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Maybrit Illner im Studio (Symbolbild).

"Maybrit Illner", ZDF

Von Fossilien und Feuerwehrleuten

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Maybrit Illner ließ über den Klimawandel debattieren ? leider redeten die Politiker zu viel und die Fachleute zu wenig.

Wer ist da bloß auf die Formulierung „Klimaretter Deutschland“ gekommen? Davon konnte doch nicht einmal die Rede sein, als die Berliner Republik noch scheinbar voranging beim Umweltschutz. Inzwischen ist der Ruf ramponiert, bei der Konferenz in Katowice wurde Deutschland soeben als „Fossil“ gebrandmarkt, deshalb lebt sich’s auch so ungeniert bei der Ignoranz gegenüber der Zerstörung des Planeten: Man erinnere sich nur an die deutsche Bremserei bei der EU-Abstimmung über die Abgaswerte.

Der Klimawandel ist ja nun ein Thema, bei dem jeder seine feste Meinung haben darf, unbefleckt von irgendwelchen Tatsachen. Das führte ein Einspieler treffend vor. Da sagte der weltgrößte Klima-Ignorant, derzeit im Weißen Haus vor sich hin dilettierend, er glaube nicht an den Klimawandel. Es sind aber 97 Prozent der Klimaforscher davon überzeugt, dass die Erderwärmung menschengemacht ist, wie Moderatorin Illner zwischendrin einflocht.

Lindner, Altmaier und Baerbock werden laut

Auch ihre Gäste waren sich in dieser Frage einig, während es bei der Debatte drüber, wie das Klima zu retten sei,  kreuz und quer ging. Es müssen ja fast immer Politiker in der Runde mitmischen, und dieses Mal war das besonders störend. Denn FDP-Chef  Christian Lindner und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ersetzen gerne mal Inhalte durch Lautstärke, Rededauer oder Nachdruck. Und Annalena Baerbock, Co-Parteivorsitzende von
Bündnis 90 / Die Grünen muss dann auch lauter werden.

So kamen die Fachleute zu kurz, die aber ließen keinen Zweifel daran, dass die Politiker erstens zu wenig tun und die Regierung die selbst gesteckten Ziele verfehlen wird, und schlimmer: dass dem Volk Sand in die Augen gestreut wird. In diesem Fall von Altmaier, der sich darin sonnen wollte, dass man beim  Strompreis „die Bezahlbarkeit im Auge“ habe. Doch das räumte ihm Philipp Schröder runter.

Der Unternehmer und Fachmann für Solartechnik wie auch E-Mobilität, wies darauf hin, dass zum einen die energie-intensiven Unternehmen von der Umlage für Erneuerbare Energien befreit werden. So gebe es immer noch Subventionen für Heizkessel; der Preis für fossile Energien sei schöngerechnet. Die auch hier wieder einmal oft bemühte Rentnerin zahlt mit dafür, dass die Politik den Kohleausstieg nicht geschafft habe, sagte Stefan Rahmstorf,
Klimaforscher und einer der weltweit bedeutendsten Ozeanographen. Laut dem Internationalen Währungsfonds würden jährlich 5000 Milliarden Dollar an indirekten Subventionen für Gewinnung fossiler Energie gezahlt – während jedes Jahr zwischen sechs und neun Millionen Toten als Folge der Luftverschmutzung zu beklagen sind.

Peter Altmaier, routinierter Verteidiger des Status Quo, war gut vorbereitet: Er zog einen Zettel aus der Tasche um zu zeigen, dass Deutschland zwar den CO2-Ausstoß kaum verringert habe, die Wirtschaft aber im gleichen Zeitraum um 20 Prozent gewachsen sei. Und schließlich seien wir die einzige große Industrienation ohne Atomenergie und Weltrekord-Inhaber: mit einem Anteil am Energieverbrauch von 38 Prozent an erneuerbaren Energien.

Da musste Christian Lindner expertenmäßig dagegenhalten.  Er kritisierte, dass man beim Energiesparen nicht genügend an die Mobilität und die „Wärmewende“ denke, aber gegen Fracking und CO2-Speicherung sei. „Wenn man immer gegen alles ist, wird's nicht gelingen“ versuchte er einen Punkt gegen die Grüne Baerbock zu machen. Und gegen Altmaier: Es fehlten 6000 Kilometer Stromleitung, im vergangenen Jahr seien aber gerade mal 28 Kilometer gelegt worden. 

Es wurde deutlich, warum Forscher Rahmstorf  prophezeite, man werde die selbstgesteckten Ziele nicht erreichen – zumal man sie einfach immer weiter verschiebe. Die Energiewirtschaft sei doch vorangegangen mit 40 Prozent weniger CO2-Ausstoß, warf  Gewerkschafter Matthias Dürbaum ein, Betriebsratschef der RWE Power am Tagebau-Standort Hambach. Man müsse Klimaschutz global, zumindest europäisch betrachten. Er bekam Unterstützung von Annalena Baerbock, die beteuerte, man müsse sich zusammensetzun und gemeinsam sozialverträglich den Strukturwandel in die Wege leiten. Doch stieß sie bei Dürbaum auf Ablehnung: Die Politik habe das Vertrauen verspielt.

Dabei ist unstrittig, so Philipp Schröder, das die Entkoppelung von CO2 eine Chance für die Volkswirtschaft biete. Neue Jobs durch den Klimaschutz seien möglich, bekräftigte die Grüne, die Politik müsse aber „Leitplanken setzen“, um Brüche zu vermeiden.

Von Unternehmerseite sei Verständnis vorhanden, sagte Schröder, denn Nachhaltigkeit sei ein Wert an sich; die Erkenntnis sei durchgedrungen, dass nur erneuerbare Energien wie Solarstrom eine Chance hätten. Und für das Wirken der Politik hatte er ein schönes Bild: Politiker wie Altmaier versuchten als Feuerwehrleute den Brand, die Klimakatastrophe, zu löschen. Lobbyverbände aber forderten von den Brandbekämpfern „Mach mir den Teppich nicht nass, wenn du löschst.“ Es sei aber schwierig für die Politik, mutige Entscheidungen zu treffen, wenn auch wir anderen nur „in der Komfortzone auf dem Sofa“ säßen und darum bäten, „nicht nass zu werden“.

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