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Sarah (Macha Limonchick, li.) kümmert sich um die verletzte Ina (Marilyn Castonguay, re.).

"Unerwünscht", Arte

Die Fremde aus dem Zug

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Arte zeigt eine zehnteilige franko-kanadische Fortsetzungsserie mit bemerkenswertem Ansatz, die jedoch dem angestrebten Niveau nicht durchgängig gerecht wird.

Nach dem Inhalt seines nächsten Filmes befragt, soll Clint Eastwood einmal sinngemäß geantwortet haben: Alles wie immer – ich reite in eine Stadt, der Rest ergibt sich. Er beschrieb damit augenzwinkernd ein schon in den 1960ern auch aus TV-Serien bekanntes Handlungsmuster. Jetzt begegnet es uns in eigenwilliger Auslegung in der franko-kanadischen Serie „Unerwünscht“, die zunächst einmal massiv irritiert. Wir erfahren, dass Sarah Dembski (Macha Limonchik) offenbar vor einem gewalttätigen Verfolger davonläuft. Zuflucht sucht sie in einem entlegenen Örtchen in den kanadischen Wäldern. Doch man weist sie zurück, begegnet ihr feindselig, droht ihr gar offen Gewalt an, befördert sie gegen ihren Willen zurück zum Bahnhof. Sie bleibt starrköpfig, setzt sich durch, und das steht eigentlich in Widerspruch zu ihrer Aussage: „Alles, was ich will, ist, nie wieder wegzulaufen und mich sicher zu fühlen.“ Denn sicher fühlen wird sie sich über zehn Folgen hinweg nicht, vielmehr die meiste Zeit ein Gewehr, eine Pistole oder mindestens ein Messer mit sich herumtragen.

Dieser Beginn ist dem Autor Stéphane Bourguignon wenig glaubhaft geraten, so wie die Benennung des Ortes mit dem plump-symbolischen Namen Fatale-Station. Denn noch auf andere Weise verstößt die Exposition gegen die serieneigene Logik. Fatale-Station ist ein winziger Ort weit entfernt von den Ballungszentren, verfügt aber über zahlreiche Geschäfte. Metzger, Stahlwaren, sogar einen Buchladen gibt es. Eine Ökonomie, die nur mit Kundschaft von außen funktionieren kann. Sarah, die augenfällig über beträchtliche Geldmittel verfügt, müsste folgerichtig mit offenen Armen aufgenommen werden.

Besonderes Leid tragen die Frauen

Fast alle Unternehmen gehören der eigensinnigen Matriarchin Jean O‘Gallagher (Micheline Lanctôt), der nicht nur heimlichen Herrscherin des Ortes. Der Bürgermeister ist ihre Marionette, auf Entscheidungsträger und andere Unternehmer übt sie skrupellos Druck aus. Und Euthanasie ist für sie eine ganz selbstverständliche, eigenhändig ausgeführte Lösung, wenn ein Schwerverletzter zur Last zu werden droht.

Die Serie gewinnt an Interesse, sobald sich die Außenseiterin Sarah etabliert und erste Bekanntschaften und fragile Freundschaften geschlossen hat. Wie sich zeigen wird, hat sie sich nicht zufällig für Fatale-Station entschieden. Ehe aber Sarahs Geheimnis gelüftet wird, lernen wir an ihrer Seite das soziale Gewebe des Städtchens kennen. Fatale-Station erweist sich als Brutstätte der Gewalt. Die Aggressionen richten sich gegen die Ureinwohner, die aus Protest gegen die Verletzung ihrer Landrechte die Hauptzufahrtstraße blockieren. Gegen die Regierung wird gehetzt, überhaupt gegen jeden, der einem nicht behagt oder der als Punchingball für die vielen aufgestauten Frustrationen taugt. Besonderes Leid tragen die Frauen. Die Friseurin Carolan zum Beispiel, die unwissentlich von ihrem Ehemann in ein Verbrechen verwickelt und als Folge davon zum Tragen einer Fußfessel verurteilt wurde. Ihr Laden ist ihr Gefängnis. Sie kann nicht einmal hinaus, um jugendliche Rüpel davon abzuhalten, gegen ihr Schaufenster zu urinieren. Ina, die Bedienung und Gelegenheitsprostituierte, erfährt körperliche Gewalt von Seiten ihres Stechers Cedric. Alex, der schwergewichtige Metzger, liebt Ina so unbeholfen wie aufrichtig und wird dafür von dem ruppigen Cedric verlacht und gedemütigt.

Stéphane Bourguignon wählt das Gewand einer vertrackten Rachegeschichte, um eine intensive Studie zum Thema Gewalt anzustellen. Er beschreibt einschlägige Befindlichkeiten und eine Gemengelage, die in einer vermeintlich zivilen Umgebung Gewalt fördert oder provoziert. Ein in unseren Zeiten hochaktuelles Sujet, dessen Bearbeitung man sich anstelle der vielen nostalgiesatten Retroserien auch einmal von deutschen Serienproduzenten wünschen würde. Die könnten sogar einiges besser machen. Denn so ehrenwert das Anliegen auch ist, es wird über die Maßen ausgewrungen und in die Breite gezogen und verliert damit an Glaubwürdigkeit. Partiell wirkt die zehnteilige abgeschlossene Serie, als sei sie mit einem jener Computerprogramme entstanden, die dem einfallslosen Autor automatisch Vorschläge zum Fortgang der Handlung unterbreiten. Was zwangsläufig zu statischen, oft unglaubwürdigen, psychologisch unzureichenden Erzählungen führt. Wer dennoch dabeibleibt, wird mit einem smarten Finale belohnt. Die Begründung dafür muss hier entfallen. Sonst wäre den Interessierten aller Spaß verdorben.

„Unerwünscht“, ab Donnerstag, 28.9., Arte, ab 20:15 Uhr jeweils drei bzw. vier Folgen en suite.

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