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Pop Scandals: "Tabubruch und Rebellion", Ronan Keating.
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Pop Scandals: "Tabubruch und Rebellion", Ronan Keating.

„Pop Scandals“, Arte

Das frivole Spiel mit der Provokation

  • Harald Keller
    VonHarald Keller
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Eine zweiteilige Arte-Dokumentation berichtet über Skandale in der Popkultur, stellt Zusammenhänge her, liefert rare Informationen. Aber auch Gemeinplätze und Fehlschlüsse.

In seinem diesjährigen Sommerprogramm widmet sich der Kultursender Arte schwerpunktmäßig den Skandalen und Skandalisierungen vorrangig im Bereich der Populärkultur. Es braucht fraglos mehr als einen Themenabend oder Thementag, um diesem umfassenden Sujet gerecht zu werden. Entsprechend gewagt ist das Unterfangen, die Skandale der Pophistorie in zwei Filmen zu je 52 Minuten verhandeln zu wollen.

Schon der Zeitpunkt des Einstiegs basiert auf einer willkürlichen Entscheidung: Wenig überraschend beginnen die Autorinnen Sonja Collison und Nicole Kraack ihre zweiteilige Dokumentation „Popscandals“ mit Elvis Presleys seinerzeit verstörenden Hüftschwüngen. Ohne es eigens anzusprechen, setzen sie also voraus, dass Popkultur nur nach dem Zweiten Weltkrieg stattfand und es vor Presley auf diesem Feld keine Verstöße gegen den gesellschaftlichen Konsens – mithin Skandale – gegeben habe.

Beides ist selbstredend falsch. Allerdings steht die öffentliche Wahrnehmung solcher Skandale aktuell und historisch in Zusammenhang mit der Reichweite der publizistischen Medien. Die Krawalle bei den Auftritten von Bill Haley in Westdeutschland – auch in dieser Produktion kurz zu sehen – wurden von Wochenschau-Teams gefilmt und können deshalb immer wieder aufs Neue verwertet werden. Als Ergebnis werden die Ankunft des Rock 'n' Roll in Deutschland und das Phänomen der Halbstarkenkrawalle in eins gesetzt.

Die Tatsachen sehen anders aus. Schon bei Gastspielen von Jazz-Größen wie Louis Armstrong hatte es teils heftige Tumulte, Auseinandersetzungen mit der Polizei und Verhaftungen gegeben. Nur existiert davon offenbar kein filmisches Bildmaterial. Überhaupt wurde das ziellose und unbeholfene Aufbegehren der westdeutschen Nachkriegsjugend nicht allein vom Musikerlebnis ausgelöst, sondern muss soziologisch und im Kontext sensationsheischender Wochenschau- und Presseberichte gesehen werden.

Hüftschwünge und ein geplatzter Hosenlatz

Der Zusammenhang zwischen skandalösen Vorfällen und ihrer medialen Verbreitung liefert dieser Dokumentation einen roten Faden. Elvis Presley verdankte seine Popularität nicht zuletzt dem in den USA bereits weit verbreiteten Fernsehen. Seine herausfordernden Auftritte wurden insofern zensiert, als die Kameraleute ihn nur von der Hüfte an aufwärts zeigen durften. Die Ahnung dessen, was nicht zu sehen war, genügte jedoch vollkommen, um Wirkung zu zeitigen – flammende Ablehnung seitens der konservativen Klientel, impulsive Begeisterung vor allem bei Jugendlichen.

Jahrzehnte später kursiert im Web ein Video von Lenny Kravitz, dem der Hosenlatz platzt, als er während eines Auftritts in die Hocke geht. Da er offenbar keine Unterwäsche trägt, drängt sein Gemächt langhin ans Tageslicht. Das Missgeschick wird allerseits mit Belustigung zur Kenntnis genommen. Für Kravitz kein Grund zur Sorge.

Anders bei Janet Jackson. Während eines Auftritts in der Spielpause beim Super Bowl zerrt ihr Duettpartner Justin Timberlake an Jacksons Brustharnisch, der gibt nach, eine Brust liegt frei. Für einen winzigen Moment nur ist die verzierte Brustwarze im Fernsehen zu sehen, lang genug, um heftige Reaktionen passionierter Moralverfechter auszulösen.

Über den Boulevard hinaus sind die Berichterstatter prompt mit voller Kraft dabei und geben dem Vorfall einen eigenen Namen: „Nipplegate“. Bezeichnend: Justin Timberlake profitierte von dem Vorfall, Janet Jackson verlor an Zugkraft und musste in aller Öffentlichkeit Buße ablegen.

Die Sender CBS und MTV berappten 3,5 Millionen Dollar Strafe. Seither werden alle Live-Übertragungen mit fünf Sekunden Verzögerung ausgestrahlt, damit notfalls noch eingegriffen werden kann. Interessant wäre, mal zu sehen, wer da eigentlich am Monitor sitzt und die entsprechende Entscheidung treffen muss.

Medienhistorisch von Interesse: Der Vorfall inspirierte Steve Chen, Chad Hurley und Jawed Karim zur Gründung von YouTube. Womit sich die öffentliche Wahrnehmung von Anstößigkeiten aller Art abermals massiv wandelte, unter anderem dahingehend, dass Skandale stärker als früher vorsätzlich inszeniert werden, um Aufmerksamkeit zu generieren, die sich wirtschaftlich ausbeuten lässt.

Bisweilen werden Benimmverstöße von den Protagonisten so lustvoll ausgelebt, wie sie vom Publikum genossen werden. Ruhmsüchtige Starlets, aber auch Top-Prominente wie Rihanna und Miley Cyrus – die Geschlechterfrage ist bedeutsam in diesem Zusammenhang – beherrschen dieses frivole Spiel, an dem Sensationsreporter großen Anteil haben. Die sind hautnah dabei, wenn Lenny Kravitz die Hose oder Justin Bieber der Kragen platzt. Der Paparazzo Giles Harrison spricht es im Film gelassen aus: „(...) am Ende ist es ein Geschäft. Eine Industrie.“

Das Geschäft mit dem Sex

Der heuchlerische Umgang der US-Amerikaner mit dem Thema Sexualität hätte eine eingehendere Betrachtung seitens der Autorinnen verdient. Öffentliche Medien wie die frei empfangbaren Sender unterliegen einem strikten Diktat der Prüderie. Gleichzeitig ist gegen Geld beinahe alles zu haben, was auf pornographischem Gebiet denkbar ist.

Darauf beruht auch der Erfolg der Abonnement- und Streamingkanäle, denen verbale Obszönitäten und freizügigere Darstellungen bis hin zu Softpornos gestattet sind. Beispielhaft zeigt sich das anhand der innovativen Sitcom „Dream On“ aus dem Jahr 1990: Die einzelnen Folgen wurden doppelt gedreht – offenherzig für HBO, dezent für die Auswertung in den Senderketten.

Man kann es auch so sehen: Der verordnete Moralkodex schafft die Grundlage für ein erfolgreiches Geschäftsmodell.

Um zehn Jahre verschätzt

Die vom ZDF zum Arte-Programm beigesteuerte Dokumentation kann keine lückenlose Chronik sämtlicher Popskandale liefern. Das Augenmerk liegt vor allem auf dem angelsächsischen Showgeschäft. Die Autorinnen selektieren, und ihnen gelingen informative und anregende Passagen, wenn sie historische Verbindungen aufzeigen, wenig bekannte Informationen ausgraben und die nötigen Einordnungen vornehmen. Lobenswert beispielsweise, dass anlässlich der Verwendung des Schlagwortes „Nipplegate“ einmal die Herkunft des inzwischen völlig unreflektiert verwendeten Anhängsels „-gate“ erläutert wird.

Eine Schwäche der Produktion liegt in der Auswahl der Gesprächspartner. Die Mitwirkenden in den Expertenrollen kommentieren, statt aus eigener Anschauung zu berichten. So steuert der fernsehbekannte „Musikmanager“ Thomas Stein sehr verzichtbare Allgemeinplätze bei. Der in Los Angeles ansässigen Boulevardjournalistin Bettina von Schimmelmann unterlaufen Gedankenlosigkeiten wie der Hinweis, das öffentliche Interesse am Mordprozess gegen O. J. Simpson sei unter anderem von der Mitwirkung des Anwalts Robert Kardashian angeheizt worden, weil der der „Vater von den Kardashians ist. Man hätte es nicht besser schreiben können.“

Nur standen die publicitysüchtigen Kardashian-Schwestern und ihr Bruder Rob 1996 noch gar nicht im Blitz- und Scheinwerferlicht. So ein Patzer kann passieren, ist dann aber ein Fall für den Schneidetisch.

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