Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Das unlösbare Rätsel: Léa Seydoux (l.) in Ildikó Enyedis „Geschichte meiner Frau“.
+
Das unlösbare Rätsel: Léa Seydoux (l.) in Ildikó Enyedis „Geschichte meiner Frau“.

Filmfestspiele

„France“, „Titane“ und „Die Geschichte meiner Frau“ in Cannes: Titanische Gefühle

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
    schließen

Eine überdurchschnittliche Cannes-Ausgabe steuert aufs Finale zu: Chancenreiche Beiträge der Regisseurinnen Ildikó Enyedi und Julia Ducournau sowie Bruno Dumonts Mediensatire „France“.

Nur vier von 24 Wettbewerbsfilmen stammen von Frauen, mehr sind es auch in früheren Cannes-Jahrgängen nicht gewesen. Nimmt man davon aber nur die richtig guten Filme, dann sieht die Quote schon ganz anders aus. Die Französinnen Catherine Corsini und Mia Hansen-Løve würden bei der Gala am Samstag jede auf ihre Art den Regiepreis verdienen: Corsini für ihren verwegen ins Tragikomische übersteigerten Pariser Kriegsfilm aus einem Krankenhaus während der Gelbwesten-Proteste. Und Hansen-Løve für ihre federleicht-ausgesponnene und überaus kunstsinnige Pilgerfahrt zu „Bergman Island“, dem einstigen Domizil des Jahrhundertregisseurs.

Die Ungarin Ildikó Enyedi, die 2017 mit ihrem radikalen Essayfilm „Körper und Seele“ die Berlinale gewann, überrascht dagegen mit dem äußerlich klassischen Liebesmelodram „Die Geschichte meiner Frau“. Doch so elegant die Verfilmung des 1942 erschienen Romans von Milán Füst über die tragische Liebe eines Schiffskapitäns ins Paris und Hamburg der 20er Jahre führt, so ungewöhnlich kantenreich ist die Figurenzeichnung. Gijs Naber spielt den erzählenden Protagonisten, der auf Grund einer Wette die erste Frau heiratet, die sein Stammlokal betritt; Léa Seydoux, die nach einer Covid-Infektion mit vier Filmen allgegenwärtige Abwesende dieses Festivals, die Titelrolle.

Enyedi, die diesen Klassiker der modernen ungarischen Literatur mit 16 entdeckte, fächert ihn auf zu einem Exkurs über Männlichkeits- und Weiblichkeitskonzepte. Das unlösbare Rätsel, als das der Kapitän, ein Mann des 19. Jahrhunderts, diese geradezu ikonische Verkörperung der „Neuen Frau“ beschreibt, spiegelt sich im Gegenüber: Auch die junge Frau vermag das durchaus bewunderte Männlichkeitsideal nicht in ihre Lebenswirklichkeit zu integrieren. Das ändert nichts an einer beidseitigen Faszination, die sich hier ganz unideologisch als Paraphrase aktueller Genderdebatten lesen lässt. Bewaffnet mit dem analytischen Handwerkszeug des feministischen Kinos, widmet sich die Regisseurin beiden Hauptfiguren mit der gleichen Sorgfalt.

Und Léa Seydoux gelingt es, Charme und Distanz ihrer Rolle über die gut zweieinhalbstündige Laufzeit in einer faszinierenden Schwebe zu halten. Mit gleich vier Hauptrollen im Programm wäre dieses Cannes ein kleines Seydoux-Festival geworden. Bruno Dumonts Tragikomödie „France“ verdankt ihrer Leinwandpräsenz fast alles. Es ist eine etwas überlange Mediensatire um die Starreporterin eines Politmagazins, der durch ihre Kunst der emotionalen Ansprache auch die sozialen Medien zu Füßen liegen. Souverän inszeniert sie sich zwischen den Moderationen als mutige Kriegsreporterin, wobei nicht immer die Gefahren, aber doch die Tränen echt sind. Als sie sich in einer depressiven Phase in ein Alpensanatorium zurückzieht, erliegt sie dann selbst einem Fall von etwas schuftiger Verführungskunst: Der Mann, der hier ihr Herz stiehlt, ist ein verdeckter Reporter.

Das klingt alles nicht unbedingt nach einem besonders feinsinnigen Ausflug ins Satirefach für einen Regisseur, der schon die Leben von Jesus und Jeanne d’Arc verfilmte. Der Twist, mit dem er die abgestandene Debatte über journalistische Ethik dann doch noch rettet, ist die verblüffende Naivität seiner Helden: Sollten diese ruchlosen Medienprofis am Ende wirklich hinter dem eigenen Human-Touch-Journalismus stehen? Glauben sie gar an eine höhere Wahrheit, für die man auch mal lügen darf?

Wieviel radikaler ist dagegen der vierte Film von einer Frau in diesem überdurchschnittlichen Wettbewerb: „Titane“, der erst zweite Spielfilm der Französin Julia Ducournau, überführt Fragen von Geschlechteridentität in eine verwegene Kreuzung von Fantasy-Horror und Familienfilm. Eine junge Frau und gesuchte Mörderin schlüpft darin in die Rolle eines verschwundenen jungen Mannes – und gewinnt dabei das Herz des Vaters, eines Feuerwehrhauptmanns.

Jedes Bild dieses Films glüht förmlich in den tiefen Neonfarben eines expressiven Hyperrealismus. Für das Genre, das die Filmemacherin hier umarmt, gibt es den Hilfsnamen „Body Horror“, David Cronenberg ist ihr berühmtester Vertreter. Leicht könnte die Künstlichkeit die verwegene Geschichte ins Bedeutungslose treiben, doch dem stehen zwei außergewöhnliche Darstellerleistungen entgegen: Die nichtbinäre Autorin und Künstlerin Agathe Rousselle spielt die Protagonistin und ist ein Naturtalent. Man hält den Atem an, so schonungslos überlässt sie sich Ducournaus künstlerischer Vision – und diese dankt es ihr durch eine äußerst intime Inszenierungskunst. Dieses Feingefühl heißt nicht, dass es nicht anderseits einige der brutalsten Filmmorde der jüngeren Filmgeschichte zu ertragen gilt.

Und dann ist da noch ein Schauspieler, der alles kann, vielleicht derzeit der beste des französischen Kinos: Vincent Lindon spielt den Feuerwehrmann, der seinen vermeintlichen Sohn nicht aufhören wird zu lieben, mit überwältigender Glaubwürdigkeit. Es wird schwer um einen derart starken, wenn auch kontroversen Film herum zu kommen. Er hat alles, was Palmengewinner idealerweise haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare