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Nicky (Esben Smed) besucht seine Ex-Freundin Lina (Julie Grundtvig Wester) in der psychiatrischen Anstalt.

„Follow the Money – Die Spur des Geldes“ (Arte)

Das Verbrechen zieht weite Kreise

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Ein Leckerbissen dänischer Herkunft für das Publikum anspruchsvoller Kriminalserien bei Arte.

Das vielgescholtene „Redakteursfernsehen“ muss nicht zwingend zu schlechten Ergebnissen führen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen Dänemarks, das sich schlicht DR nennt, macht es seit Jahren vor. Wenn Arte ab heute die dritte Staffel der preisgekrönten dänischen Kriminalserie „Spur des Geldes – Follow the Money“ ausstrahlt, im Original „Bedrag“ (Betrug) geheißen, dann findet man im Produktionsteam Namen wie den der Produzentin und Redakteurin Piv Bernth. Bernth war an Qualitätsserien wie „Kommissarin Lund“, „Die Brücke – Transit in den Tod“, „Borgen“, „Die Erbschaft“, „Die Wege des Herrn“ beteiligt.

Hauptautor von „Borgen“ und „Die Wege des Herrn“ war Adam Price, der mit seiner jüngsten Serie „Ragnarök“ zu Netflix wechselte. Und plötzlich fehlen einige der Qualitäten, die die oben genannten Serien auszeichnen. Stattdessen erlebt man eine holprige Dramaturgie, flache und oft redundante Dialoge nebst einer konventionellen Bildgestaltung, die noch hinter hiesigen Vorabendserien zurückbleibt. Eine redaktionelle Kooperation, wie sie auf dem Literaturmarkt ja auch zwischen Autor und Lektor besteht, hätte den signifikanten Schwächen womöglich abhelfen können.

„Follow the Money – Die Spur des Geldes“: Der große Unbekannte

Wer mehr von einer Serie mit Fortsetzungshandlung erwartet, wird mit „Follow the Money – Die Spur des Geldes“ erstklassig bedient. Das gilt nicht nur für Freunde des Kriminalgenres. Über zehn Episoden hinweg erzählt das Autorenteam um die Ideengeber Jeppe Gjervig Gram, Jannik Tai Mosholt und Anders Frithiof August, Sohn des Regisseurs Bille August, von einer Sondereinheit, die den Hintermann eines groß angelegten Haschischschmuggels fassen möchte. Der Mann heißt Marco und soll in Spanien leben. Mehr weiß man nicht von ihm, außer dass er seine Unternehmungen mit minutiöser Planung und größter Finesse durchführt, weshalb man ihm bislang nichts anhaben konnte.

Marcos Statthalter in Dänemark ist Nicky Rasmussen (Esben Smed), der einige Jahre in Spanien verbracht hat und dort wohl mit Marco in Kontakt gekommen ist. Offiziell studiert Rasmussen Betriebswirtschaft und ist an einer Saftbar beteiligt. Das Dope-Geschäft läuft bestens, beschert ihm aber auch Probleme – er muss das Schwarzgeld waschen, um es ausgeben zu können. Eine Lösung findet sich, als er mit der Bankangestellten Anna Hansen (Maria Rich) bekannt gemacht wird.

Meisterliches Frauenporträt

Anhand dieser Figur lässt der epische Ansatz dieser Serie exemplarisch darstellen. Zu Beginn wird die eher zurückhaltende Hansen bei einer Beförderung übergangen. Sie sucht Zuflucht in der Toilette, stopft sich Papiertaschentücher in den Mund und stößt einen unterdrückten Schrei der Verweiflung aus. Ihre Frustration ist niederschmetternd. Ein eintöniger Beruf, die Familie schenkt ihr wenig Beachtung, nimmt sie als selbstverständlich hin. Zärtlichkeit hat es zwischen ihr und ihrem lieblosen Mann schon lange nicht mehr gegeben.

Als Beraterin im Verbrechermilieu lebt sie auf, kann ihre Kenntnisse anwenden, erntet Respekt, wird umworben. Maria Rich spielt diese sich allmählich vollziehende Verwandlung, diesen eigenwilligen Emanzipationsprozess, mehr als überzeugend: anfangs ein Duckmäuschen, das es allen recht machen möchte, langsam selbstbewusster werdend, fordernder und aggressiver, zwischenzeitlich besorgt und depressiv, als ihre illegalen Machenschaften aufzufliegen drohen.

Ein Krimi aus Ermittler- und Verbrecherperspektive

Ähnlich sorgfältig gehen die Autoren mit den anderen, sämtlich ambivalent angelegten Hauptfiguren um wie dem verbissenen Ermittlungsleiter Alf Rybjerg (Thomas Hwan), der nach einer schweren Schussverletzung an Schlaflosigkeit leidet und deshalb selbst zu Drogen greift.

Zerrüttete Psychen gibt es auf beiden Seiten. Auch die Verbrecher erhalten menschliche Züge, allen Charakteren wird eine ganze Bandbreite an Eigenschaften und Gefühlen zugestanden, aus denen sich die Motive für ihr Verhalten ableiten lassen. Einzelne Gangster und Polizisten geraten wiederholt in Zwickmühlen, die beim Zuschauer für Anteilnahme und Spannung zugleich sorgen. Manchmal ist auch Zeit für nebensächliche und skurrile Dinge. So bescheren moderne Kleinwagen den Dealern das Problem, dass sich keine Verstecke für Schmuggelware mehr finden lassen.

Der Dealer als zärtlicher Vater

„Follow the Money – Die Spur des Geldes“, ab Donnerstag, 19.3., 21:10 Uhr, Arte

Der kühle und zu Gewalttaten fähige Rasmussen erfährt, dass er einen fünfjährigen Sohn aus einer früheren Beziehung hat. Er lernt den Jungen kennen, buhlt um dessen Zuneigung und möchte ihn zu sich nehmen. Dazu muss er den Anforderungen des Jugendamtes genügen. Eine unerwartete Liebe tritt hinzu. Damit beginnt auch diese Figur sich schrittweise zu verändern.

Der Kriminalplot ist gut durchdacht. Autoren und Regisseure setzen nicht auf schnelle Szenenfolgen, lassen den Schauspielern Zeit und halten dennoch die Spannung. Gerade in der zweiten Hälfte dieser Staffel kommt es immer wieder zu unerwarteten Wendungen. Die Mühsal polizeilicher Ermittlungsarbeit wird deutlich, es gibt Rückschläge, Fehler, Einflussnahmen, Erfolgserwartungen. Der Druck provoziert Streit innerhalb der Einheit, die wiederholt zu zerfallen droht, wenn einmal mehr das Nervenkostüm in Fetzen hängt.

Auch Helden fehlen manchmal die Worte

Durch die Einbeziehung des Finanzsektors bietet sich ein Vergleich mit der deutschen Serie „Bad Banks“ an. Dort setzte man vor allem in der zweiten Staffel stark auf Tempo, merklich zum Nachteil der Erzählung. Zusammenhänge bei den Geldgeschäften wurden nicht deutlich, das Verhalten der Protagonisten schien nicht mehr von deren ureigenem Charakter, sondern von der Willkür des Autorenteams bestimmt. 

„Follow the Money – Die Spur des Geldes“ ist anders gestrickt. Jede Episode hat einen eigenen, visuell ausgefeilten Vorspann. Da wird zum Beispiel, den Titel wörtlich nehmend, der Weg eines Geldbündels verfolgt, das durch mehrere Hände wandert. Ein andermal zeigt die Anfangssequenz in einer virtuosen Montage den Weg des Hanfs von der Ernte über die Verarbeitung bis in den Verkauf. Wo aber angebracht und nötig, verlangsamen die Regisseure den Erzählrhythmus, bis hin zu ungewöhnlich langen Momenten des Schweigens.

Es lohnt sich, sich auf diese Machart einzulassen.

Von Harald Keller

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