Köln wie es leibt und lebt: Manche der Gangsta-Rapper aus der Westside haben es wie Eco Fresh (links mit schwarzem Kapuzenpulli) bereits zu Ruhm und Geld gebracht.
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Köln wie es leibt und lebt: Manche der Gangsta-Rapper aus der Westside haben es wie Eco Fresh (links mit schwarzem Kapuzenpulli) bereits zu Ruhm und Geld gebracht.

"Westside Kanacken"

Flucht auf die Straße

Die 3Sat-Doku "Westside Kanaken"geht subtil vor: Peter Schran begibt sich in die Szene des Gangsta Rap in Köln. Er nimmt die Rituale der jungen Männer ernst, bringt sie zum Reden. Von Natalie Soondrum, mit Videos

Von NATALIE SOONDRUM

Er geht die Straße entlang, mit einem Rollen in den Hüften, die Kamera dicht an ihm dran. Die kugelrund trainierten Oberarme stecken in einem schwarzen Lederblouson, die graue Sweatshirt-Kapuze steht ihm hinten aus dem Kragen heraus. Seine Haare - kurz und sorgfältig ausrasiert.

"Ich bin ich", sagt er, das Gesicht zur Kamera gewandt, "mir ist egal, was die Leute sagen, Alter." Er macht bei einer Gruppe junger Männer auf der Straße halt. Sie tragen schwarze T-Shirts mit dem Aufdruck "Grembranx". Hände schlagen ein, Küsschen rechts, Küsschen links. Flotte Bildschnitte, die grinsende Gesichter und einschlägige Handgesten zeigen, nie eine echte Totale, die es dem Zuschauer erlaubt, sich sofort zu orientieren, sich auf Anhieb ein Bild vom Ganzen zu machen.

Die Dokumentation "Westside Kanaken", gestern Abend auf 3Sat in der Erstausstrahlung, geht subtil vor: Peter Schran hat sich in die Kölner Szene des Gangsta Rap begeben. Er trifft dort die "Kanaken" aus den Kölner Stadtteilen Grembach, Chorweiler und Ossendorf, taucht ein in ihre Welt. Er übernimmt ihre Formen der Repräsentation, das Straßenvideo, nimmt ihre Rituale ernst.

Das hat Vorteile. Man merkt, dass die jungen Männer mit dieser Form ihrer Darstellung einverstanden sind, sich von ihr respektiert fühlen. Nach wenigen Minuten ist es einem schon egal, ob man hier bei jedem Detail durchsteigt. Stattdessen hört man staunend den Männern zu, die bestimmte Leute ohne mit der Wimper zu zucken einer so genannten "Parallelgesellschaft" zuordnen würden. In ihren eigenen Worten artikulieren sie in überraschend nuanciertem Deutsch ihre eigene Situation.

Wir lernen die schweren Jungs von La Honda kennen, Özgür G. alias OJ Kingpin und sein Partner Bernas A. alias Bero Bass, beide Jahrgang 1980. Die beiden waren mal Teil einer kriminellen Bande, vielleicht sind sie es auch noch. Sie hatten ein Fitnessstudio und waren als Türsteher dick im Geschäft. Jetzt geben sie sich mit anderen Kollegen bei der Videoproduktionsfirma "Streetcinema" die Klinke in die Hand.

"Wenn es Nacht wird", La Honda

Malic Bergiel, den Geschäftsführer und Regisseur von Streetcinema, der erklärt wie sein Geschäft läuft. Er mache Videos von jedem: Egal aus welchem Stadtteil er sei, und egal zu welchem Zweck: Manche seiner Kunden seien Zuhälter, die ein Musikvideo machen wollten, um "mehr Macht auf der Straße zu erlangen", manche wollten wirklich als Rapper einsteigen in das HipHop-Geschäft.

Der Machismo hat auch andere Facetten

So sieht also die "Parallelgesellschaft" aus: Die Söhne türkischer Migranten, Mitte bis Ende Zwanzig. Sie dealen Drogen, pumpen ihre Muskeln auf, tragen Waffen, haben ein endloses Strafregister. Ihre Texte sind roh, voller Gewalt und selbstverständlich Frauenfeindlich - "Ich schick’ die Fotzen ficken". Sie hassen Berlin, das in ihren Augen verweichlicht ist. "Das ist hier keine Berliner Scheiße, Alder. Bushido, der ist kein Gangsta, der is’ ein guter BWLer. Der ist mal hier gewesen und hat bei uns geklaut."

Doch dieser Machismo hat auch andere Facetten. Ali, genannt Aka, hat es eilig. Seine kleine Tochter hat Geburtstag und er will ihr als Geschenk ein Video aufnehmen. Doch er ist im offenen Vollzug und hat einen Fehler gemacht, was bleibt offen. Aber einer seiner Kumpels lässt sich vorsorglich eine kugelsichere Weste von zuhause mitbringen. Ali soll wieder weggesperrt werden. Er ist getürmt, um noch das Video fertig zu bekommen.

Mit großen, traurigen Augen folgt er den Ermahnungen seiner Kumpels: "Du musst dich stellen, Alter, sonst wird es noch schlimmer." Und "Was hast nur gemacht?" Ali erzählt geknickt, seine Kindheit sei schwer gewesen, sein Vater nie für ihn da. "Ich wollte alles anders machen, doch jetzt bin ich schlimmer als mein eigener Vater. Meine Tochter kommt in die Schule und ich kann nicht dabei sein". Er hat schon die Schultüte mit ihr zusammen gebastelt.

"Leyla", Aka

S-Dog von Crazy Kanack, ein Schlacks mit tief in die Stirn gezogener Wollmütze und fein geschnittenen Gesichtszügen, führt uns in die Wohnung seiner Eltern. Spießige Küche, Schrankwände, blitzblank sauber. Seine Mutter huscht mit Kopftuch und gesenktem Blick an der Kamera vorbei. S-Dog hat nach der Schule Bürokaufmann gelernt, doch gearbeitet hat er nie in dem Beruf. "Das ist für mich moderne Sklaverei." Hartz IV bezieht er nicht, wie viele seiner Freunde auch. Er wolle nichts vom Staat, der noch nie etwas für ihn getan habe. Die 345 Euro seien sowieso nur ein Hohn.

Arbeit? Das ist moderne Sklaverei

Ganz nebenbei erfahren wir, dass er von seiner Frau getrennt lebt, mit der er zwei Kinder hat. Er kriegt fast täglich Briefe vom Amtsgericht, er solle die Vaterschaft anerkennen. Er schluckt, fängt sich, erklärt: "Ich erkenne die Vaterschaft erst an, wenn ich meine Kinder wieder sehen darf." Er ist offensichtlich nicht davon überzeugt, dass ihm das gelingen wird. Das System ist nicht auf seiner Seite.

Das Kamerateam fragt S-Dogs Vater, ob er sich nicht Sorgen um seinen Sohn mache. Der Vater lacht und antwortet in gebrochenen Deutsch: "Zeigen Sie mir bitte mal die Eltern, die sich nicht um ihre Kinder Sorgen machen. Das gehört dazu." Draußen im Park trifft sich S-Dog mit seinen Jungs. Einer sagt: "Was soll auch dabei rauskommen, wenn man hier alle Türken zusammensteckt. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Ich habe so oft von deutschen Kölnern zu hören bekommen, ihr Scheiß-Kanaken. Mit 14 Jahren habe ich eine deutsche Freundin gehabt, da habe ich zum ersten Mal die deutsche Kultur kennengelernt.

"Blockboys 678", Karakan

Im Tonstudio sitzt einer dieser Türsteher-Typen mit Stiernacken, wir sind gerade zurück vom Dreh mit dem Zuhälter Karakan, der im Puff umgeben von Frauen, die ihre Silikonbrüste und ihren Schritt kreisend in die Kamera gereckt haben, ultimative Wahrheiten seines Daseins skandiert hat. Er blickt nachdenklich vor sich hin: "Die wachsen hier auf, ihre Nachbarn sind auch nur Kanaken, der Vater kann kein Deutsch. Die flüchten nach draußen auf die Straße, weil sie keine Verbindung zur Gesellschaft haben. Deshalb gehen sie raus."

Der Islam kommt in diesem Film nicht mal in einem Nebensatz vor. Frauen in Wahrheit auch nicht. Schran gelingt die Gratwanderung: Sein Film ist weder eine ethnographische Feldstudie, wie Herman Tertilts - zweifellos wertvolles - Buch "Turkish Power Boys" von 1996, noch lässt es sich zu sehr einfangen vom "Style" der Szene wie etwa der deutsche Grafitti-Spielfilm "Wholetrain" von 2006. Es gelingen ihm ganz beiläufig bewegende Porträts einer Generation junger Männer in Deutschland. Schran führt dem Zuschauer einmal mehr vor Augen: Integration ist keine Frage der Kulturzugehörigkeit. Sie ist eine Frage der sozialen Schicht.

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