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Nerviges Stochern nach Fehlern: Anne Will.

Anne Will

Fröhliches FDP-Bashing

Lindner-Rücktritt, Wulff-Kredit: Anne Will fallen mit den aktuellen Ereignissen dankbare Talkshow-Themen in den Schoß. Ihr Fehler ist, dass sie beides unter einen Hut zu bringen versucht - und die Politikverdrossenheit, die sie beklagt, selbst nach Kräften schürt.

Von Ricarda Breyton

Der Rücktritt des FDP-Generalsekretärs Lindner kam für Anne Will wie ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk. Ein hochaktuelles Thema landete bei ihr und nicht bei Jauch, auch weil es ihr tatsächlich gelang, die komplette Sendung nebst Gästen innerhalb weniger Stunden neu aufzustellen. Aber wohl damit die Show nicht in ein FDP-Bashing ausarten würde und da Rösler inzwischen erstaunlich flott auf die Ereignisse reagiert hatte, fasste man das Thema etwas weiter, um unter dem Titel  „Lindners Rücktritt, Wulffs Kredit – was ist los mit unseren Politikern?“ eine Generaluntersuchung der Politikerschaft anstellen zu können. So der fix zusammengestellte Plan.

Das Ergebnis sah freilich anders aus: Trotz einiger Anstrengung, die Runde in eine bestimmte Richtung zu lenken, zerfiel die Talkshow in zwei unabhängige Diskussionen. Aber was haben denn auch ein Generalsekretär, der zurücktritt und ein Bundespräsident der nicht zurücktritt, so vordergründig gemein, außer vielleicht, dass sie beide Politiker sind und Christian heißen?

Will jedenfalls schaffte es zu Beginn nicht, ihr großes Thema durchzusetzen, die Diskussion entwickelte sich flugs doch zu einem Bashing auf die Liberalen. Denn natürlich vertrat nur FDP-Mann Dirk Niebel, und das auch nur indirekt, die Ansicht, dass die Schuld bei Lindner selbst zu suchen sei. Alle anderen fanden die Gründe bei der FDP, der Journalist Hans-Ulrich Jörges forderte den sofortigen Abgang Röslers und auch Schriftstellerin Thea Dorn, die auf Niebels Seite Platz nehmen musste, fühlte den „großen liberalen Menschheitsgedanken“ schlecht verwaltet.

Überhaupt waren die Teilnehmer für dieses Gesprächsthema ungleich verteilt. Auf FDP-Seite gab es ja nur Niebel und der konnte und wollte nichts Neues zu Lindners Rücktrittsmotiven und dem Zusammenhang mit der FDP-Mitgliederbefragung zum Euro-Rettungsschirm sagen. Er spulte stattdessen das herunter, was von seiner Partei erwartet wurde - Grund für Jörges, „bei dieser Sprechmaschine“ auf den „Aus-Knopf“ drücken zu wollen. Wirklich Erhellendes zum Rücktritt gab es also nicht zu hören – zumindest nicht vonseiten der FDP. Dorn warf dann noch ein paar Fragen in den Raum: Was heißt heute Liberalismus? Wofür steht Europa? – aber für die Beantwortung gab es nicht genug Raum, obwohl das wirklich spannend gewesen wäre. Aber darum nun sollte es gestern ja eigentlich nicht gehen, sondern um die Politiker und ihr Versagen.

Wulff. Warum wollten wir nochmal gleich über ihn reden?

Cut. Bundespräsident Wulff. Wieso wollten wir nochmal über den reden? Achja richtig, da war ja bekannt geworden, dass er einen Kredit, den er völlig legitim bei der Frau eines befreundeten Unternehmers angenommen hatte, nicht öffentlich gemacht hatte. Nein, nein, es geht nicht um Korruption. Alle Diskussionsteilnehmer waren sich einig, dass der Akt der Kreditaufnahme an sich völlig rechtens gewesen sei.  Nur dieses Verschweigen vor dem Parlament, das sei ja nicht ganz okay gewesen. Grund genug, das Thema breit zu diskutieren? Journalist Christoph Lüttgert immerhin konnte sich einen Rücktritt vorstellen, während CDU-Mann Peter Altmaier sogar etwas Positives darin sah. Denn „ein Bundespräsident ohne Ecken und Kanten - das wäre ja langweilig.“ Überhaupt gab sich Altmaier weihnachtlich und war sehr auf Eintracht und Frieden bedacht.

Das aber sollte nicht sein. Ein völlig aus dem Kontext fallender Einspieler zeigte in der letzten Minute den Berliner Ex-Senator Michael Braun, der, nur 12 Tage im Amt, Anspruch auf 48.000 Euro Übergangsgeld  hat und das Geld unerhörterweise nicht ablehnte. Das sollte wohl der Diskussionsrunde dann wieder den größeren Rahmen vor Augen führen und der Sendung so einen runden Abschluss geben. Dabei zeigt gerade die Einspielung dieses Beitrags: Das Bild der Politikerzunft als solche wird doch massiv in der Sendung erzeugt.

Hier wird zwar zunächst völlig zu Recht beklagt, dass sich  Politikverdrossenheit breitmacht. Aber gerade diese Verdrossenheit wird durch Anne Wills Show „Was ist los mit unseren Politikern?“ auch noch gefördert. So kriegt dann auch Jürgen Trittin -  man hatte sich gerade darüber gefreut, dass es, zumindest in der Sendung, doch noch Politiker gibt, die durch Sachlichkeit und Bedächtigkeit überzeugen – am Schluss einen Schlag ins Gesicht. Denn – Achtung Einspieler – auch Trittin war mal böse weil er nämlich unsachlicherweise Horst Köhler mit Heinrich Lübke verglich. Danach hat er sich aber entschuldigt. Dieses Stochern nach Fehlern und Aufbauschen von Skandälchen nervt.

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