Jan Köppen führt bei RTL durch "I like the 90&#39s".
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Jan Köppen führt bei RTL durch "I like the 90's".

TV-Kritik: „I like the 90’s“

So funktioniert Privatfernsehen

RTL nimmt in "I like the 90's" auf eine Zeitreise in die Neunziger mit, feiert aber eigentlich die Achtziger und natürlich auch sich selbst. Ebenfalls unentbehrlich: die Eigenwerbung.

Von Tilmann P. Gangloff

Es gibt ernstzunehmende Zeitgenossen, die die Neunziger für ein verlorenes Jahrzehnt halten; nicht zuletzt aus musikgeschichtlichen Gründen. Ganz im Gegensatz übrigens zu den Siebzigern, aber wer sich an die noch erinnern kann, war nicht dabei. Nichtsdestotrotz führt RTL sein Publikum mittwochs fünf Folgen lang zurück in die Neunziger. Einerseits sind solche Zeitreisen immer schön, weil sie ein Wiedersehen mit der eigenen Biografie bedeuten.

Andererseits ist es regelmäßig ziemlich furchtbar, was die Sender daraus machen: Weil dauernd irgendwelche Nasen, die damals im Zweifelsfall viel zu jung waren, irgendeinen Stuss von sich geben. Interessiert sich wirklich jemand dafür, was Axel Schulz oder Thomas Anders davon halten, dass Wolfgang Schäuble bereits wenige Wochen nach dem Attentat vor 24 Jahren wieder an die Arbeit gegangen ist? Und wer sind eigentlich Janina Uhse, Tanja Schumann oder Miriam Lange? Die gleiche Frage werden sich einige Zuschauer jenseits der vierzig auch in Bezug auf Moderator Jan Köppen gestellt haben. Der hat die Sendung zwar unfallfrei moderiert, ist aber mit Jahrgang 1983 streng genommen ebenfalls noch etwas zu jung, um vollmundig von den frühen Neunzigern erzählen zu können.

Unentbehrlich: die Eigenwerbung 

Im unmittelbaren Anschluss an die bewegenden Bilder des schwer verletzten CDU-Politikers ging’s übrigens um das Phänomen Manta –  so funktioniert Privatfernsehen. Ebenfalls unentbehrlich: die Eigenwerbung. Deshalb sah die Auftaktausgabe zu Beginn so aus, als habe RTL die Reste der Selbstbeweihräucherungen zum Senderjubiläum Anfang des Jahres verwertet. Anfang der Neunziger, legte der Kommentar nahe, ist das Fernsehen neu erfunden worden: Plötzlich sei das Medium „bunter, schriller und frecher“ geworden.

Da hat sich die Produktionsfirma infoNetwork (eine RTL-Tochter) die Wirklichkeit mal rasch ein bisschen zurechtgebogen. Selbst wenn man berücksichtigt, dass das 1984 gestartete Privatfernsehen erst einige Jahre später eine nennenswerte technische Verbreitung erreichte: Alle RTL-Formate, die als Errungenschaft der Neunziger gefeiert wurden („Der heiße Stuhl“, „Alles Nichts Oder“, „Der Preis ist heiß“) gab’s auch schon Ende der Achtziger. Und wenn man’s ganz genau nimmt, hätte sich RTL die Hälfte der Sendung sparen können: weil das Jahr 1990 und somit Wiedervereinigung wie auch Fußball-WM natürlich ebenfalls noch zu den Achtzigern gehören.

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