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Zwei aus der Zombie-Familie Kielsperg: Cristin König und Rainer Furch als verwickelte Dorfbewohner.

"Tatort: Böser Boden"

Fremdenfeindliche Zombies

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Der NDR-Tatort "Böser Boden" verrührt ungerührt ländlichen Rassismus, einen üblen Umweltskandal durch Fracking und das Auftreten von Untoten.

Zufall, Mode oder Langeweile am Althergebrachten wollen es, dass sich zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit Elemente aus einer anderen Sphäre im Tatort-Krimi tummeln. Nach dem klassischen Horrorgenrefilm „Fürchte dich“ aus Frankfurt, an dem leider die wenigsten außer mir Gefallen gefunden zu haben scheinen, treten nun im neuen Hamburg-Tatort „Böser Boden“ unter der Regie von Sabine Bernardi Personen auf, die so unlebendig, versehrt, fremdgesteuert und böse wirken, dass es schwer fällt, sie noch für herkömmliche Opfer eines Umweltskandals zu halten. Gedimmte Farben und ein erheblicher Schminkeeinsatz verwandeln die Bewohner eines herkömmlichen norddeutschen Dorfes in gepflegte Zombies mit der schönen blauen Haut und den edlen Augenringen von Vampiren, aber in Zombies.

„Das sind doch halbe Zombies“, sagt also Ermittlerin Grosz, Franziska Weisz. Ermittler Falke, Wotan Wilke Möhring, murmelt: „Wenn man das halbe Leben Hirse frisst, sieht man halt so aus“. Aber das stimmt überhaupt nicht. Hirse ist gesund. Und Falke steht irgendwie auf dem Schlauch, während die Kollegin in die norddeutsche Kühle schnuppert und schaut, als sei sie bereits die reinste Zombiejägerin. Die Zombies bekommen schöne Szenen, sie rotten sich bei einer Bürgerversammlung, im Supermarkt oder zum Showdown zusammen und sind dann kaum zu bändigen – Ermittlerin Grosz tut, was sie kann. Die jüngeren unter ihnen sind noch härter drauf als die älteren, die sich zwar nähern, aber meistens nicht recht trauen (auch dies ein typisches Zombieverhalten).

Wut gegen iranische Familie

Die Wut richtet sich vornehmlich gegen eine im Dorf lebende iranische Familie (deren jüngster Sohn so krank ist, dass er Polizistinnen beißt und später sein Kinderzimmer zerlegt), weil eines ihrer Mitglieder für die am Ort verhasste Fracking-Firma gearbeitet hat. Nun ist er tot.
Ja, es dreht sich eigentlich gar nicht um Zombies. Es dreht sich um Fracking, um die Gefahren, die das mit sich bringen kann, wenn – wie hier – ernsthaft etwas schiefgeht. Bei aller haarsträubenden und doch auch unwahrscheinlichen Krassheit der Symptome, die hier bei Gelegenheit auch noch an Laborratten vorgeführt werden, hat ein durch einen toxischen Mix verseuchter Wald- und Badesee sicher furchtbare Folgen. Es dreht sich ebenso um stumpfsinnige Ansichten auf dem Lande, wo es zwar keine Sünde, aber eine von des Gedankens Blässe nicht angekränkelte Fremdenfeindlichkeit gibt.

Der Hass der Dorfbewohner gegen die Fracking-Firma hat sich kaum zufällig gegen den jungen Iraner Bahn gebrochen. Diese Konstellationen haben die Drehbuchautoren Marvin Kren und Georg Lippert sorgsam ausgetüftelt: Ausgerechnet die unheimlich umweltbewussten, Gemüse essenden, Quellwasser trinkenden Dörfler vergiften sich und kapieren nicht, was los ist. Ausgerechnet der von ihnen drangsalierte und beschimpfte Fahrer aus dem Iran ist im Begriff, der Firma hinter ihr böses Geheimnis zu kommen. Man muss kaum diskutieren, dass die Ernsthaftigkeit der Themen durch die matt und böse glotzenden Untoten ins gänzlich Unernste, Bizarre gezogen wird. Das ist ein Problem, das der Tatort nicht zu lösen bereit ist. Kriminalistisch ist man trotz mysteriöser Bilder (armer Irrer, toter Vogel, vom Waldsee wie eingesaugter Experte) etwas schnell im Bilde.

Aber warum steht Frau Grosz den Zombies  alleine gegenüber? Weil Falke in Hamburg nach seinem verlotterten Sohn sucht, von ihm einen Kopf-an-Kopf-Hieb erhält, dass ihm die Lippe blutet, und ihm doch verzeiht. Es könnte mit dem Song „Oft gefragt“ von der Gruppe AnnenMayKantereit zusammenhängen, der zur einschlägigen Begegnung mit dem unmöglichen Sohn zufälligerweise von der Band daselbst gespielt wird und in dem es heißt: „Zu Hause bist immer nur du. Zu Hause bist immer nur du“ (und nicht, wie man vielleicht verstanden hat und wie es ebenso viel Sinn gemacht hätte: „Zu Hause ist immer nur doof“).
 
„Tatort: Böser Boden“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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