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Actionfilm aus der nahen Zukunft: Kleber Mendonça Filhos „Bucarau“.

Filmfestival Cannes

Flüchtlingsboot als Geisterschiff

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Cannes zeigt sich ungewöhnlich offen für Genrekino: Beiträge aus Brasilien, Frankreich und dem Senegal.

Auch das ist schon fast ein Ritual in Cannes: Große Namen wecken große Erwartungen, doch noch lassen sie auf sich warten. So steht man doch wieder erst am Fuß dieser langen roten Treppe und muss sich langsam heraufarbeiten zu den erhofften Meisterwerken.

Jim Jarmuschs Zombie-Eröffnungsfilm „The Dead Don’t Die“ war eine vergnügliche Bagatelle. Und wie zur Bestätigung eines neuen Trends zum Genrekino aus Künstlerhand flogen gleich noch in einem weiteren Wettbewerbsfilm die Köpfe. Vor drei Jahren hatte der Brasilianer Kleber Mendonça Filho für sein Cannes-Debüt über 30 Festivalpreise eingeheimst. Das episch angelegte Sozialdrama „Aquarius“ über eine rebellische Rentnerin im Kampf gegen Wohnungsspekulanten hatte besonders durch seine Kulisse überzeugt. Verständlich, dass Filho seinen Ausstatter Juliano Dornelles nun gleich zum Co-Regisseur ernannt hat. In ihrem in naher Zukunft angesiedelten Actionfilm „Bucarau“ führen sie in ein gleichnamiges Fantasiedorf in einer südamerikanischen Wüstenlandschaft. Eine verschworene Gemeinschaft trotzt hier ähnlich beharrlich ihrem korrupten Bürgermeister wie die Seniorin im Vorgängerfilm der Macht der Immobilienheuschrecken. Doch die Idylle ist noch bedrohter, als es anfangs scheint: Der korrupte Politiker hat die Dorfbewohner buchstäblich zum Abschuss freigegeben – an eine Gang ausländischer Menschenjäger, angeführt ausgerechnet von Udo Kier.

Der deutsche Hollywoodstar hatte schon lange nicht mehr eine derart dankbare Schurkenrolle, würdig seiner Anfänge im Exploitationfilm der Siebziger. Auch der einfache Plot einer Touristenjagd auf Unschuldige kommt einem sattsam bekannt vor. Ob es ein Zufall ist, dass die Rechte an der oft verfilmten Kurzgeschichte „The Most Dangerous Game“ des Amerikaners Richard Connell gerade in diesem Jahr frei werden? Erwähnt wird die offensichtliche Vorlage im Vorspann allerdings nicht. Leider ist es nicht einmal die beste Verfilmung seiner unheimlichen Idee.

Während der 132 Minuten Laufzeit hofft man lange auf einen besseren Film als dieses Schwelgen in sadistischen Gamer-Fantasien mit anschließenden Rache-Exzessen seitens der Gejagten. Visuell ist das durchaus eindrucksvoll, doch in Verbindung mit aufgesetzter Kolonialismuskritik auch reichlich prätentiös. Was immer Filhos zur Überhöhung seines formelhaften Actionfilms aufbietet, es wirkt scheinheilig und prätentiös. Exploitationfilme wirken meist sympathischer, wenn sie schnell erzählt sind und nicht auftreten, als hätten sie einen Uniabschluss.

Auch das französische Jugendgang- und Polizeidrama „Les Misérables“ von Ladj Ly käme gut ohne seine Bezüge zu Victor Hugos gleichnamigem Romanklassiker aus. Ausgerechnet ein ungehobelt auftretender Polizist mit xenophoben Ansichten (Alexis Manenti) empfiehlt seinem jungen Kollegen (Damien Bonnard) bei einer Fahrt im Streifenwagen diese Lektüre. Man ist unterwegs in Montfermeil, den Pariser Vorort, in dem Hugo seinen Roman ansiedelte. Gemeinsam mit einem dritten Kollegen (Djebril Zonga) widmet man sich dort der Drogen- und Bandenkriminalität. Etwas schillernder scheint der Konflikt an diesem Tag: Einem Zirkusbetreiber ist ein Löwenjunges gestohlen worden, ein höchstens Zwölfjähriger ist schnell als Täter ausgemacht. Als ihn einer der Polizisten mit einer Waffe verletzt, filmt ein anderes Kind die Tat mit seiner Drohne – und schon hat der Polizeieinsatz vor allem das Ziel, diesen Beweis für die Truppe unschädlich zu machen.

Das Rollenvorbild des jugendlichen Dokumentaristen ist Ladj Ly selbst. Was er hier schildert, hat er selbst erlebt, in Frankreich wurde er mit Web-Dokumentationen bekannt. Dies ist sein erster Spielfilm, und selten hat man eine so lebensnahe Inszenierung mit Jugendlichen gesehen. Das einzige, was diesen rasanten Film hemmt, ist sein Genre-Überbau. Was für ein Film hätte dies werden können, wenn nicht drei Fernsehpolizisten die Protagonisten wären? Nur eine leichte Verschiebung der Präferenzen zu Gunsten der Jugendlichen, und Cannes hätte einen schönen Nachfolger für einen der Klassiker des Festivals, den man diese Tage in einer Open-Air-Vorstellung wiedersehen kann: „Sie küssten und sie schlugen ihn“.

Wie Ladj Ly hat auch eine weitere Debütantin im Wettbewerb einen afro-französischen Hintergrund. Die bislang nur als Schauspielerin bekannte Mati Diop stammt aus einer bedeutenden senegalesischen Künstlerfamilie. Ihr Onkel Djibril Diop Mambéty ist der Regisseur des afrikanischen Filmklassikers „Touki Bouki“. Diese poetisch erzählte Migrationsgeschichte – in Cannes 1973 gezeigt – könnte auch ein Vorbild für Diops Flüchtlingsdrama „Atlantique“ gewesen sein, das ebenfalls im Senegal angesiedelt ist. Im Mittelpunkt steht freilich eine Daheimgebliebene: Eine junge Frau hat ihren Geliebten durch die Flucht verloren, sie selbst wird zwangsverheiratet an einen reichen Bauunternehmer. Doch als am Hochzeitstag plötzlich das Ehebett in Flammen steht, wird der Geflüchtete von der Polizei verdächtigt. Als gleichzeitig die Frauen der anderen Migranten, allesamt ausgebeutete Bauarbeiter, von der Firma des Bräutigams ausstehende Lohnzahlungen fordern, wird klar: Man hat es bei den Rebellen mit Geistern zu tun, das Flüchtlingsboot ist längst gesunken.

Seit die Europäische Union ihre Seenotrettung beendet hat, sind auch die Bilder der Ertrunkenen in unseren Medien seltener geworden. Diesem Fall systematischer Verdrängung stellt sich nun offensichtlich die Kunst entgegen. Zunächst ist man etwas irritiert, die nach wie vor andauernde Katastrophe als Gegenstand einer Geistergeschichte zu sehen. Doch was Mati Diop hier vorlegt, ist eine hochkomplexe, imponierende Verbindung realistischer und mythologischer Motive. Man kennt ähnliche Filmerzählungen vom Thailänder Apichatpong Weerasethakul.

Auch wenn es Diop nicht immer gelingt, die Wirklichkeitsebenen zu einem geschlossenen Ganzen zu verweben, ist dieses Debüt mehr als ein Talentbeweis. Es ist der beste Film, der hier bislang zu sehen war; es ist die Sorte Film, die noch lange unter der Haut seines Publikums weiterlebt. Der Jury dürfte es nicht anders gehen.

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