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François Ozons Fassbinder-Hommage „Peter von Kant“: Jeder tötet, was er liebt

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Von: Daniel Kothenschulte

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Karl (Stefan Crépon, l.) und Peter (Denis Ménochet). Foto: Carole Bethuel/2022 FOZ – France
Karl (Stefan Crépon, l.) und Peter (Denis Ménochet). Foto: Carole Bethuel/2022 FOZ – France © Carole Bethuel/2022 FOZ – France

Glänzend besetzt und doch am Vorbild gescheitert: François Ozons Fassbinder-Hommage „Peter von Kant“

Eine Brauerei, deren Logo die Türme der berühmten Kathedrale zeigt, warb einmal mit dem Slogan: „Köln ist überall da, wo ein Dom steht.“ So ist das auch in vielen Filmen, die dort spielen: So lange man nur den Koloss ab und zu einschneidet, kann fast jede gesichtslose Häuserzeile in Deutschland für Köln durchgehen.

Ein digitales Dompanorama reicht dann auch François Ozon völlig aus, um sein Kammerspiel „Peter von Kant“ in der Heimatstadt des WDR zu verorten. Hier, wo Rainer Werner Fassbinder seinen fürsorglichen redaktionellen Hafen fand, residiert die von Denis Ménochet gespielte Titelfigur, ein berühmter Filmregisseur, in einer Luxuswohnung. In Ozons Travestie des Fassbinder-Melodrams „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ wird der korpulente Regiestar diesem historischen Vorbild immer ähnlicher.

Im Original von 1972 hatte Margit Carstensen eine Modeschöpferin verkörpert, die sich haltlos in eine von Hanna Schygulla gespielte junge Frau verliebt, von der sie sich bald ausnutzen lässt. Hier fällt diese Rolle dem jungen Schauspieler Amir (Khalil Gharbi) zu, dem bildschönen Sohn der früheren Muse des Filmemachers. Eine gleichfalls blendend aussehende Isabelle Adjani ist in dieser Rolle bereits als Großfoto hinter Peters Kingsize-Bett sowie als Interpretin eines deutschen Schlagers präsent, bevor sie tatsächlich durch die Tür kommt.

Was ein echter Ozon-Film ist, verträgt aber auch noch eine zweite Diva: Hanna Schygulla kann sich in der Rolle der Mutter des Regisseurs über eine geradezu hingebungsvolle Hommage freuen. Fassbinder selbst kommt weniger gut davon; nicht dass Ozon das manipulative Genie des kindlichen Tyrannen übertrieben hätte. Aber er hat seine Inszenierung mit etwas überzogen, das Fassbinder verabscheut hätte: falscher Glätte und echter Nostalgie.

Wie in der Boulevardkomödie

Da hat ihn Christoph Schlingensief in seinen Huldigungen besser verstanden. Denn Fassbinder bediente sich aus den in Hollywood und bei der Ufa prall gefüllten Arsenalen von Glamour und Pathos. Aber darunter strahlte eine rohe, tief menschliche Unvollkommenheit, die in Ozons Kino selten zu Gast ist. Alle Figuren werden auf ihre Oberflächen hin inszeniert, wie in der Boulevardkomödie hört man mit ihren Auf- und Abtritten förmlich die Türen klappern.

Denis Ménochet, einer der besten französischen Schauspieler seiner Generation, gibt den Manierismen dieses Charakters immerhin die nötige Stimmigkeit – aber mehr als Exaltiertheit, Eitelkeit und Larmoyanz ist in seinem Dialog nicht angelegt. Über die wenigen Zwischentöne fegt dann allerdings auch noch die Synchronfassung hinweg. Die interessanteste Rolle ist der stumme Diener Karl, der sich von Peter willenlos herumscheuchen lässt und ihm erst ins Gesicht spuckt, als der es einmal mit Respekt versucht. Im Originalfilm gibt es die Dienerin Marlene, doch so überdeutlich, wie Ozon hier BDSM-Präferenzen veralbert, war diese missbräuchliche Beziehung natürlich nicht angelegt.

Was gibt es an „Peter von Kant“ dennoch zu bewundern? Vielleicht das mondäne 1972er Dekor mit seinem Flokati-Chic? Es ähnelt mit seinen Großfotos eher einem Fernsehstudio als einer Wohnung. Die Filmplakate im Andy-Warhol-Stil? Oder lustige parodistische Filmzitate wie der Filmtitel im Hintergrund, „Der Tod ist heißer als die Liebe“? Man kann darüber schmunzeln. Aber Adjanis Chanson, das lassen wir gelten: „Jeder tötet, was er liebt“, von ihr hinreißend auf Deutsch gehaucht, ist die Neuvertonung einer wunderschönen Peer-Raben-Melodie. Auf dem Singlecover posiert der Star im Marlene-Dietrich-Stil mit Smoking und Zigarettenspitze. 1972 hätten wir sofort vier Mark dafür ausgegeben, leider gibt es so etwas heute nur noch digital.

Peer Raben hatte seinerzeit die Uraufführung des gleichnamigen Theaterstücks inszeniert, bevor Fassbinder einen Film daraus machte. Ulrich Gregor nannte ihn das „in seinem Hang zum Exzess vielleicht am weitesten vorgetriebene, in der Gestaltung virtuoseste Melodram Fassbinders“.

Wenn sich Fassbinder der melodramatischen Konstruktionen der Hollywoodklassiker bediente, dann nicht, um sie zu parodieren. Abgesehen von Todd Haynes und seiner Sirk-Hommage „Far from Heaven“ ist das wohl kaum jemandem gelungen – zu knapp entgingen schon viele der Vorbilder der Gefahr, sich am Schwergewicht ihrer Gefühle zu verheben. Die einzige Ebene, auf der Ozons Film überhaupt noch ein gewisses emotionales Rückgrat findet, ist die fetischisierende Affinität seines Helden zu Amir – und auch das gelingt allein dank der Ausstrahlung Khalil Gharbis.

Vielleicht ist es einfach so, dass Ozon, der Fassbinder schon in seinem frühen Film „Tropfen auf heiße Steine“ ein Denkmal setzte, diesmal in den Dunstkreis der eigenen Drohung gekommen ist – „jeder tötet, was er liebt“.

Peter von Kant. D/F 2022. Regie: François Ozon. 90 Min.

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