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Fritzi in der Schule, hier mit einer Lehrerin vom alten Schlag.

Kino

„Fritzi - eine Wendewundergeschichte“: Das Wunder fiel nicht vom Himmel

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Flächige Bilder, aber keine platte Darstellung: „Fritzi – eine Wendewundergeschichte“ erzählt vom Jahr 1989 aus Sicht eines Kindes.

Bis heute ist es nicht gelungen, ein Denkmal für die friedliche Revolution von 1989 zu errichten. Wettbewerbsentwürfe gab es etliche, aber weder in Berlin noch in der Heldenstadt Leipzig wurde je ein Projekt umgesetzt, das politisch und öffentlich ausreichend Zustimmung gefunden hätte. Es ist offenbar zu schwer, die Ereignisse von damals in einfache Bilder zu packen. Wie tollkühn also waren die Regisseure Ralf Kukula und Matthias Brun, als sie einen Zeichentrickfilm über den Herbst 1989 in Leipzig entwickelten!

„Fritzi – eine Wendewundergeschichte“ richtet sich an ein sehr junges Publikum, so jung, dass dessen Eltern in der Zeit, von der erzählt wird, selbst Kinder oder Jugendliche waren. Das Team, das auf Grundlage eines Erstleserbuches aus dem Jahr 2009 die Filmhandlung um zwei Mädchen, einen Jungen und einen Hund erdachte, dürfte sich des Interesses dieser Generation bewusst gewesen sein. Schon die ersten Bilder knüpfen mit Kleidung und Accessoires wie einem Walkman an die Zeit-Erfahrung an.

Sophie ist mit ihrer Mutter in den Sommerferien nach Ungarn gefahren, mit ihr durch die Grenze geschlüpft und von dort zur Großmutter in den Westen gereist. Fritzi wusste nichts davon und vermisst ihre beste Freundin. Sie stellt sich vor, wie deren Hund, den sie nur für zwei Wochen beaufsichtigen sollte, sich nach ihr sehnt. Höchst abenteuerlich versucht sie während einer Klassenfahrt in Thüringen, das Tier durch die Mauer zu schmuggeln.

Hier hat der Film seinen ersten spannenden Höhepunkt mit Stacheldraht und Scheinwerfern, Verhören sogar, mit echtem Nervenkitzel. Wieder in Leipzig, ist es der Hund, der Fritzi zufällig in eine Montagsdemonstration bringt – auf der bald für das Mädchen weitere folgen.

Der Animationsfilm in gedeckten Farben bewegt sich in der Handlung erstaunlich differenziert auf mehreren Ebenen. Dafür kann er nicht genug gelobt werden. Er zeigt eine Lehrerin vom alten Schlag, die im Sinne des Staates funktioniert, er stellt die Schwierigkeiten der Mitschüler dar, der Lehrerin folgen zu müssen oder zu Fritzi zu halten. Er macht auch die Sorgen der Eltern vor den Folgen von Fritzis Abenteurertum sichtbar. Bis Anfang Oktober 1989 konnte man bei einer Demonstration noch jederzeit von der Polizei aufgegriffen und festgenommen werden.

Und der Film zeigt Fritzis Entwicklung: Dem Mädchen wird bewusst, dass man gemeinsam mit anderen etwas erreichen kann. Das sind viele Szenen, die Gefühle wecken und zur Identifikation einladen. Ein realistisches Thema gezeichnet zu erzählen, hält viele Fallstricke bereit, denn die Figuren sind viel fester an eine Struktur gebunden, als wenn die Handlung gespielt wird. Als (Wende-)erfahrener Erwachsener entdeckt man kleine historische Fehler hier und dort, an anderen Stellen jedoch eine große Sorgfalt in den Details.

Am besten ist, dass der flächigen Darstellung zum Trotz das wahre Wunder nicht platt erzählt wird. 1989 fiel kein guter Stern vom Himmel und hat die Menschen beglückt. Es dauerte mehrere aufregende Montage und brauchte viele mutige Menschen, bis Leipzigs Straßen so voll waren mit dem Volk, das freie Wahlen und freies Reisen forderte, dass sich die bewaffneten Kräfte zurückzogen. Und schließlich sahen sich die Freundinnen wieder.

Fritzi – eine Wendewundergeschichte.Dtl. / Luxemburg / Belgien / Tschechien 2019. Regie: Ralf Kukula und Matthias Bruhn. 86 Min.

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