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Ist nur eine Luna, sind beide Luna? Luise (l.) und Nellie schwindelt es nicht. Foto: HR/Bettina Müller
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Ist nur eine Luna, sind beide Luna? Luise (l.) und Nellie schwindelt es nicht.

Kritik

Neuer Frankfurt-Tatort (ARD): Das ganze üble Oben und Unten

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Der Frankfurter Tatort „Luna frisst oder stirbt“ in der ARD tut sich mit einer Geschichte aus dem Literaturbetrieb nicht leicht. Die TV-Kritik.

„Luna frisst oder stirbt“ vom Hessischen Rundfunk scheint der verspätete „Tatort“ zur Frankfurter Buchmesse zu sein, eine ARD-Geschichte aus dem Herzen des Literaturbetriebs. Aus jenen Sphären nämlich, wo Ehrgeiz, Elan und Unsicherheit wallen, die Hoffnung auf das nächste Riesentalent sowie der Wunsch, damit auch ein bisschen Geld zu verdienen. Und wo Authentizität und Fiktion sich natürlich kreuz und quer übereinanderlegen. Die Literatur spielt damit, das gehört zu ihren schönsten Eigenschaften. Das Verlagsmarketing und das Publikum wünschen es sich eventuell etwas eindeutiger, das heißt meistens eindeutig authentischer.

Es liegt relativ nahe, an Missverständnisse rund um Helene Hegemanns Debütroman „Axolotl Roadkill“ vor gut zehn Jahren zu denken. Selbst die Plagiatsvorwürfe stammen nicht aus einer anderen Welt, stand doch damals neben der konkreten Abschreib-Problematik auch die Verlegenheit im Raum, dass sogar Teile der professionellen Kritik das Buch als Bericht direkt aus dem Leben der Helene H. gelesen hatten.

In „Luna frisst oder stirbt“ ist es jetzt aber im Grunde genommen umgekehrt. Leserinnen und Leser stellen sich womöglich auf eine flirrende Auseinandersetzung mit Literatur und Literaturbranche ein. Das Drehbuch von Regisseurin Katharina Bischof und von Johanna Thalmann verwickelt sie aber stattdessen in eine traurige und anscheinend vielfältige, aber doch vor allem traditionelle Geschichte über Benachteiligung, mangelnde Teilhabe, das ganze üble Oben und Unten der Gesellschaft.

Frankfurt-Tatort „Luna frisst oder stirbt“ in der ARD: Aber wer erzählt hier?

Die Literatur soll lediglich das Vehikel sein, ein anspruchsvolles Vehikel, das nicht recht funktionieren will, wenn man ihr nicht ausreichend Aufmerksamkeit schenkt. Wer davon, von der Literatur und dem Zustandekommen von Literatur, nicht lassen kann, den wird es zum Beispiel enttäuschen, dass hier nicht einmal groß zwischen der Frage unterschieden wird, wessen Geschichte hier erzählt wird und wer in der Lage ist, sie zu erzählen. Der Mut und die Fähigkeit, etwas vorzulesen, um hier einmal ganz kurz ins Detail zu sehen, ist ja nicht dasselbe wie der Mut und die Fähigkeit, ein Buch zu schreiben. Wie ist, muss man sich fragen, „Luna frisst oder stirbt“ entstanden?

Der Literatur widerfährt hier, was sie selbst normalerweise am Besten kann: Sie wird ausgeschlachtet. Für einen Krimi, der auf den letzten Metern sogar in eine ausgetretene 08/15-Straße einbiegt, und für eine traurige Sozialgeschichte. Und für einen Film, der nicht mit den Mitteln der Literatur arbeitet, sondern (verständlicherweise) mit einem unwiderstehlichen klassischen Filmmittel: Mit „Rückblenden“, denen wir glauben, weil wir Bildern immer glauben, bis uns das Gegenteil um die Ohren fliegt. Man will es mit eigenen Augen sehen, man sieht es mit eigenen Augen.

Die junge Luise, Jana McKinnon, Tochter einer sozial engagierten Frankfurter Stadtpolitikerin, Nicole Marischka, ist im Begriff, mit ihrem Debütroman „Luna frisst oder stirbt“ groß herauszukommen. Das Buch dreht sich um die in schwierigen Verhältnissen aufwachsende Luna. Der wütende Aufschrei einer Jugendlichen, so nennt man das dann. Der Verlag, vertreten durch Clemens Schick und Thomas Prenn als Verleger und Lektor, beide etwas smarter und unverbindlicher, als es in der Branche üblich ist, hat die Vermarktungsmaschine angeworfen.

ARD-Tatort „Luna frisst oder stirbt“ aus Frankfurt: Ein Hauch von Leidenschaft

Am Tag nach der Buchpremiere liegt Luise tot unter einer Brücke. In den Blick gerät alsbald ihre Kindheitsfreundin Nellie, Lena Urzendowsky (ja, genau, McKinnon und Urzendowsky, Christiane F. und Stella aus der Neuverfilmung von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“). Auch Nellie ist die Tochter einer alleinerziehenden Mutter, Tinka Fürst, es gibt eine kleine überdrehte Schwester, es gibt einen unangenehmen Ex. Die Verhältnisse sind prekär und auch psychologisch heikel, und Bischof und Thalmann zeichnen das dermaßen intensiv, dass ohne den großen Überbau vielleicht noch mehr davon möglich gewesen wäre. Und vielleicht auch ein plausiblerer Fortgang der Handlung.

Stattdessen versuchen Buch und Polizei aber wacker, Luises Roman als Ausweg aus dem allmählich entstehenden Informationswirrwarr zu nehmen. Die Authentizitätsfrage wird dabei mit einer gewissen Voraussetzungslosigkeit angegangen. Luise scheint sich umgebracht zu haben, aber noch bevor die Kriminaltechnik zu anderen Schlüssen kommt, fällt dem Team messerscharf auf, dass sich Luna in „Luna frisst oder stirbt“ ja auch nicht umbringt.

„Tatort: Luna frisst oder stirbt“

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr, abrufbar in der ARD Mediathek.

Janneke, Brix und Jonas, Margarita Broich, Wolfram Koch und Isaak Dentler, besorgen sich dann alle das Buch und lesen. Es ist die einzige Szene, in der Janneke und Brix, die ansonsten wunderlich beiläufig durchs Geschehen schweben, einen Hauch von Leidenschaft entwickeln. Dass sie sich immer mehr zum Trio erweitern, ist umso erfreulicher. Jonas wäre nicht der erste geheime „Tatort“-Lieblingsassistent ohne Nachnamen. Außerdem ist es unfair, den „Tatort“-Teams immer vorzuwerfen, sie seien zu aufdringlich, und sich dann darüber zu beklagen, dass sie einfach nur ihre Arbeit machen. (Jutta von Sternberg)

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