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Definitiv möchte Emily mit ihrer Mutter Gretchen keine Papiertruthähne basteln.

HR-Tatort „Funkstille“

Tatort „Funkstille“ aus Frankfurt: Ja, ist denn etwa noch Kalter Krieg?

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Im Frankfurt-Tatort herrscht nur scheinbar „Funkstille“, es wird spioniert, was das Zeug hält.

  • Die ARD zeigt den neuen Frankfurt-Tatort „Funkstille“
  • Tessa Mittelstaedt gibt eine Spionin, wie sie im Buche steht
  • Es herrscht so etwas wie Kalter Krieg in Frankfurt

So wie Tessa Mittelstaedt sich 2014 vom Kölner Tatort verabschieden ließ, nämlich als Geisel genommen von einem Psychopathen im Gefängnis, konnte man wissen, dass die Schauspielerin als Franziska, Assistentin von Ballauf und Schenk, viele Jahre unterfordert gewesen war.

Jetzt taucht sie wieder in einem Tatort auf, für den HR gibt sie im neuen Frankfurter Fall „Funkstille“ eine Spionin, wie sie im Buche steht: Raffiniert und kühl vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen. Wer von Tessa Mittelstaedt bzw. Gretchen Fisher – nie war jemand dem „Gretchen“ ferner! – angestarrt wird, wird anschließend ein paar Herzschläge vermissen. Außer natürlich, die Betreffenden heißen Anna Janneke und Paul Brix, Margarita Broich und Wolfram Koch.

Emilia Bernsdorf ist im Tatort aus Frankfurt großartig cool

Gretchen Fisher arbeitet im US-Konsulat in Frankfurt, wie auch ihr Mann Raymond, Kai Scheve. Sie macht ... was auch immer. Er hat irgendwas mit einer Krankenversicherung zu tun. Sagt er. Die Kommissare verstehen nicht recht, warum jemand, der bei der Armee war, auf einen so langweiligen Job wechselt. Die Fishers als Antwort aufs polizeiliche Misstrauen: „Wir sind stolz, unserem Land zu dienen“ (hier ungefähr 275 Ausrufezeichen).

Allerdings ist Emily (ebenfalls großartig cool: Emilia Bernsdorf), die Tochter, eher nicht stolz. Sie hat an einem Protest teilgenommen, bei dem die US-Fahne verbrannt wurde, sie schreibt in der Schülerzeitung amerikakritische Artikel. In ihrem Zimmer kann man in Großbuchstaben lesen: „Ami Go Home“. Es ist Thanksgiving, das Konsulat lädt seine Angestellten mit Familie ein. Emily lässt sich zum Mitgehen erpressen, aber ihre Blicke könnten (beinahe) töten. Wie auch, als ihre Mutter vorschlägt, „Papiertruthähne“ zu basteln. Geht’s noch?

„Funkstille" (ARD): Im Frankfurt-Tatort werden raffiniert falsche Fährten gelegt

Eher produktiv genervt als überfordert von einem undurchsichtigen, geschmeidig parierenden Ehepaar sind auch Janneke und Brix. Sie gehen so entschlossen wie engagiert an die Arbeit, wundern sich höchstens ein bisschen: Ja, herrscht denn etwa noch Kalter Krieg? Sie entspannen sich beim Grillen am Mainufer (aber: doch wohl illegal? Hallo?). Und am Ende ändern sie mit List und Tücke „das Narrativ“, lassen Sie sich überraschen.

Stephan Brüggenthies und Andrea Heller, Buch, Stanislaw Mucha, Regie, drehen ihrerseits an einem ziemlich großen narrativen Rad – aber sie überdrehen es nicht und nehmen auch nicht Zuflucht zur Action. Und wenn sie (nicht wenige) falsche Fährten legen, so tun sie auch das mit Raffinesse. Zunächst wird ein junger Mann, ein Freund von Emily, tot aufgefunden. Und hat ein Kommissar eigentlich frei, lässt sich aber überreden, will einen E-Roller für die Anfahrt zum Tatort nutzen – wie dann Koch wütend eine Reihe Roller umtritt, das spricht der Zuschauerin schon mal aus dem Herzen.

Zur Sendung

„Tatort: Funkstille“, Sonntag, 13.9.2020, 20.15 Uhr, ARD

Der Frankfurt-Tatort gerät nie in Gefahr, ins allzu Lustige abzugleiten

Aber das nur nebenbei, auch in „Funkstille“ ist es eine Petitesse, ein Gag am Rande. Dazu kommen kleine Späßchen für die Eingeborenen unter den TV-Zuschauern: „Wo gibt’s denn noch Telefonzellen?“ (Brix). „In Höchst“ (Janneke). Brix tut sich beim Gespräch mit dem Konsulatschef plötzlich schwer, das englische th auszusprechen – hörte man da gerade ein „F“ im „Thank you“? Aber dieser Tatort gerät nie in die Gefahr, ins allzu Lustige abzugleiten, im Gegenteil.

Ein alleinerziehender Vater (Henning Peker) hat seinen Sohn verloren. Bedröppelt wie die beiden Kommissare sieht die Zuschauerin ihm dabei zu, wie er weiter einen Pizzaboden belegt, er kann’s halt einfach nicht glauben, dass sein Sohn tot ist. Man sieht, wie er dann die sich bereits auflösenden Tomatenscheiben wieder runterklaubt, eine nach der anderen. Man sieht einen Teenager, Emily, wie sie die Ahnung beschleicht, dass ihre Eltern nicht das sind, was sie zu sein vorgeben. Und irgendwie ist man sicher, dass sie etwas anderes, etwas Besseres aus ihrem Leben machen wird. (Von Sylvia Staue)

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