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Archivmaterial aus Samantha Starks Dokumentation „Framing Britney Spears“. Foto: Felicia Culotta
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Archivmaterial aus Samantha Starks Dokumentation „Framing Britney Spears“.

Dokumentation

„Framing Britney Spears“ auf Amazon Prime Video: Fürsorgliche Belagerung

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Der Dokumentarfilm „Framing Britney Spears“ zeigt den Popstar als Gefangene eines gerichtlich bestellten Vormunds – und ist doch selbst ein fragwürdiges Boulevard-Produkt.

Was macht eigentlich…?“, lautet eine bekannte Frage des Boulevard-Journalismus, wenn es um noch nicht ganz vergessene Prominente geht. Heute hört man sie nicht mehr ganz so oft, denn wem seine Prominenz noch etwas wert ist, der beantwortet sie lieber selbst – auf Instagram oder Twitter.

Auch Britney Spears, die Anfang des Jahrtausends wie kaum jemand sonst im Blitzlichtgewitter des Boulevards stand, meldet sich regelmäßig auf Instagram. Doch was sie dort postet, ist meist rätselhaft. Die meisten ihrer kurzen Videos zeigen sie, wie sie lächelnd zu Popsongs tanzt und dabei, wie es aussieht, nichts dem Zufall überlässt. Die Songauswahl scheint um Mitteilsamkeit bemüht, wie zuletzt die Aerosmith-Rockballade „Crazy“. Die Videos sind in kurzen „Jump Cuts“ aufgelöst, ja geradezu zerschnitten. Oft schient auch die Geschwindigkeit überdreht, was ihre ekstatischen Pirouetten, noch bizarrer wirken lässt.

Was ist los mit dieser aufgezogenen Tanzpuppe, die sich selbst für verrückt erklärt? Will sie jenen recht geben, die sie 2008 unter rechtliche Betreuung stellten? Sind ihre Mitteilungen fröhliche Lebenszeugnisse, selbstironische Grüße an ihre Fans? Sind es verschlüsselte Hilferufe, die sagen wollen: „Ich bin ein Star – holt mich hier raus?“

Letztere Lesart verfolgt seit 2019 die Fanbewegung #FreeBritney, deren Sorgen nun ein von der „New York Times“ produzierter Dokumentarfilm ein breites Forum gibt. Tatsächlich bemüht sich Britney Spears’ vom Gericht bestellter Anwalt seit vergangenem August im Namen seiner Mandantin darum, ihren Vater als „conservator“ abzusetzen und durch Jodi Montgomery, eine frühere Managerin, zu ersetzen.

Doch es gibt wenig Anlass, anzunehmen, Britney Spears sei eine Gefangene in den eigenen vier Wänden. Die Bewegung selbst bezieht sich auf einen anonymen Anrufer, der sich 2019 bei einer Fan-Webseite als ehemaliges Mitglied ihres Anwaltsteam vorstellte. Auch in der neuen Doku ist die unidentifizierte Stimme zu hören, die aussagt, Spears’ Vater habe ihr Dauer-Engagement in Las Vegas abgesagt und halte sie gegen ihren Willen fest.

Ohne mit ihr oder einem einzigen näheren Bekannten gesprochen zu haben, zeichnet Filmemacherin Samantha Stark in „Framing Britney Spears“ die Chronik eines künstlerischen und persönlichen Niedergangs. Von Montag an ist der zunächst bei der Platform Hulu ausgewertete Film auch auf Amazon Prime zu sehen. Doch bestürzend ist eher das Bild, das er auf die amerikanische Qualitätszeitung wirft, die ihn produziert hat. Ähnlich wie viele billig produzierte Netflix- oder Amazon-Dokumentationen über Popkulturthemen verwendet er einen oberflächlichen Boulevardstil, unterlegt mit einem klebrigen Keyboard-Soundtrack, und reiht gratis verfügbare Internetclips aneinander. Die Kommentierung besorgen wenige Interviewgäste, von der Regisseurin zur äußeren Vereinheitlichung lieblos vor eine Blumenhecke gesetzt.

Künstler oder Künstlerinnen aus Spears’ Umfeld kommen ebenso wenig zu Wort wie gegenwärtige Rechtsbeistände. Lediglich ein ehemaliger Rechtsvertreter, den das Gericht aber nicht zuließ, gibt einen vagen Eindruck von der in der Tat schwierigen juristischen Lage.

Das deutsche Wort „Vormundschaft“ entspricht nicht ganz der in Kalifornien geltenden, weitreichenden Möglichkeit, Psychiatriepatientinnen und -patienten die Kontrolle über ihre Finanzen und wichtige Lebensentscheidungen zu entziehen. Eine besondere Tücke aber liegt darin, dass auch die Wahl eines rechtlichen Beistands diesen Mündeln verwehrt werden kann. Umso schwerer ist es, sich gegen Gerichtsentscheidungen zu wehren, was Spears derzeit versucht.

Doch der Ton dieses Films, der vorgibt, für die Rechte der Sängerin zu plädieren, könnte kaum herablassender sein. Ihre künstlerische Arbeit, die sie auch nach 2008 sehr erfolgreich fortsetzte, interessierte offensichtlich wenig. Es entsteht das Bild einer fremdbestimmten Künstlerin, die primär in einer Opferrolle porträtiert wird. Dass es Spears, die in der Tat das Opfer einer enthemmten Paparazzi-Kultur wurde, in erstaunlicher Weise gelang, weiterhin kreativ zu sein, passt offenbar nicht ins Bild.

Dabei ist auch dieser erbärmlich schlecht recherchierte Film ein Produkt eben jener ausbeuterischen Boulevard-Kultur, die er kritisiert. Am Mittwoch erklärte Spears dazu auf Instagram: „Mein Leben wurde immer beobachtet und es wurde darüber geurteilt und spekuliert ... Man braucht viel Vertrauen, der Welt dennoch seine Verletzlichkeit anzuvertrauen ... Ich habe nicht viel von diesem Film gesehen, doch was ich gesehen habe hat mich darüber beschämt, in welches Licht ich gestellt wurde. Ich habe zwei Wochen danach geweint.“

Nicht einmal ihre bei näherer Betrachtung ebenfalls sehr kreativen Instagram-Filme spielen in der Dokumentation eine Rolle. Spears zeigt sich darin immer wieder hinreißend ironisch. So postete sie zu Heiligabend 2020 eine Choreografie zum Chuck-Berry-Song „Run Rudolph Run“ als Hundejagd, ein anderes Mal postete sie unter dem Titel: „Quarantäne“ eine kleine Solo-Performance.

Schon ihr ursprüngliches Medienimage als erotisierte Unschuld war ohne Ironie nicht zu ertragen. So habe ich selbst Britney Spears erlebt, als ich sie 2002 für die FR interviewte. Man kam nicht nach mit den Fragen, so schnell kamen einem ihre Antworten entgegengeflogen, tough, humorvoll und auf eine charmante Weise bodenständig. Wie es scheint, verdient diese starke Frau nach allem, was sie durchgemacht hat, vor allem eins: Bewunderung. Und zur Abwechslung vielleicht auch ein Porträt, das ihr gerecht wird.

Framing Britney Spears. Dokumentar- film, USA 2021. Regie: Samantha Stark, 74 Minuten. Auf Amazon Prime Video.

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