+
Begossene Hauptkommissare: Fabian Hinrichs und Dagmar Manzel im Regen.

„Tatort: Ein Tag wie jeder andere“. ARD

Wenn nicht einmal sie sich an die Regeln halten

  • schließen

Bis ins Festspielhaus von Bayreuth führt diesmal der Franken-Tatort und stellt große Fragen.

Während man noch denkt: Ist das nicht der immer ein wenig leidend wirkende, aber grundsympathische Chef der Weimarer Tatort-Kommissare Kira Dorn und Lessing (leicht hat er’s ja nicht mit den beiden) – und warum schwitzt und zittert er so? Und warum hat er plötzlich eine Waffe in der Hand? Da hat Thorsten Merten, hier als Anwalt namens Peters, schon jemanden erschossen. Während man noch denkt, was redet das fränkische Ermittlerteam in der Kantine über H-Milch (Hauptkommissar Voss ist dagegen, grundsätzlich) und das Wetter (alle sind irgendwie dafür), haben die nichts zu tun – da klingelt bereits Paula Ringelhahns Handy. Die Dinge entwickeln sich nun schnell und schlimm. Es wird dabei auch um einen alten Lebensmittelskandal gehen: Anfang 2011 geriet, nach den Eiern, auch Milch in Dioxin-Verdacht.

Ein Paar hat sein Kind verloren: Es war doch angeblich gesund, dann wurde es tot geboren. Man ahnt also als Zuschauerin früh, dass es um Rache geht; das nimmt den Geschehnissen nichts von ihrem Schrecken und ihrer Wucht. Erol Yesilkaya, Buch, und Regisseur Sebastian Marka setzen in erheblichem Maß auf Blut, Action, Verzweiflung, sogar auf eine uralte Howdunnit-Volte – wie kann ein gefesselter Mann in einem geschlossenen Raum einen anderen töten? –, trotzdem geht es ebenso nachdrücklich um Rechtsprechung, um Paragraph 44 des Lebensmittelgesetzbuches vor allem („Duldungs-, Mitwirkungs- und Übermittlungspflichten“), auch um große moralische Fragen. „Das geht mich nichts an“, sagt der Milchfabrik-Besitzer (der wie immer fabelhaft den Gewissenlosen gebende Jürgen Tarrach). Aber da irrt er sich.

inmal mehr – es ist zuletzt einige Male Tatort-Thema gewesen – werden auch Ermittler gezeigt, die verdammt schwer tragen an ihrem Job. Die versuchen, professionell zu bleiben in jeder Situation, aber es greift sie doch an. Diesmal nimmt es besonders Kommissarin Ringelhahn, Dagmar Manzel, mit, für die es nun wirklich kein „Tag wie jeder andere“ ist.

Einmal mehr auch sind die Ermittler nicht durchweg einer Meinung, was ihr Tun und dessen Rechtmäßigkeit beziehungsweise Angemessenheit betrifft. „Wenn wir uns nicht an die Regeln halten, wer sonst?“, fragt, nein, schreit Kommissar Voss, Fabian Hinrichs. Seine Kollegin Ringelhahn möchte nämlich ein wenig erpressen, vielleicht sogar ein bisschen Gewalt anwenden. „Ich bin überhaupt nicht befangen“, ruft sie. Aber wie soll das gehen?

Im Gericht in Bayreuth – der Franken-Tatort spielt diesmal im Festspielort und bis in eine Wagner-Aufführung hinein – kennt man Anwalt Peters gut. Umso unerklärlicher, dass er den Richter erschießt. Und dann gleich eine Wissenschaftlerin in einem Lebensmittellabor.

Dem Polizeipräsidenten geht es bei allem Verstörenden eher um den Ruf der Stadt, strömen doch die Festspiel-Gäste schon auf den Grünen Hügel und wird demnächst eine Vorstellung anfangen. Und kaum dass Sieglinde gesungen hat „Ein fremder Mann? Ihn muss ich fragen. /Wer kam ins Haus und liegt dort am Herd?“, wird auch der Festspiel-Saal zum Tatort. (Es wird vom BR dazu versichert: der winzige „Walküre“-Ausschnitt stamme nicht aus einer realen Inszenierung.)

g.) „Ein Tag wie jeder andere“ ist einerseits ambitioniert. Schafft es andererseits, in den schnellen Schnitten und den gelegentlichen Klischees – wieder einmal schleichen die Ermittler mit Taschenlampen durch ein verwahrlostes Haus, Finsternis muss offenbar sein – doch atmosphärische Nuancen unterzubringen. Außerdem die Not von Menschen, deren Leben vom einen auf den anderen Tag (aber eben keiner wie alle anderen) verheert worden ist. 

„Tatort: Ein Tag wie jeder andere“. ARD, So., 20.15 Uhr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion