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Bettina Widner aus Berlin spürt noch heute die Folgen der Kriegstraumatisierungen ihrer Eltern, obwohl sie im Frieden aufgewachsen ist.

"Vererbte Narben", arte

Der Fluch der späten Geburt

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Eine nüchterne, aber angenehm klare Doku erklärt die Weitergabe von individuellen Traumata in die nächsten Generationen ? seien es Kriegs-, Missbrauchs- oder Fluchterfahrungen.

Das Phänomen der „transgenerationalen Traumata“, dass traumatische Erfahrungen nicht nur das eigene Leben, sondern auch Familiendynamiken und selbst das Leben der Enkelkinder prägen können, hat man als aufmerksamer Europäer vermutlich schon mal mitbekommen. Auf wie viele unterschiedliche psychologische, soziale, gesundheitliche und genetische Weisen das passieren kann, darüber klärt Liz Wieskerstrauchs einstündige Wissenschaftsdoku auf.

Neben zahlreichen Interviews mit renommierten Forschern setzt sie dabei auf sensibel erzählte Einzelschicksale: Die junge Frau, die nach einer langen Leidenszeit aus Depression und Suizidversuchen die Missbrauchsgeschichte ihrer Mutter und ihrer ganzen Familie aufdecken und aufarbeiten lernte. Die algerische Familie, die von der Großelterngeneration aus dem Ersten Weltkrieg und von der Elterngeneration Flucht-Traumata mitbekommen haben, die sich in zahlreichen psychologischen Leiden manifestiert. Die erwachsene Deutsche, die ihre plötzlich auftretenden Panikattacken auf ihre Familiengeschichte im Krieg zurückführt. Ein kleiner Junge, der nachts plötzlich von Fliegersirenen träumt und spontan das Haus verlässt und sich unter einer Brücke verkriecht – ohne je von den Bombenerfahrungen seiner Mutter erfahren zu haben.

Wie solche erst mal kontraintuitive „Vererbungen“ oder die Weitergabe von solchen eigentlich doch individuellen Traumata im Detail funktionieren, das wird so schlüssig erzählt, dass auch die beharrlichsten Zweifler an psychologischen oder psychosomatischen Krankheiten überzeugt werden dürften. Von der Gehirnforschung, die zeigt, wie bei Eltern während der Interaktion mit ihren Kindern unterbewusst ihre eigenen Kindheitstraumata getriggert werden und Stress und Verhaltensstörungen auslösen; über die Bewusstseinsforschung, die mehr und mehr herausfindet, wie über die geheimnisvollen Spiegelneuronen Kinder die kleinsten Verhaltensmerkmale ihre Eltern wahrnehmen und interpretieren; über die Verhaltensforschung, die erklärt, wie eigene Traumata oder PTSD oft zu Gefühlskälte, Übervorsicht oder sogar Gewalt gegen die eigenen Kinder führen kann; bis zur Genetik, die herausgefunden hat, wie genetische Schalter für gewissen Hormone und Botenstoffe durch Traumata aktiviert und dieser geänderte Zustand anschließend vererbt werden können.

Dass dieses Thema nicht nur für die Enkel der Kriegsgeneration und die Opfer häuslicher Gewalt hochaktuell ist, beweist die Doku mit einem abschließenden Schwenk auf die derzeitige Flüchtlingswelle: Nicht alle Menschen reagieren auf Stress gleich, und längst nicht alle tragen bleibende Schäden davon oder geben diese an nachfolgende Generationen weiter.

Aber die Doku macht auch klar, dass die psychischen Narben einer Flüchtlingsbevölkerung, die Krieg, Gewalt und Todesgefahr am eigenen Körper erlebt haben, weder schnell verheilen noch nach einer Generation als vergangen abgehakt werden kann. Hier wird ein bewegender Appell vorgetragen, die „Willkommenskultur“ auch auf langfristige institutionelle Hilfe und persönliche Anteilnahme auszuweiten.

Die Regisseurin Liz Wieskerstrauch, die sich seit Jahren auf Dokumentarfilme über psychologische Leiden spezialisiert hat, hält sich bei diesem komplizierten und sicher auf den ersten Blick auch kontroversen Thema visuell angenehm zurück. Mit einem pointierten, pulsierenden Score und atmosphärischen Zeitlupenaufnahmen im soften Fokus stellt sie dem Zuschauer nichts in den Weg, was ihn von der konzentrierten Erzählung und den präzisen Talking-Heads-Interviews der Wissenschaftler ablenken könnte. Fakten stehen im Zentrum – über Gefühle wird geredet, sie werden nicht auch noch dargestellt.

Wer also Schock, Voyeurismus oder Drama sucht, wird hier nicht fündig. Wer dagegen viel über ein derzeit fleißig beackertes und hochaktuelles Forschungsfeld lernen möchte, der umso mehr.  

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