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Ryan Reynolds als Guy in „Free Guy“.
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Ryan Reynolds als Guy in „Free Guy“.

Kino

„Free Guy“ im Kino: Die Liebe des Herrn NPC

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Verblüffend liebenswert: Der Sommer-Blockbuster „Free Guy“ ist die Truman-Show der Gaming-Welt.

Kaum ein neues Medium kann es mit der Wirkungsmacht von Computerspielen aufnehmen. Trotzdem ist es ein Phänomen, über das außerhalb der Nutzerkreise nur wenig gesprochen wird. Sicher, es gibt die Stimmen der oft sorgenvollen Eltern. Und es gibt die des Jugendschutzes, dem die ersteren wie zahnlose Tiger angesichts einer mächtigen Industrie erscheinen. Unter den radikalsten Gegnern und Gegnerinnen des Mediums kann man sich schon dadurch verdächtig machen, dass man die Titel der Spiele kennt, die das eigene Kind zockt – so erlebte ich es jedenfalls einmal bei einem Elternsprechtag: „Ah, dann hat es das sicher von Ihnen … .“

Auch das Kino hat sich mit Filmen über die digitale Konkurrenz meist schwergetan. Verfilmte Computerspiele sind zahlreich, aber doch ein Widerspruch in sich: Wofür die Handlung eines Videospiels anschauen, wenn man es nicht spielen kann? Interessante Geschichten finden sich allein an den Schnittstellen zwischen Spiel und Realität – etwa bei Disneys Pionierwerk „Tron“ oder „Summer Wars“, dem Anime des Japaners Mamoru Hosoda.

Hier hat auch der kanadische Filmemacher Shawn Levy seinen Hollywood-Film „Free Guy“ angesiedelt über das Eigenleben einer jener Randfiguren, wie sie in urbanen Spielen à la „Grand Theft Auto 5“ im Hintergrund durch die Kulissen laufen – solange sie niemand umnietet. Das Fachwort dafür ist NPC, also „nicht spielbarer Charakter“ (aber verraten Sie dieses Spezialwissen niemals auf einem Elternabend).

Auf den ersten Blick erinnert die Geschichte an Peter Weirs Tragikomödie „Die Truman Show“. Wie Jim Carreys unfreiwilliger Reality-Show-Star lebt der liebenswerte „Guy“ (Ryan Reynolds) lange im Zustand seliger Unwissenheit. Und hier wie dort geht mit der Aufklärung über die eigene Existenz eine politische Erweckung einher. Ja, auch auf den zweiten und dritten Blick erinnert „Free Guy“ an die „Truman Show“, bis hin zum buchstäblichen Horizont, den es am Ende der Spielkulisse zu überwinden gilt.

Diese Idee klingt so simpel wie die wohlmeinende Natur des Protagonisten – und führte dennoch zu einem liebenswerten, unterhaltsamen und sogar immer wieder überraschenden Ergebnis. Gaming-Welt und Realität treten in Verbindung, als sich der mangels eines persönlichen Vornamens „Guy“ genannte Wachmann einer Bank-Kulisse in den Avatar einer Spielerin verliebt. Diese Figur nennt sich Molotov Girl, sie glänzt durch ein eisig cooles Auftreten und eine beeindruckende Punktzahl – was in diesem Game-Genre nicht gerade als Unschuldsbeweis gelten kann.

Hinter der Meisterspielerin verbirgt sich im realen Leben die Spieleentwicklerin Millie. Gemeinsam mit einem hilflos in sie verschossenen Kollegen namens Walter (einer zu vernachlässigenden Randfigur) hat sie den originalen Code des Spiels geschrieben. Ursprünglich in einer friedlichen Einhorn-Idylle angesiedelt, wurde ihr Werk durch einen skrupellosen Game-Produzenten in eine gesetzlose Großstadthölle verfrachtet. Nun sucht sie im Spiel nach Beweisen für den geistigen Diebstahl. Tatsächlich aber hat sie mehr geschaffen, als sie je hoffen konnte: Guy ist nicht weniger als die erste künstliche Intelligenz, die aus einem Computerspiel hervorgegangen ist.

Ab jetzt erleben wir neben der „Truman Show“ auch noch eine moderne Pygmalion-Version mit umgekehrten Geschlechterrollen: Millie zeigt sich zusehends verliebt in die eigene Schöpfung. Das ist von einem liebenswerten Narzissmus, der noch einmal dadurch gesteigert wird, dass ja auch ihr eigener Avatar ein Ausdruck ihrer Kreativität ist. Leider sind Mischehen zwischen der wahren und der virtuellen Welt im Kino zum Scheitern verurteilt – man erinnere sich an „Her“, den traurigen Liebesfilm, den Spike Jonze zu diesem Thema drehte.

Doch dies ist natürlich nur am Rande eine Liebesgeschichte. Mit dem anstehenden Auslaufen des Online-Spiels, das durch eine Fortsetzung ersetzt werden soll, droht nicht nur der Figur des Guy die gnadenlose Löschung. Auch Beweise des geistigen Diebstahls wären für Millie dann nicht mehr zu finden.

In einer virtuosen Parallelmontage zwischen der Konzernzentrale und einer zusehends entfesselten Gaming-Innenwelt inszeniert Shawn Levy ein furioses Crescendo. Vom Regisseur der eher behäbigen „Nachts im Museum“-Filme hätte man so ein Virtuosenstück nicht erwartet, das gewürzt ist durch unzählige Anspielungen auf Popkultur und Gaming-Historie. Doch bei aller Virtualität werden die menschlichen Darsteller nie in den Hintergrund gedrängt. Beide machen ihre Sache bewundernswert.

Ryan Reynolds, der bislang vor allem durch Comic-Verfilmungen wie „Green Lantern“ oder „Deadpool“ bekannt ist, kann noch immer überraschen. Die Konsequenz, mit der er das reduzierte Ausdrucksspektrum eines virtuellen Charakters durchhält, zugleich aber mit menschlicher Liebenswürdigkeit anreichert, ist faszinierend. In der US-amerikanischen Filmgeschichte hat der Rollentypus des unterschätzten Herrn Jedermann eine lange Geschichte, die über Tom Hanks und Jim Carrey bis zum Stummfilmstar Harold Lloyd zurückgeht.

Umso ambivalenter Jodie Comers Doppelrolle: der souveränen Frauenfigur ihres Avatars steht die realistische Figur einer in der männlich dominierten Gaming-Industrie benachteiligten Entwicklerin gegenüber. Comer verleiht beiden Figuren außergewöhnliche Präsenz; man wird noch viel von diesem Talent zu sehen bekommen. Überaus charmant ist schließlich das Plädoyer für eine unabhängige, alternative Gaming-Kultur und gegen die Marktmacht der Großkonzerne. Aber Moment, steht da nicht ein Disney-Logo im Filmvorspann?

Free Guy. USA 2021. Regie: Shawn Levy. 115 Min.

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