Ronit Elkabetz als Viviane.
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Ronit Elkabetz als Viviane.

Film "Get"

Die Frau, die unsichtbar ist

Der Film „Get“ wird einen dunklen, dabei nicht trübseligen Blick auf das Scheidungsrecht in Israel.

Von Kerstin Krupp

Es ist, als wäre der Zuschauer Teil des Films. Zu Beginn schauen die Akteure, zwei Männer, direkt in die Kamera, es scheint, als blickten sie geradewegs in den dunklen Kinosaal, sprächen mit den Menschen dort in den Sesseln. Doch die Angesprochene hat einen Namen, Viviane. Sie bleibt unsichtbar während der ersten Minuten des israelisch-französisch-deutschen Films „Get – Der Prozess der Viviane Amsalem“. Und das ist kein Zufall.

Die Regisseure, Autoren und Geschwister Ronit und Shlomi Elkabetz, ein in Israel bekanntes Erfolgsduo, erzählen die Geschichte von Viviane, die sich nach zwanzig Jahren Ehe von ihrem Mann trennen will. Kein einfacher Vorgang in Israel, wo es überraschenderweise keine zivilrechtliche Scheidung gibt. Über eine Ehe oder eben deren Auflösung entscheidet allein ein Gericht aus drei Rabbinern. Diese stellen im Einigungsfall den Get, das Scheidungsdokument aus. Das aber ist nur mit Zustimmung des Ehemanns möglich. Bei ihm liegt die Macht. Ohne seine Einwilligung können die graubärtigen Richter nichts ausrichten. Die Frau spielt dabei keine Rolle. Es wird über sie, aber nicht mit ihr entschieden. Sie ist unsichtbar in dem patriarchalischen Justizsystem.

Regisseurin Ronit Elkabetz, auch als Schauspielerin sehr erfolgreich, spielt die Viviane und verleiht ihr eine vibrierende Selbstbeherrschung, die kaum auszuhalten ist. Die scheidungswillige Ehefrau, die seit drei Jahren von ihrem Mann Elisha (Simon Abkarian) getrennt lebt, muss sich einiges anhören. Zeugen werden geladen, erzählen ihre Sicht auf das Paar. Schweigend muss sie, die bei der Hochzeit 15 Jahre jung war, Lobliedern auf ihren Mann lauschen. Nur langsam bröckelt das Bild des edlen Gatten. Auch Elisha gesteht ein, dass er nicht glücklich ist. Scheiden lassen will er sich dennoch nicht. Aus Prinzip. Viviane versucht, sich ihre Verzweiflung, ihre Wut nicht anmerken zu lassen. Nur ihre Blicke sprechen, wenn sich für ihr Leid keiner interessiert in dem klaustrophobisch engen Amtsraum, den der Film niemals verlässt.

Man möchte rufen: Wehr dich! Aber das ist nicht möglich. Gleich, ob sie religiös oder säkular ist, die Israelin muss sich dem religiösen Gesetz unterwerfen. Durch ihre geradezu übermenschliche Selbstbeherrschung aber zeigt Viviane auf ihre Weise Stärke.

Doch irgendwann in dem über zwei Jahre andauernden Prozess verliert Viviane die Kontrolle. Sie schreit, ist erschöpft, öffnet schließlich das zusammengebundene Haar und lässt es über die Schultern fallen. Es ist wie ein Symbol für die Befreiung der Frau. Doch so weit wird es vielleicht nie kommen. Die empörten Richter weisen sie zurecht: „Denken Sie daran, wo Ihr Platz ist, Frau!“

Bei aller Ernsthaftigkeit ist es kein trübseliger Film. Den Geschwistern Elkabetz gelingt es, immer wieder humorvolle Momente zu schaffen, in denen der Zuschauer die Spannung für einen Moment weglachen kann. Nicht umsonst wurde der Film für die Golden Globes nominiert.

Get – Der Prozess der Viviane Amsalem. F/Isr./D 2014. Regie: Ronit und Shlomi Elkabetz. 115 Minuten.

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