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Franco Zeffirelli 1986 bei Proben zu „La Traviata“ in Paris.

Italienischer Regisseur

Ein Mann für die großen Bühnen: Zum Tode von Franco Zeffirelli

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Zum Tod Franco Zeffirellis, einem der populärsten Opern- und Filmregisseure des 20. Jahrhunderts.

Eine wilde Wiese in der Toskana, Mohnblüten so weit das Auge reicht. Ein junger Mann sitzt inmitten dieser Pracht, bewundert Bienen, Schmetterlinge und Kaninchen, die sich wie im Tierfilm in Großaufnahmen zeigen. Der englische Folk-Barde Donovan singt die einschmeichelnde Filmmusik zu dieser 1971 gedrehten Szene, die man auch für den Anfang eines Werbespots halten könnte. Tatsächlich aber stammt sie aus Franco Zeffirellis Filmbiographie über Franz von Assisi, „Bruder Sonne, Schwester Mond“.

Was große Filmkunst und was Kitsch sei, diese Entscheidung überließ der italienische Film- und Bühnenregisseur dem Auge des Betrachters. Und wie auch immer das Urteil am Ende ausfiel, über eine Unterversorgung an Postkartenschönheit konnte man sich kaum beklagen.

Folgenreiche Begegnung mit Visconti 

Kurz nach dem Krieg war Zeffirelli in Florenz dem Regisseur Lucchino Visconti begegnet, der ihn zuerst als Bühnenmaler, dann als Regieassistent bei seinem Film „Die Erde bebt“ beschäftigte. Auch privat begannen beide eine Beziehung, die Zeffirelli später als eine seiner „ernsthaften Liebesaffären“ bezeichnete. Tatsächlich erwies sich die gemeinsame Zeit wohl vor allem künstlerisch als prägend. Ohne zu zögern gab der gutaussehende Zeffirelli eine vielversprechende Schauspielkarriere auf, um etwa Salvador Dalí bei den Bühnenbildern zur Visconti-Inszenierung von „Wie es euch gefällt“ zur Hand zu gehen. Bald darauf machte sich Zeffirelli einen eigenen Namen als Bühnenbildner unter Visconti. Es war eine Zeit legendärer Triumphe an der Mailänder Scala: Hier gewann Zeffirelli das Vertrauen von Maria Callas, die er zu einem Imagewechsel motivierte: Überaus erfolgreich inszenierte er sie 1955 überraschend leichtfüßig in Rossinis Opera buffa „Il turco in Italia“.

Förderer von Judi Dench und Joan Sutherland

Zugleich war Zeffirelli nun aus Viscontis Schatten getreten. Seine legendären Bühnenproduktionen der 50er und 60er Jahre müssen dem Publikum ähnliche Schauwerte mit etwas weniger Pathos geboten haben. Und er erwies sich als Förderer aufsteigender Sterne wie der Sängerin Joan Sutherland (als Lucia di Lammermoor) oder den Schauspielern John Stride und Judi Dench (in „Romeo und Julia“), 1959 und 1960 in London. Gleichermaßen aktiv in Oper und Sprechtheater, inszenierte er nicht nur Klassiker, sondern auch die Zeitgenossen Tennessee Williams, Edward Albee oder Arthur Miller.

So imposant seine späteren Kostümfilme in ihren Schauwerten anmuten, künstlerisch reduzierte Zeffirelli in ihnen vermutlich auch seine inszenatorische Spannweite. Oder vielleicht wird auch umgekehrt ein Schuh daraus: Auf der Bühne gelang es ihm, Klassiker zu entschlacken, als das noch Neuland war; im Kino dagegen zelebrierte er einen von der Moderne längst in Frage gestellten Schönheitskult.

Franco Zeffirelli 1986 während der Filmfestspiele in Cannes.

In seinen besten Filmen fällt beides zusammen: ein Gespür für klassische Schönheit und die schwelgerische Seite des Pop. Am liebsten wollte er in „Bruder Sonne, Schwester Mond“ die Beatles abwechselnd als Franz von Assisi auftreten lassen – auch wenn es schwer fällt, sie sich so naiv-beseelt in dieser Rolle vorzustellen wie sie dann der Debütant Graham Faulkner spielte. Doch sieht man diesen Film heute in seiner englischen Fassung (die italienische Version ist etwas realistischer), ist er mehr als ein Zeitdokument der Hippie-Ära: Es ist ein faszinierendes Kunstprodukt, schwelgerisch und doch ohne aufdringliche Effekte.

Dass Zeffirelli neben einem Gespür für Pathos auch Humor besaß, beweisen die frühe Komödie „Camping“ (1958) und sein internationales Filmdebüt „Der Widerspenstigen Zähmung“ (1967), mit dem wahrlich unzähmbaren Darstellerpaar Liz Taylor und Richard Burton. Schrecken konnte ihn, wie er später bekannte, deren notorische Kratzbürstigkeit nicht („Ich hatte ja schon mit so schwierigen Performern wie der Callas und Anna Magnani gearbeitet“).

„Romeo und Julia“: Faible für jugendliche Schönheit

Für die Popkultur jener Zeit erwies sich aber auch eine eher äußerliche Qualität von Zeffirellis Filmen als stilbildend: sein Faible für jugendliche Schönheit, die er in einer idealisierten Natürlichkeit dezent erotisierend präsentierte. Wer sich an „Romeo und Julia“ (1968) erinnert, der hat sofort die attraktiven Nachwuchsschauspieler Leonard Whiting und Olivia Hussey vor Augen und Nino Rotas lyrische Filmmusik im Ohr. Es ist ein schwelgerisch ausgestatteter, romantischer Abenteuerfilm.

Wenn Zeffirelli auf der Leinwand malte, dann füllte er sie bis zu den Rändern. Das galt auch für seine Fernsehserie „Jesus von Nazareth“, unter den populären Verfilmungen des Neuen Testaments bis heute die erste Wahl. Tief religiös, betrachtete er die Arbeit als göttlichen Auftrag – was ihm wiederum der Vatikan mit einer Reihe sehr reeller Engagements zu danken wusste.

Spätere Filme wie „Endlose Liebe“ und „Tee mit Mussolini“ stellten Zeffirellis Geschmackssicherheit dagegen auf die Probe. Seine Operninszenierungen wurden derweil immer monumentaler (Mitte der 90er inszenierte er in der Arena di Verona eine pompöse „Carmen“ mit gigantischem Ballett). Besonders gerühmt wurde freilich der überraschende Minimalismus seiner „Tosca“, die er mit Luciano Pavarotti und Inès Salazar im Jahr 2000 in der Oper von Rom realisierte. Man kann wohl sagen, dass Zeffirelli der populärste Opernregisseur des Medienzeitalters war.

Silvio Berlusconi verschaffte Zeffirelli sichere Senatskandidatur bei „Forza Italia“

Unter den großen Regisseuren des 20. Jahrhunderts war er wohl auch der prominenteste Anti-Modernist. Während sein Meister Lucchino Visconti als Aristokrat mit der politischen Linken sympathisierte, befand sich Zeffirellis ästhetischer Konservatismus im Einklang mit seinem politischen. Silvio Berlusconi verschaffte ihm 1994 einen sicheren Listenplatz für seine Forza Italia im Senat, zwei Jahre später wurde er wieder ins Amt gewählt, das er bis 2001 innehielt. Kein Wunder, dass Franco Zeffirelli besonders in Italien eine umstrittene Figur gewesen ist. Wer außer ihm vermochte es schon, sich als homosexuell zu outen und gleichzeitig die Haltung der katholischen Kirche dazu zu verteidigen?

Mit 96 Jahren ist Franco Zeffirelli am Samstag in Rom gestorben.

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