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Rosalie Thomass und Peter Dinklage am Set des Kinofilms "Taxi" am Fischmarkt Hamburg.

"Taxi", Arte

Die Freibeuterin

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In der Verfilmung des Romans "Taxi" von Karen Duve sucht eine junge Frau im Hamburg der 1980er-Jahre ihre Freiheit. Und findet sie auf der Straße.

„Ich mach das ja nur so nebenbei.“ Sätze wie diese hörte man häufig von den Kollegen, wenn man in den 1980er-Jahren Taxi fuhr. Auch nur so nebenbei. Aber viele blieben im Gewerbe, machten sich vielleicht sogar selbstständig. Der Taxijob, wie er damals war, hatte seine Vorzüge. Als Fahrer und erst recht als Unternehmer war man sein eigener Herr. Vor allem die Nachtschichtler waren von eigenem Naturell. Einzelgänger, Jäger, Freibeuter. Manche auch mit Hang zur Spielsucht, die sich im Droschkengewerbe legal ausleben ließ. Das Glücksspiel bestand darin, den richtigen Stand, den mit den meisten Rufen, anzufahren. Oder zu mogeln, sich von unterwegs zu melden und sich möglichst nicht erwischen zu lassen.

Für Alex Herwig (Rosalie Thomass) ist dieser Job genau das Richtige. Versicherungskauffrau hatte sie nach dem Wunsch der Eltern werden sollen, die Ausbildung aber abgebrochen. Im Spielfilm „Taxi“, zu dem Karen Duve nach eigener Romanvorlage das Drehbuch verfasste, meldet sie sich kurzerhand auf die Anzeige eines Taxiunternehmens, das neben „Fahrern“ ausdrücklich auch „Fahrerinnen“ sucht. 1984 noch eine ungewöhnliche Formulierung. Anders als im Buch wird der notwendige Erwerb des Personenbeförderungsscheins ausgelassen. Alex spricht beim persischen Fuhrunternehmer Mergolan (Özgür Karadeniz) vor und bekommt umstandslos die „Zwodoppelvier“ zugeteilt.

Holprig der Beginn, natürlich, aber sie findet sich schnell ein und fühlt sich wohl als Fahrerin der Nachtschicht, kreuzt gern durch Hamburgs Straßen, erfreut sich an den Bareinnahmen, der gewonnenen Selbstständigkeit, die sich im Auszug bei den Eltern und der Anmietung der ersten eigenen Wohnung ausdrückt.

Behilflich ist ihr der Kollege Dietrich (Stipe Erceg), eigentlich ein begabter Künstler, der ihr  Henry de Montherlant und Friedrich Nietzsche nahezubringen sucht und ihr Liebhaber wird, obwohl sie eigentlich keine Beziehung möchte. Aus ihrer Warte schon eine unglückliche Situation, die sich weiter verkompliziert, als sie Gefallen an dem kleinwüchsigen Psychologen Marc Russell (Peter Dinklage) findet. Die Ungebundenheit, die sie als Taxifahrerin ausleben kann, verlangt Alex auch für ihr Privatleben. Doch das setzt voraus, dass die anderen mitspielen.

Mit ihrer ziellosen Aufsässigkeit ist Alex Herwig ein im Taxigewerbe nicht seltener Typus. Die französische Autorin Victoria Thérame, wie Karen Duve selbst Taxifahrerin, hatte ihn schon in den 1970ern in ihrem Buch „Die Taxifahrerin“ – für Peter Rühmkorf „ein Original von Weib“ – beschrieben. Ein Jahrzehnt später kursierte es in der RORORO-Ausgabe auch unter deutschen „Turnschuhfahrern“.

Unter der Regie von Kerstin Ahlrichs verkörpert Rosalie Thomass diese unangepasste Alex Herwig perfekt. Keine leichte Aufgabe, denn es galt für sie, die Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Empfindungen wie Ablehnung und Mitleid, Freiheitsdrang und Hingezogensein mimisch und gestisch umzusetzen.

Besondere Wirkung verdankt der vom WDR koproduzierte, bereits im Kino aufgeführte Film der sorgfältigen Bildgestaltung der Kamerafrau Sonja Rom, die plakabunte Interieurs mit dem Neon- und Straßenlaternenlicht der nächtlichen Großstadt kontrastiert. Wobei dankenswerterweise auf eine musikalische Untermalung mit „99 Luftballons“ und ähnlichen Gassenhauern verzichtet wurde. Stattdessen gibt es Originalkompositionen von Michel Van Dyke, der die Begleitmusik der 1980er kongenial nachempfindet. Der Film-Soundtrack ist auf Tonträgern erhältlich.

Erwähnenswert noch, dass die Requisite tatsächlich ein mechanisches Taxameter für den elfenbeinfarbenen 123er auftreiben konnte. Nicht ganz passend allerdings sind die Fahrzeugtypen, die den Weg der Taxifahrerin Alex säumen – die meisten sind für 1984 schon zu alt. Keine Japaner, kein Golf, kein Passat. Einmal ein Polo, der von den Fahrern ungeliebte Jetta hingegen wird nur erwähnt, nicht gezeigt. Das Problem vieler Filmausstatter: die damals gängigen Modelle werden kaum gesammelt, viele fielen der Abwrackprämie zum Opfer.

Demnächst wird man das Manko wohl durch Computereffekte beheben müssen.

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