schickt uns Besson auf eine fast 140-minütige Reise durch Zeit und Raum, verwegen, surreal und voller Überraschungen. Ein so aufwendiger Schauplatz wie der virtuelle Basar mit tausend unterschiedlichen Kreaturen hätte in anderen Filmen nur wenige Minuten teurer Leinwandzeit bekommen. Besson aber schwelgt darin wie in einem surrealistischen Vexierbild. 

Nur Valerian besitzt überhaupt die nötige VR-Brille, um sich darin zurechtzufinden, seine Partnerin tappt buchstäblich in der Wüste dieses Sandplaneten herum.

Was sie an diesen, der besten Star-Wars-Filme würdigen, Schauplatz führt, ist die Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen: Ein kleines Rüsselwesen namens Mül Converter, das Wertvolles multiplizieren kann, wenn man es damit füttert. Noch verschwenderischer aber ist dieser galaktische Goldesel mit schnoddrigen Bemerkungen.

In den 90er Jahren war Besson ein Protagonist des postmodernen Kinos, und noch immer huldigt er dem Credo des „Mehr ist mehr“: Die Detailfülle seiner digitalen Effekte und Animationen findet ihre Entsprechung in einer Reihe von Besetzungscoups. Jazzlegende Herbie Hancock macht in der Uniform eines Weltraum-Kommandanten eine ebenso glänzende Figur wie Sängerin Rihanna als ihren Körper beliebig formende Stripperin. Ethan Hawke genießt den Ausflug ins Groteske mit einer Figur namens Jolly the Pimp, während Actionveteran Rutger Hauer mit einer würdigen Gastrolle geehrt wird. 

In jedem Augenblick ist dieser hemmungslos-unbeschwerte Film allen aktuellen amerikanischen Comic-Blockbustern haushoch überlegen. Und wer noch nach einem handfesteren Superlativ sucht, kann den 180-Millionen-Dollar-Film auch als den teuersten der europäischen Filmgeschichte verbuchen. Dem französischen Kino, das sich gegenwärtig vor allem mit leichten Komödien hervortut, gereicht er jedenfalls zur Ehre – auch wenn sich Besson bitter darüber beklagte, dass ihm der Staat die üblichen Steuervorteile strich, weil er auf Englisch drehte. Hoffen wir, dass es im 28. Jahrhundert noch eine Sprachkultur zu verteidigen gibt.

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