Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Pas de deux am Bistrotisch: „Frühling in Paris“. Foto: Avenue B Productions
+
Pas de deux am Bistrotisch: „Frühling in Paris“.

Debüt einer 19-Jährigen

„Frühling in Paris“ im Kino: Die Jugend verfilmen, so lange sie passiert

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
    schließen

„Frühling in Paris“, das Regiedebüt der beim Drehen erst 19 Jahre alten Suzanne Lindon.

Nun ist also wieder in den meisten deutschen Städten Kino, und die verschobenen Filme drängen hinein. Nicht alle werden dabei einen Platz finden, und manches langgehegte Filmprojekt wurde während der Pandemie gar nicht erst gedreht. Diese Lücke wird nun sichtbar, und auch wenn es nur ein paar Seiten sind, die der Filmgeschichte fehlen, bleibt es doch für immer eine Zäsur.

„Frühling in Paris“ ist einer von vielen Filmen, die vor der Corana-Krise entstanden sind, aber erst jetzt herauskommen. Das macht den Film nicht alt, allerdings hat ein Jahr im Leben der jungen Regisseurin, Autorin und Hauptdarstellerin Suzanne Lindon ein besonderes Gewicht. Heute ist sie 21, das Drehbuch schrieb sie mit 15, vor der Kamera sehen wir sie mit 19 Jahren eine 16-Jährige spielen.

Seinem Genre nach ist es ein Coming-of-Age-Film, eine Geschichte über eine erste Liebe. Jeder weiß, wie kostbar diese Zeit in jedem Leben ist, und es ist selten, dass eine Jugendliche die Möglichkeit und das Talent hat, zeitnah einen Film daraus zu spinnen. Das ist schon Ereignis genug. Ihn aber jetzt zu sehen, mit der Pandemie im Rücken, heißt auch, an all die Jugendlichen zu denken, die durch Sperrstunden, Schulschließungen und den Verlust des sozialen Lebens um den Schatz gebracht worden sind, von dem dieser Film erzählt.

„Frühling in Paris“ ist der deutsche Titel von „Seize Printemps“, von Paris sieht man wenig mehr als ein paar Straßen im Montmartre-Viertel zwischen der Wohnung des Mädchens, das wie die Regisseurin Suzanne heißt, und einem kleinen Theater. Dieses ist die Attraktion des Schulwegs, aus Neugier schleicht sich Suzanne einmal hinein und versteckt sich während einer Probe. Es ist die Gegenwelt zum Alltag der Jugendlichen in ihrer Klasse, unter denen sich Suzanne als Außenseiterin fühlt. Das Theater ist eine Erwachsenenwelt, aber nicht die ihrer etwas kulturfernen Eltern (Lindon selbst ist die Tochter eines berühmten Schauspielerpaars, Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon). Und dann ist da Raphaël, der 35-jährige Hauptdarsteller in der kommenden Produktion, der auf Suzanne eine ungekannte Anziehungskraft ausübt.

Das französische Kino ist reich an Liebesgeschichten, in denen Altersunterschiede überwunden werden, aber wann sieht man sie schon aus der Sicht der Jugendlichen? Wie oft wird dabei das mit disproportionalen Beziehungen einhergehende Machtgefälle ausgeblendet, wenn nicht gleich sexistische Vorstellungen über die meist weiblichen Minderjährigen mitschwingen?

Ohne sexuelle Komponente

Lindon macht sich die Sache vielleicht ein wenig einfach, wenn sie die sich anbahnende Liebesgeschichte ohne eine sexuelle Komponente auskommen lässt. Überaus glaubwürdig vermittelt sich das Bemühen des Mädchens um Formen der Annäherung, die sie nirgends gelernt hat. Weniger überzeugend vermittelt sich, was den gebildeten und attraktiven Mann an seiner ungleichen Bekanntschaft fasziniert. Sexuelles Interesse jedenfalls äußert er nicht. Umso mehr Raum gibt Lindon in diesem nur 72 Minuten langen Debüt der Welt der Projektionen – dem bevorzugten Wirkungsraum unerfüllter Liebesgeschichten. In drei sich fließend aus dem Spiel ergebenden Choreographien bricht sie mit dem sonst vorherrschenden Naturalismus. Einmal spielt ihr Raphaël über Kopfhörer eine Opernarie vor, was einen poetischen Pas de deux zweier Oberkörper hinter Cafétischen inspiriert.

Natürlich hat dieser Erstlingsfilm auch seine Probleme, das größte ist eine gewisse Überforderung Lindons als ihre eigene Hauptdarstellerin. Fast in jeder Einstellung ist sie zu sehen, als könne man nicht auch auf anderen Wegen erreichen, diese Geschichte in der ersten Person Singular zu lesen. Aber wer das Kino für sich selbst erfindet, der hat alles Recht, Dinge erst einmal auszuprobieren. Als der Dichter Jean Cocteau seinen ersten Film drehte, wusste er nicht, dass man Kameras für Fahrtaufnahmen auf Wagen platziert. So stellte er stattdessen die Schauspieler auf rollende Untersetzer. Das Problem der meisten Erstlingsfilme ist nicht das Dilettantische, sondern das Uniforme in der Professionalität.

Man kann sich wohl sicher sein, dass man von Suzanne Lindon noch viele Filme wird sehen können. Und kann hoffen, dass sie bei aller damit verbundenen Professionalisierung so persönlich bleiben wie dieses seltene Dokument einer Jugend, die verfilmt wurde, als sie passierte.

Frühling in Paris. F 2020. Regie: Suzanne Lindon. 72 Minuten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare